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Blick hinter die Zahlen #25 – E-Autos Darum sehen selbst Autohändler die E-Auto-Prämie kritisch

In Deutschland gibt es immer mehr Elektroautos. Um ihren Absatz weiter zu steigern, profitieren Käufer derzeit von einer üppigen Prämie. Doch selbst Autohändler sehen die Subvention kritisch.

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Für staatliche Kaufprämien sind Autohändler eigentlich immer zu haben. Denn wenn Neuwagenkäufe aus dem Steuertopf bezuschusst werden – wie etwa nach der Finanzkrise von 2008 mit der sogenannten Abwrackprämie –, dann stürmen die preisbewussten Deutschen zuverlässig die Verkaufsräume.

Neuerdings aber kommen ganz neue Töne aus den Autohäusern: Die unlängst beschlossenen Kaufprämien für Elektroautos und Plug-in-Hybride (Verbrenner mit einem zusätzlichen, aufladbaren Elektroantrieb) sind nach Auffassung des Autohändler-Verbandes ZDK unnötig. „Bereits durch die im November 2019 angekündigte und ab Mitte Februar 2020 wirksame erste Erhöhung der Umweltprämie wurde ein Nachfrageschub ausgelöst, der zu Lieferzeiten teilweise bis ins Jahr 2021 geführt hat“, sagte ZDK-Vizepräsident Thomas Peckruhn der Zeitschrift „auto motor und sport“: „Daher hätte es einer weiteren Erhöhung dieser Prämie nicht bedurft.“

Tatsächlich: Nicht bei der Nachfrage klemmt es, sondern beim Nachschub aus den Fabriken. Viele Kunden müssen monatelang auf ihr neues E-Auto warten, manche sogar länger als ein Jahr. Im ersten Halbjahr 2020 wurden 55 Prozent mehr rein elektrisch angetriebene Autos in Deutschland abgesetzt als im gleichen Zeitraum 2019. Bei den Plug-in Hybriden betrug der Zuwachs laut Kraftfahrt-Bundesamt sogar 200 Prozent.

Privatkäufer werden vor allem von der Kaufprämie von bis zu 9000 Euro gelockt. Dadurch reduziert sich der Kaufpreis teilweise um mehr als die Hälfte. So ist etwa der Kleinwagen Renault Zoe nun schon für rund 10.000 Euro zu haben. Weil auch der Unterhalt günstiger ist als bei einem Verbrenner, ist der E-Antrieb bei manchen Modellen die kostengünstigste Variante. Firmenwagenfahrer lockt zudem der Steuervorteil: Sie müssen nicht ein Prozent des Kaufpreises jeden Monat als geldwerten Vorteil versteuern, sondern nur 0,25 Prozent (rein elektrisches Auto) oder 0,5 Prozent (Plug-in Hybrid). Das erklärt den sprunghaften Anstieg bei Plug-in Hybriden, die typische Firmenwagen sind.

Der Elektroboom hat noch einen anderen Grund: Erstmals wollen Autobauer auch wirklich E-Autos und Hybride verkaufen. Denn 2020 müssen sie mit ihren verkauften Neuwagen in der EU eine Obergrenze beim CO2-Ausstoß einhalten, was vielen Herstellern schwerfällt. Nur mit einem höheren Anteil von E-Autos sind die CO2-Vorgaben zu schaffen. Dementsprechend halten die Hersteller die Händler nun an, Elektromodelle zu verkaufen, und setzen auch entsprechende Anreize.

Bestand an E-Autos in Deutschland

Der neue Elektroboom ist allerdings noch zu frisch, um das Straßenbild zu verändern: Nur 1,4 Prozent aller Autos auf deutschen Straßen hatten 2019 einen Elektroantrieb. Ein Fünftel davon – 0,3 Prozent – hatten keinen Auspuff, waren also reine E-Autos. Dass sich die Mischung schnell zugunsten der E-Autos verändern wird, zeigen die Zulassungszahlen des vergangenen Jahres: Immerhin 8,3 Prozent der Neuwagen hatten einen Elektromotor. Knapp zwei Drittel davon (5,3 Prozent) waren einfache Hybride, bei denen der Elektroantrieb nur der Spritersparnis dient, die aber nicht per Stecker aufgeladen werden können; gut ein Drittel (3 Prozent) entfiel auf reine E-Autos und die aufladbaren Plug-in Hybride.

Schon in ganz anderen Sphären sind die Länder Skandinaviens unterwegs: In Norwegen waren im vergangenen Jahr 44,6 Prozent der neuzugelassenen Wagen reine E-Autos oder Plug-in Hybride, in Schweden 10 Prozent, in Finnland 6 Prozent. Allein in Norwegen wurden damit über 81.000 E-Autos abgesetzt – jedes vierte davon aus deutscher Produktion. Island glänzte mit 22 Prozent E-Autos, die Niederlande mit 13 Prozent, China mit 5 Prozent – was bei der Größe des Marktes 1,3 Millionen neuen E-Autos entspricht. Die USA liegen trotz eines Elektroauto-Absatzes von 317.000 Stück bei unter zwei Prozent, ebenso wie Japan und Italien.

Absatz von reinen Elektroautos nach Bundesländern 2019

Innerhalb Deutschlands ist die Bereitschaft, elektrisch zu fahren, ganz unterschiedlich ausgeprägt: In den Bundesländern mit einer großen Autoindustrie – Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen – waren 2019 rund 2 Prozent der Neuwagen E-Autos. Die Auto-Bundesländer liegen damit im Mittelfeld. Thüringen – mit der Region Eisenach auch ein Zentrum der Autoindustrie – führt das Ranking mit 3,4 Prozent an. Viele Elektro-Muffel dagegen gibt es in den anderen Bundesländern im Osten, aber auch in Hamburg, wo der Elektro-Anteil zwei Drittel niedriger war als etwa in Berlin.

Die Rubrik „Blick hinter die Zahlen“ entsteht mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Für die Inhalte der Beiträge ist ausschließlich die WirtschaftsWoche verantwortlich.

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