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Blick hinter die Zahlen #33  –  Irreführende Einkommensstatistiken So reich ist jeder Deutsche

Zahlen wirken wahrhaftig und uninterpretierbar. Dabei können sie völlig in die Irre führen, besonders bei Einkommen und Vermögen.

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„So reich sind die Deutschen.“ „So viel verdient ein Angestellter.“ Schlagzeilen wie diese bringen Aufmerksamkeit. Dass Sie diesen Text lesen, zeigt es mal wieder. Kein Wunder, denn – das haben viele Forscher herausgefunden – deutlich wichtiger als das absolute Niveau von Einkommen oder Vermögen ist für uns alle das relative Niveau. Wir brauchen nicht unbedingt ein ultrahohes Gehalt, den schicksten Sportwagen vor der Tür, solange wir im Vergleich zu anderen, vor allem den für uns bedeutsamen Vergleichspersonen (unserer Peergroup), mithalten können.  

Das Problem daran: Wir wissen nicht, wie viel andere verdienen und besitzen. Über Geld redet man schließlich nicht. Das gilt auch heute oft noch. Statussymbole, vom neuesten Smartphone über die Luxusuhr bis zur Traum-Kreuzfahrt, sind dann eine Möglichkeit, zumindest indirekt eine Ahnung vom Geldbeutel des Gegenübers zu bekommen. Allerdings kann Reichtum so sehr einfach vorgetäuscht werden. Etwa, wenn der Porsche nur geleast ist, die Rolex eine Fälschung aus dem letzten Türkei-Urlaub und der Traumurlaub per Dispokredit finanziert.  

So bleibt uns nur eine unumstößliche Wahrheit: die der Zahlen, Daten und Fakten.

Wie viel Nettomonatseinkommen die deutschen Haushalte haben (in Prozent)

Schön wär es! Denn tatsächlich führt auch die beim Vergleich mit anderen in die Irre. Ein Beispiel: Laut Statistischem Bundesamt hat ein vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer im Jahr 2019 durchschnittlich 3994 Euro im Monat verdient, ohne Sonderzahlungen wie Bonus, Urlaubs- oder Weihnachtsgeld. Doch die Statistiker weisen gleich selbst darauf hin, dass dieser Wert ein arithmetischer Mittelwert sei. Kurz zur Erinnerung: Das ist der übliche Durchschnitt, bei dem alle Beobachtungen summiert und durch ihre Anzahl geteilt werden. Aus früheren Erhebungen wisse man, so das Statistische Bundesamt, dass knapp zwei von drei Vollzeitbeschäftigten weniger als der Durchschnitt verdienten. Nur ein gutes Drittel liege über dem Schnitt. 

Und damit sind wir schon beim Hauptproblem. Das gängigste statistische Maß, der Durchschnitt, ist extrem anfällig für Ausreißer. Extrem hohe Werte können den Schnitt nach oben ziehen, sodass er letztlich kaum einen Eindruck vom typischen Wert in der abgebildeten Gruppe gibt. Bei Einkommens- und Vermögensstatistiken gibt es besonders häufig Ausreißer. Und so ist das Risiko groß, dass wir uns mit einem vermeintlich üblichen Niveau vergleichen, dass tatsächlich nur eine kleine Anzahl erreicht oder gar übertrifft. Wir fühlen uns dann ärmer und einkommensschwächer als wir im Vergleich zu vielen anderen eigentlich sind. 

Wie viel Nettomonatsvermögen Haushalte je nach Nettoeinkommen erreichen

Vermeiden lässt sich das mit einem anderen statistischen Maß, dem Median. Er teilt eine Gruppe genau in zwei gleich große Hälften: Die eine Hälfte liegt über dem Median. Die andere Hälfte liegt darunter. Und zwischen Durchschnitt und Median kann es tatsächlich große Abweichungen geben, sowohl bei großen Gruppen als auch bei kleinen. 

Das zeigt sich in Hessen. Das dortige Landesamt für Statistik veröffentlicht für alle hessischen Gemeinden detaillierte Werte der Steuerstatistik. Sie beziehen sich auf Steuerpflichtige, das können Alleinstehende, Ehepartner und eingetragene Lebenspartner mit separater Steuererklärung, aber auch Paare mit einer gemeinsamen Steuererklärung sein. Abgebildet wird der Gesamtbetrag der Einkünfte. Vom Gesamteinkommen sind dabei schon berufliche Ausgaben (Werbungskosten oder Betriebsausgaben) und spezielle Steuer-Freibeträge abgezogen. Weil Finanzämter eine Weile brauchen, bis alle Steuererklärungen abgegeben und bearbeitet sind, sind aktuell erst die Daten von 2016 verfügbar. Im Schnitt kam ein Steuerpflichtiger in Hessen 2016 demnach auf 41.925 Euro an Einkünften. 

