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Lkw-Maut-Fahrleistungsindex Erst Rekordhoch, dann tiefer Absturz

Wie stark wird die Wirtschaft unter den Corona-Folgen leiden? Als schnellster „harter“ Konjunkturindikator gibt der Lkw-Maut-Index Aufschluss. Das steckt hinter seinen scheinbar erratischen Ausschlägen im Mai.

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Die Coronapandemie hat nun auch höchstoffiziell die deutsche Wirtschaft erreicht: Mit dem Lkw-Maut-Fahrleistungsindex reagiert der erste offizielle Konjunkturindikator des Statistischen Bundesamtes (Destatis) auf das Virus – und zwar mit einem harten Ausschlag nach unten.

Im April stürzte der Maut-Index saisonbereinigt um drastische 10,9 Prozent ab im Vergleich zum Vormonat. Dabei war schon der Rückgang im März um 5,9 Prozent der bislang deutlichste gewesen. „Das war der stärkste je gemessene Rückgang gegenüber einem Vormonat seit Einführung der Lkw-Maut im Jahr 2005“, formuliert Destatis.

Selbst nach der Finanzkrise von 2008/2009 betrug das stärkste gemessene Minus zum Vormonat „nur“ 4,3 Prozent.



Seit dem 14. April erscheint der Maut-Index zudem erstmals auch auf täglicher Basis, mit nur wenigen Tagen Verzug. Die tagesaktuellen Daten zeigen, dass der saisonbereinigte Index seit Mitte März deutlich gesunken ist. Lag er vor gut einem Monat noch saisonbereinigt im Schnitt bei gut 112 Punkten, so kommt er seit April nur in Ausnahmefällen über die 100-Punkte-Schwelle.

Bei genauem Hinsehen zeigt sich eine Wellenbewegung, die den Index im Schnitt einmal pro Woche deutlich nach oben treibt. Das ist kein Zufall, liegt der Ausschlag doch stets an einem Sonntag. Hinzu kommen beizeiten weitere erratisch scheinende Ausschläge, die Feiertage abbilden.

Das hat einen einfachen Grund: Der bereinigte Index vergleicht stets die aktuellen Daten mit dem, was vor der Krise normal war. Vor der Krise war Lkw-Verkehr an Sonn- und Feiertagen jedoch verboten, er ist nun nur dank einer Ausnahmeregel überhaupt möglich. Das führt dazu, dass selbst relativ geringe Lkw-Bewegungen an Sonn- Feiertagen zu großen Ausschlägen im Index führen. Tatsächlich sind absolut gesehen jedoch auch an diesen Tagen kaum Lkw unterwegs.

Je mehr Feiertage es also gibt, desto stärker steigt auch der gleitende 7-Tages-Durchschnitt an und suggeriert damit eine Erholung des Lkw-Verkehr, die es so vielleicht gar nicht gibt.

Besonders krass illustrieren das die Daten vom 21. und 22. Mai: An Himmelfahrt schnellt der Maut-Index auf seinen höchsten Stand dieses Jahres, um am darauffolgenden Freitag auf seinen bislang zweittiefsten Stand zu fallen. Danach steigen die Daten wochenendbedingt wieder an. Die unbereinigten Werte sind jedoch weitaus weniger dramatisch. Der Ausschlag erklärt sich also vor allem durch den Bezugszeitraum.



Der bislang weitestgehend unbekannte Lkw-Maut-Fahrleistungsindex wurde voriges Jahr vom Bundesamt für Güterverkehr (BAG) und dem Statistischen Bundesamt (Destatis) aus der Taufe gehoben und ist seitdem Teil der offiziellen Konjunkturindikatoren bei Destatis.

Der Index bildet ab, welche Strecken große Lkw mit mindestens vier Achsen auf Deutschlands Autobahnen zurücklegen. Der Vorteil: Da die Fahrten per automatischer Einbuchung erfasst werden, steht der Index schon neun Tage nach Ablauf eines Monats zur Verfügung. Ganz anders die deutlich schwerfälligeren etablierten Indikatoren wie etwa Industrieproduktion oder Bruttoinlandsprodukt, die mit mehreren Wochen Verzug veröffentlicht werden.

Der Maut-Index ist damit gewissermaßen der Frühindikator für die deutsche Konjunktur. Das ist gerade in Zeiten des Corona-Virus interessant, in denen überall vor Konjunkturproblemen oder gar einer Rezession gewarnt wird, ohne indes auf breitere Daten zurückgreifen zu können.

Einen auf einen Blick noch intuitiveren Überblick über die Entwicklung der Konjunktur zeigt die Abweichung des mittelfristigen vom langfristigen Trend. An ihr lässt sich ablesen, wie ungewöhnlich die Entwicklung des Lkw-Maut-Fahrleistungsindex tatsächlich ist.

Und auch die Entwicklung des Trends stimmt nachdenklich: Seit einigen Monaten schon entwickelt sich der mittelfristige unterhalb des langfristigen Wachstumstrends, was auf einen konjunkturellen Abschwung hinweist. Schon im Februar war er noch weiter gesunken und hinter den langfristigen Trend zurückgefallen.

Daten aus der Vergangenheit lassen erwarten, dass andere Indikatoren dem Maut-Fahrleistungsindex folgen werden. So haben Destatis- und BAG-Experten untersucht, inwieweit sich der Maut-Index und andere Indizes in der Vergangenheit ähnlich entwickelt haben.

Abweichung des mittelfristigen vom langfristigen Trend des Lkw-Maut-Fahrleistungsindex und des Produktionsindex nach Monaten in Prozent

Das Ergebnis: Gerade zwischen Maut-Fahrleistungsindex und dem Produktionsindex für das verarbeitende Gewerbe gibt es große Übereinstimmungen – mit einem Unterschied: Der Maut-Index ist früher verfügbar als sein Konterpart.

Die Rubrik „Blick hinter die Zahlen“ entsteht mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Für die Inhalte der Beiträge ist ausschließlich die WirtschaftsWoche verantwortlich.

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