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Brexit-Folgen US-Investmentbank Perella Weinberg eröffnet neuen Standort in Paris

Der Bank Perella Weinberg fällt es immer schwerer, in London europäische Ausländer einzustellen. Auch Frankfurt könnte noch davon profitieren.

FrankfurtDie New Yorker Investmentbankboutique Perella Weinberg eröffnet ein Büro in Paris. Das kündigte das Unternehmen am Freitag an. „Frankreich ist eine wichtige Region für uns und ein Standort dort wird uns helfen, uns in dem wachsenden Markt dort besser zu behaupten“, sagte Perella-Weinberg-Partner David Azéma, der das Pariser Büro leiten wird.

Es ist für die US-amerikanische Investmentbank der erste Standort auf dem europäischen Kontinent und eine Reaktion auf die Folgen des Brexit-Referendums. Es werde in zunehmendem Maße schwieriger, in London Mitarbeiter aus dem europäischen Ausland einzustellen, sagte Dietrich Becker, Europa-Chef von Perella Weinberg mit Sitz in London, dem Handelsblatt vor etwa einer Woche. „Sie fühlen sich in Großbritannien nicht mehr so willkommen wie früher“, so Becker.

Es sind neben Paris vor allem Frankfurt, Dublin sowie Luxemburg, die Brexit-Flüchtlinge aus der britischen Finanz- und Versicherungsbranche anziehen. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters unter rund 120 Unternehmen ist Paris zuletzt als Alternative zu London beliebter geworden und hat Frankfurt überholt. Als wesentlicher Faktor dafür gelten die Reformen, die Frankreichs Präsident Emanuel Macron angestoßen hat.

Geht es allerdings um die Zahl der Jobs, die Banken wegen des Brexits aus London verlegen oder im Rest der EU aufbauen wollen, dann liegt Frankfurt vor Paris. Nach Statistiken der Nachrichtenagentur Bloomberg kommt Frankfurt derzeit auf voraussichtlich mehr als 3000 neue Banken-Stellen und Paris auf gut die Hälfte dieser Zahl.

Eine Reihe von Finanzhäusern, darunter Citigroup, Morgan Stanley, Standard Chartered und Nomura, will ihr EU-Geschäft künftig vom Main aus steuern. Einige Banken werden die Geschäftsbereiche, die künftig nicht mehr in London bleiben können, auf mehrere Standorte auf dem Kontinent verteilen.

Ursprünglich hatte Perella Weinberg auch Frankfurt für das erste kontinentaleuropäische Büro in Betracht gezogen. Da in Frankreich aber viele Kunden ihren Sitz in Paris hätten oder im direkten Umkreis, sei es effizienter, dort eine Präsenz aufzubauen, erklärte Becker im Handelsblatt-Interview. Die deutschen Kunden seien hingegen übers ganze Land verteilt und man komme daher ums Reisen nicht herum.

Nach Informationen aus Finanzkreisen ist die Eröffnung eines Büros in Frankfurt bei Perella Weinberg aber noch nicht vom Tisch, obwohl jetzt Paris den Zuschlag bekommen hat. Wenn man auf der Suche nach neuen Talenten auf jemanden stoße, der von Frankfurt aus arbeiten wolle, dann werde man dort auch eine Präsenz aufbauen, heißt es. Vorstellbar seien aber auch Büros in anderen Ländern.


Die Migration von Kunden gilt als aufwendig und komplex

Bei Banken haben dagegen in erster Linie andere Argumente den Ausschlag für Frankfurt gegeben – etwa die Europäische Zentralbank, die ihren Sitz am Main hat, sowie bereits bestehende Geschäfte, die die Institute im Zuge des britischen Austritts aus der EU ausbauen wollen.

Offiziell steht die Scheidung in knapp einem Jahr an. London und Brüssel haben sich aber bereits auf eine Übergangszeit bis Ende 2020 geeinigt, in der zunächst die alten Regeln weitergelten werden. Diese Übergangsphase wird Teil des gesamten Brexit-Deals, der allerdings noch von der EU und dem britischen Parlament abgesegnet werden muss.

Da die Banken sich noch nicht darauf verlassen können, raten Juristen und Regulierer, dass die Institute das bisherige Tempo bei der Umsetzung ihrer Brexit-Pläne beibehalten. Für Michael Hellbeck, Managing Director bei Standard Chartered in Frankfurt, gibt es noch einen weiteren Grund dafür: die Wünsche der EU-Kunden, die künftig nicht mehr von London aus betreut werden können.

Der Großteil von ihnen hat klargemacht, dass er möglichst zügig auf die deutsche Einheit migriert werden wolle, so Hellbeck. Die Bank müsse daher unverändert Gas geben, um die regulatorischen Vorgaben möglichst schnell zu erfüllen, um die Bank-Lizenz hier zu bekommen und so die Kunden umbuchen zu können. „Denn wenn wir uns da nicht beeilen, bekommen Konkurrenten, die jetzt schon eine Lizenz haben, einen Wettbewerbsvorteil“, sagt Hellbeck.

Die Migration der Kunden gilt als aufwendig und komplex. Eine große Zahl bestehender Verträge muss neu aufgesetzt werden – für Geschäfte, die künftig in Frankfurt und nicht mehr in London abgewickelt werden.

Hinzu kommen weitere Auswirkungen, die „eine Reihe von Instituten noch nicht richtig durchdrungen hat“, sagt Stephan Lutz, Bankenexperte bei PwC. „Die Banken müssen auch die Geschäftsbeziehungen zu anderen Geldhäusern auf dem Kontinent neu regeln, die sie beispielsweise brauchen, um offene Position in ihrem Handelsbuch zu schließen, die sie im Auftrag ihres Kunden eingehen mussten.“

Die Strukturen des gesamten Marktes würden sich ändern und müssten in Verträgen berücksichtigt werden. „Denn plötzlich haben es die Banken im Geschäft untereinander mit neuen Einheiten zu tun, die bisher noch keine Kredithistorie haben“, so Lutz, „da stellen sich Fragen wie: Mit welchen Ausfallrisiken muss man hantieren?“

Eine Übergangsphase nach dem eigentlichen Brexit Ende März 2019 kann die Branche daher gut gebrauchen. „Die Brexit-Materie ist derart komplex, dass die unter den bisherigen zeitlichen Restriktionen entwickelten Lösungen der Institute lediglich Arbeitsfähigkeit in Kontinentaleuropa im März 2019 zum Ziel haben können“, sagt Sebastian Jungck von der Beratungsgesellschaft Capco, „die zusätzliche Zeit gibt ihnen die Möglichkeit, die Verlagerung von Geschäften grundsätzlicher anzugehen.“

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