WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Christian Sewing Doppelrolle: Deutsche-Bank-Chef soll Verantwortung für Investmentbanking abgeben

Christian Sewing trägt die Verantwortung für die ganze Bank und das Kapitalmarktgeschäft gleichzeitig. Regulatoren drängen darauf, dass sich das bald ändert.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Am 4. Februar wird Christian Sewing die Bilanz des vergangenen Jahres präsentieren. Quelle: Reuters

Den Aufsehern ist die Ämterhäufung von Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing zunehmend ein Dorn im Auge. Die Regulatoren drängten darauf, dass Sewing bald die Verantwortung für das an Bedeutung gewonnene Investmentbanking abgebe an einen eigens dafür bestimmten Vorstand, sagten zwei mit der Sache vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters.

Immer wieder habe es dazu Gespräche gegeben. Bislang habe Sewing aber zu wenig unternommen, um einen Vorstand zu finden. „Der aktuelle Zustand ist zu viel Verantwortung für eine Person“, sagte ein Insider. „Das ist ein operationelles Risiko.“

Die Behörden sähen die Doppelfunktion des 50-Jährigen als „nicht angebracht“ an, sagte eine andere Person. „Und das ist noch milde ausgedrückt.“ Die Bafin und die Europäische Zentralbank, die das größte deutsche Geldhaus beaufsichtigen, wollten sich nicht dazu äußern. Die Bank lehnte ebenfalls einen Kommentar ab.

Im Investmentbanking verdienen die Frankfurter inzwischen wieder das meiste Geld, haben aber auch das höchste Risiko zu schultern. Unter den Top-Banken der Europäischen Union ist Sewing der einzige Chef, der die Verantwortung für die ganze Bank und gleichzeitig für das Kapitalmarktgeschäft trägt.

Die jüngst bekannt gewordene interne Untersuchung zum Verkauf komplexer Finanzprodukte an Kunden, die Risiken offenbar nicht ganz verstanden haben, hätten die Bedenken der Regulatoren weiter erhöht, hieß es. Die fraglichen Geschäfte sind einer mit der Sache vertrauten Person zufolge zwischen 2018 und 2020 passiert und fielen damit zum Teil in die Zeit, seit der Sewing das Kapitalmarktgeschäft verantwortet. Die Deutsche Bank lehnte einen Kommentar zum Zeitpunkt der Vorkommnisse ab.

Die Aufteilung der Verantwortungsbereiche im Deutsche-Bank-Vorstand stößt den Aufsichtsbehörden schon lange auf. Als Sewing im Sommer 2019 den Umbau der Bank ankündigte und der damalige Investmentbanking-Chef Garth Ritchie das Haus verließ, nahm Sewing den Bereich unter seine Fittiche. Er wollte sich höchstpersönlich darum kümmern, dass das zum Teil aus dem Ruder gelaufene Geschäft wieder in die Spur kommt. „Das war damals eine temporäre Lösung und war nie als permanenter Zustand gedacht“, sagte einer der Insider.

Der in New York ansässige Manager Mark Fedorcik ist zwar für die Investmentbank zuständig, er sitzt aber nicht im Vorstand, wie die Leiter anderer Divisionen. Im Vorstand berichtet Sewing über die Entwicklungen der Sparte, er ist im Tagesgeschäft involviert, besucht Kunden und trifft Personalentscheidungen.

Coronakrise durchkreuzt Pläne

Zu Gute halten Analysten und Regulatoren Sewing, dass er mit harter Hand durchgriff. „Erfreulich für die Anleger ist die wieder verbesserte Wettbewerbsfähigkeit in der Investmentbank. Dafür muss man Herrn Sewing und sein Team loben“, urteilte Benjardin Gärtner, Leiter Portfoliomanagement Aktien bei Union Investment, einem der Großinvestoren der Bank.

Sewing stutzte das Kapitalmarktgeschäft zurecht und machte ganze Abteilungen wie den Aktienhandel dicht. Weltweit verlieren 18.000 Mitarbeiter ihre Jobs. Eigentlich sollten klassische Bankbereiche wie das Firmen- und Privatkundengeschäft wieder mehr an Bedeutung gewinnen und mehr zum Konzernertrag beisteuern. Doch die Coronakrise machte Sewing einen Strich durch die Rechnung. An den Börsen lief es so gut wie selten und die Erträge im Handel sprudelten nur so. Auf der anderen Seite belasteten die niedrigen Zinsen und steigende Kreditausfälle das Firmen- und Privatkundengeschäft.

Mehr Bonus für weniger Mitarbeiter

Welch große Bedeutung das Investmentbanking für die Deutsche Bank inzwischen wieder hat, wird am 4. Februar klar werden, wenn Sewing die Bilanz des vergangenen Jahres präsentiert. Von der Bank selbst befragte Analysten erwarten einen Vorsteuergewinn von zwei Milliarden Euro – der größte Teil davon stammt aus dem Handel mit Anleihen, Zinsen und Rohstoffen, dem Geschäft mit Börsengängen und Wertpapier-Emissionen.

Wie gut das lief, zeigte zuletzt die UBS. Das Schweizer Geldhaus verdiente vor Steuern so viel wie seit 2006 nicht mehr. Auch bei den US-Banken war das Kapitalmarktgeschäft die treibende Kraft.

Im Geldbeutel jedes einzelnen Investmentbankers wird sich das bemerkbar machen. Obwohl sie in der Anzahl geschrumpft sind, ist der Boni-Topf größer geworden. Einer mit der Sache vertrauten Person zufolge können für das vergangene Jahr 1,8 Milliarden Euro verteilt werden - das sind 20 Prozent mehr als für 2019.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%