Wie sich die Jahreseinkünfte in Hessen bei der Steuer entwickelt haben

Eine Gemeinde mit relativ vielen Ausreißern ist Wettenberg, im Landkreis Gießen gelegen. Auf 6255 Steuerpflichtige kamen hier 18 mit über 500.000 Euro als Gesamtbetrag der Einkünfte, knapp 0,3 Prozent. In Hessen insgesamt lag diese Quote nur bei 0,2 Prozent. Im Durchschnitt erreichen die Wettenberger 46.083 Euro an Einkünften, nach Abzug beruflicher Ausgaben und Steuer-Freibeträgen. Gemessen daran scheinen sie also im Schnitt über mehr Einkommen als Steuerpflichtige in anderen hessischen Gemeinden zu verfügen, der Wert liegt zehn Prozent über dem allgemeinen hessischen Durchschnitt.

Doch daran haben die Ausreißer einen großen Anteil. Der Median des Gesamtbetrags der Einkünfte liegt in Wettenberg nur bei 31.575 Euro, also gut 30 Prozent unter dem Durchschnitt. Nur knapp 30 Prozent der Wettenberger kommen auf Einkünfte jenseits von 50.000 Euro im Jahr. Der hohe Durchschnittswert täuscht auch hier. Aber – immerhin – etwas einkommensstärker als der typische Hesse sind die Wettenberger tatsächlich. Denn die Medianeinkünfte in ganz Hessen liegen bei 28.838 Euro pro Steuerpflichtigem. Auch beim Vergleich des Medians liegt Wettenberg also vorn, rund 9,5 Prozent. 

Wie viel Steuerpflichtige in der hessischen Gemeinde Wettenberg verdienen

Wie wenig robust der Durchschnitt ist, zeigt auch dieses Szenario: Würden nur die 18 Wettenberger mit über 500.000 Euro an Einkünften wegziehen, sänke der Durchschnitt von 46.083 auf 43.591 Euro. Zur Erinnerung. Wettenberg hat 6255 Steuerpflichtige, wir reden über knapp 0,3 Prozent davon. Der Median hingegen würde sich praktisch nicht verändern. Für den Vergleich eignet er sich also eigentlich viel besser. Nur ist er den meisten nicht auf Anhieb geläufig, wird daher etwa bei Presseberichten nur selten genutzt. 

Starke Abweichungen zwischen Median und Durchschnitt sind beim Einkommen eher die Regel. Im bundesdeutschen Schnitt erreichten Haushalte nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2018 beispielsweise ein monatliches Nettoeinkommen von 3661 Euro. Ausreißer, mit regelmäßig über 18.000 Euro Haushaltsnettoeinkommen im Monat, sind dabei schon ausgeklammert, da sie bei der stichprobenartigen Befragung, die als Grundlage dient, nicht ausreichend vertreten sind. Und trotzdem: Der Median des Haushaltsnettoeinkommens lag bei knapp 3000 Euro, also etwa 20 Prozent unter dem Durchschnitt. Alle Haushalte, die zwischen knapp 3000 (dem Median) und 3661 Euro (dem Durchschnitt) verdienen, gehören also zur einkommensstärkeren Hälfte der Bevölkerung, obwohl sie unterdurchschnittliche Einkommen erzielen. Vom Durchschnittswert könnten sie beim Vergleich mit anderen leicht getäuscht werden. 

Noch extremere Abweichungen gibt es bei Vermögensstatistiken, etwa beim Nettovermögen, also dem Wert des Vermögens nach Abzug von Schulden. Während der Durchschnitt 2018 hier 162.600 Euro betrug, lag der Median bei nur 46.900 Euro, 71 Prozent niedriger also.

Einige besonders Vermögende ziehen den Schnitt stark nach oben. Wir kennen das schon.

Die Rubrik „Blick hinter die Zahlen“ entsteht mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Für die Inhalte der Beiträge ist ausschließlich die WirtschaftsWoche verantwortlich.

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