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Blick hinter die Zahlen #31 – Nebenjobs Der Trend geht zum Zweitjob

Fast vier Millionen Menschen in Deutschland haben mehr als eine Stelle. Fast doppelt so viele wie vor 20 Jahren. Was die Nebenjobber tun - und wie viel sie dort verdienen.

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Die meisten Menschen kennen Nebenjobs aus einer Zeit, in der sie noch gar keinen Hauptberuf hatten: Als Schüler Zeitungen austragen oder als Studierende kellnern im Café. Ein Taschengeld verdienen, um die ersten eigenen Anschaffungen zu stemmen oder etwas mehr, um die Miete für ein WG-Zimmer oder die Studienbeiträge zu bezahlen. Doch es gibt noch eine weitere Gruppe der Nebenjobber, die seit Jahren beharrlich wächst: Mehrfachbeschäftigte, die einem Hauptberuf nachgehen, aber zusätzlich noch eine weitere Arbeit haben. Fast vier Millionen Menschen waren es laut der aktuellen Arbeitszeitberechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im ersten Quartal 2020. Im Jahr 2000 waren es lediglich 1,68 Millionen, im Jahr 2010 dann bereits 2,84 Millionen.

Welche Hintergründe diese Entwicklung hat, haben die IAB-Forscher Sabine Klinger und Enzo Weber in einer Studie näher untersucht. Auf der Suche nach Gründen für die Nebentätigkeit fanden sie in den Arbeitsmarktdaten zwei vorrangige Motive: Wer in seinem Hauptjob nicht genug verdient oder nicht genug arbeiten darf, um für seinen Haushalt genügend Geld zu verdienen, muss sich nach einer zweiten Tätigkeit umschauen. Neben dem finanziellen sehen die Ökonomen aber noch ein anderes, das sogenannte Portfoliomotiv. Dabei gehe es Nebenjobbern darum, „den Hauptjob um Tätigkeiten zu ergänzen, die Spaß machen oder Prestige bringen“, etwa wenn ein Arbeiter abends noch als Musiker auftrete oder eine Forscherin Politik oder Wirtschaft berate.

Mögliche Kombinationen aus sozialversicherungspflichtigerund geringfügiger Beschäftigung

Die meisten Nebenjobs werden als geringfügige Beschäftigung, auch Minijob genannt, ausgeübt. Dabei werden Verdienste unter 450 Euro weitgehend von Steuern und Sozialabgaben befreit. So bleibe mehr Netto vom Brutto und Arbeitgeber könnten geringere Stundenlöhne zahlen, was den Minijob für beide Seiten attraktiv mache, so die IAB-Forscher. Die Kombination aus sozialversicherungspflichtigem Hauptberuf und geringfügiger Nebenbeschäftigung ist daher auch die mit Abstand beliebteste Kombination von zwei Tätigkeiten. Fast 90 Prozent der Menschen mit Nebenjob arbeiten so.
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch einen Nebenjob aufnimmt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zum einen spielt das Geschlecht eine Rolle: Rund 57 Prozent der Nebenjobber sind Frauen. Auch das Alter macht einen Unterschied. So ist der Anteil von Arbeitnehmern mit Nebenjobs bei Menschen zwischen 40 und 50 besonders hoch. Diese Erkenntnisse sind aber eher Beschreibungen der Statistik, keine Begründungen für mehr Nebenjobs.

Durchschnittliches Entgelt in der Hauptbeschäftigung pro Kalendertag

Eindeutig ist zudem, dass auch finanzielle Motive eine Rolle spielen: Menschen die einen Nebenjob ausüben, verdienen laut IAB-Zahlen im Durchschnitt 76,10 Euro pro Kalendertag im Hauptberuf, Menschen mit nur einem Job dagegen 95 Euro. Daraus ergibt sich ein Unterschied von gut 570 Euro im Monat. 

Eine weitere Ableitung der Statistik, die eher für ein finanzielles Motiv für einen Zweitjob spricht findet, wer die Statistik auf Berufe herunterbricht. Besonders häufig üben Nebenjobber einen verhältnismäßig schlecht bezahlten Hauptberuf aus. Dazu zählen die IAB-Forscher zum Beispiel Organisations-, Verwaltungs- und Büroberufe, die fast 20 Prozent aller Nebenjobber im Hauptberuf ausüben. Ebenfalls sind Menschen, die allgemeine Dienstleistungen erbringen, in Verkehrsberufen, im Gesundheitswesen und in Sozial- und Erziehungsberufen arbeiten, häufiger nebenberuflich tätig. Tendenziell gut bezahlte Ingenieure, Chemiker, Physiker oder Mathematiker haben dagegen fast nie einen zweiten Job.

Menschen in geringfügigen Nebenjobs sind in diesenausgewählten Hauptberufen beschäftigt

Ebenfalls wenig überraschend: Die meisten Nebenjobs findet man nicht in den hochbezahlten Ingenieurberufen, sondern vor allem bei den allgemeinen Dienstleistungsberufen. Hierzu zählen etwa Gebäudereiniger, Kellner oder andere im Gastgewerbe tätige Menschen. Fast ein Drittel aller Mehrfachbeschäftigten tummelt sich in diesen Feldern, während die Zahl der nebenberuflichen Naturwissenschaftler kaum messbar ist.

Für Sabine Klinger und Enzo Weber gibt es mehrere gesellschaftliche Entwicklungen, die den Trend zum Zweitjob verstärkt haben. Zum einen steige mit wachsender Beschäftigung grundsätzlich auch die Zahl der Nebenjobber - auch wenn diese relativ gesehen stärker zugelegt haben. Zudem würde der Reallohn vor allem niedrigqualifizierter Arbeitnehmer eher sinken, was die finanzielle Motivation für einen Nebenjob verstärke. Auch die wachsende Teilzeitquote führe dazu, dass der finanzielle Druck oder die zeitliche Flexibilität dazu führe, dass mehr nebenbei gearbeitet würde. Und schließlich hätten die Hartz-Gesetze die Minijobs stark begünstigt.

In diesen Berufen üben sozialversicherungspflichtig Beschäftigte ihren geringfügigen Nebenjob aus

Begrüßenswert finden sie diese Entwicklung aber nicht. Grundsätzlich sei es gut, Anreize zu setzen, die Menschen zum Arbeiten motivieren. Doch die Begünstigung der Zweitbeschäftigung bei einem anderen Arbeitnehmer sei nicht das richtige Instrument. Einerseits würden dadurch auch Gutverdiener profitieren, die die Förderung nicht nötig hätten. Andererseits leisteten kleine Nebenjobs „gerade für die Personen, für die es besonders wichtig wäre, kaum einen Beitrag für eine nachhaltige berufliche Entwicklung und Alterssicherung“, schreiben die Forscher. Besser wäre es, der Staat würde die Arbeit in der Hauptbeschäftigung stärken, indem dort mehr verdient werden könne.

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