Chinas Schuldenfalle Kampf um offene Schulden

Immer mehr Schuldner in China kommen in Zahlungsverzug. Was teilweise obskure Folgen hat: So kann bei Online-Krediten ein Nacktbild als Sicherheit dienen. Und eine Gang aus Großmüttern wird zu Schuldeneintreibern.

Immer mehr Chinesen kaufen Häuser und Wohnungen – aus Angst, sich künftig ihre Unterkunft nicht mehr leisten zu können. Quelle: Reuters

Peking„Ich hatte nichts zu tun. Dann ermunterten mich meine Freunde, bei ihnen einzusteigen. Das hat viel Spaß gemacht“, erinnert sich eine Großmutter. Spaß, das bedeutete für die arbeitslose Frau aus dem chinesischen Shangqiu, zusammen mit ihren Bekannten säumigen Schuldnern aufzulauern. 30 Frauen, alle älter als 50 Jahre, zählte die Gruppe, die ihre Opfer schlug, sie anspuckte oder sie öffentlich demütigte, befand ein Gericht in der zentralchinesischen Provinz Henan.

Als „Großmütter-Gang“ wurde die Gruppe nach dem Gerichtsverfahren landesweit bekannt. Die 14 Anführerinnen wurden bis zu elf Jahren Haft verurteilt. Zwölf der 14 Frauen waren nach der Gerichtsentscheidung vor einer Woche in Berufung gegangen. „Das waren doch nur alte Damen und keine Gangster. Das Urteil ist völlig überzogen“, sagte einer der Familienangehörigen der Pekinger Zeitung „The Beijing News“. Der Polizist Li Chunguang aus Shangqiu argumentierte hingegen: „Vieles erinnerte an die Mafia. Die Gruppe hat der Gesellschaft großen Schaden zugefügt. Sie dürften nicht wegen ihres Geschlechts oder ihres Alters Nachsicht bekommen.“

Die Großmütter-Gang ist nur eins von vielen Beispielen für skrupellose Geldeintreiber in China. Über lange Zeit galten Kredite als verpönt – Familien legten aufgrund eines unterentwickelten Sozialversicherungssystems große Geldbeträge zur Seite. Mit rasant steigenden Immobilienpreisen ändert sich jedoch das Bild.

Immer mehr Chinesen kaufen Häuser und Wohnungen – aus Angst, sich künftig ihre Unterkunft nicht mehr leisten zu können. Allein im ersten Halbjahr 2017 sind die Immobilienkredite in der Volksrepublik im Jahresvergleich um mehr als 24 Prozent auf fast 30 Billionen Yuan – rund vier Billionen Euro – gestiegen. Die Häuserpreise haben im gleichen Zeitraum um mehr als 18 Prozent zugelegt.

Doch nicht alle Kreditnehmer können ihre Schulden auch zurückzahlen. Geldeintreiber gehen immer rabiater vor. Bei Online-Krediten haben einige Firmen Nacktbilder als Kreditsicherheit etabliert. Besonders junge Frauen werden mit der Aussicht auf günstigere Konditionen geködert, wenn sie im Gegenzug den Kreditfirmen ein Nacktfoto von sich hinterlegen. Sollten sie bei der Rückzahlung in Schwierigkeiten geraten, drohen die Firmen, die Bilder im Internet zu verbreiten.

Die Zentralregierung in Peking hat daher angekündigt, den Kreditmarkt stärker zu überwachen. Ihr Problem ist jedoch ein träges Finanzsystem: Die großen Staatsbanken vergeben Kredite meist an Staatsunternehmen. Privatleute wenden sich hingegen an Schattenbanken, etwa Onlinedienstleister, um Geld zu erhalten – zum Beispiel für einen Hauskauf. Peking will daher Kreditgeschäfte in Internet genauer überwachen und gleichzeitig die Staatsbanken drängen, künftig auch mehr Kredite an Privatleute zu vergeben.

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