Coin & Co. Warum Krypto-Cash durchaus realistisch ist

Falls Notenbanken selbst virtuelle Münzen ausgeben, dürfte das weitaus besser funktionieren als Bitcoins. Eine Skizze für die Praxis.

Bitcoin-Ära ist beendet – die Zeit des Bitcoin ist abgelaufen

FrankfurtBundesbank-Präsident Jens Weidmann hat zu Kryptowährungen eine klare Meinung. „Bitcoins sind ökonomisch und ökologisch ineffektiv“, sagt er, und hat damit zweifellos Recht. Er wehrt sich dagegen, überhaupt von „Währungen“ oder „Coins“ zu sprechen, redet lieber von „Tokens“, was auf Deutsch allesmögliche heißen kann – aber nichts, was man direkt mit Geld in Zusammenhang bringt. Der Bundesbank-Präsident fordert eine internationale Regulierung dieser Tokens, hat jedoch auch keine allzu großen Sorgen. Denn mit rund 400 Milliarden Dollar haben alle etwa 1500 Krypto-Währungen zusammen doch nur wenig Wert im Vergleich zu einer weltweiten Geldmenge von 700 Billionen Dollar.

Weidmann ist aber nicht nur gegen Bitcoins. Er hält auch wenig von der Idee, dass eine Notenbank wie etwa die Europäische Zentralbank (EZB) eine eigene virtuelle Währung – pardon, eigene Tokens – auf den Markt bringt. Das Thema ist zurzeit noch eher theoretischer Natur, auch wenn einige Länder wie Schweden, Venezuela und Russland, aus jeweils ganz unterschiedlichen Motiven, etwas ernster darüber nachdenken. Gleichwohl: Wenn man diese Variante durchdenkt, ist sie gar nicht so absurd.

Zunächst einmal muss man festhalten: Eine Notenbank würde sinnvollerweise nicht eine eigene Währung, sondern nur eine andere Form von Bargeld schaffen. Wir hätten also Euro-Coins – pardon, Herr Weidmann. Häufig heißt es, alle Bürger müssten folglich Konten bei der Notenbank unterhalten.

Ich halte diese These für falsch. Krypto-Coins sind ja gerade kein Buchgeld, das auf einem Konto gutgeschrieben wird. Sie sind tatsächlich eine Art von elektronischen Münzen, die in einer Geldbörse untergebracht werden, in einem Wallet. Wie wir von Bitcoins wissen, kann es sehr verschiedene Arten von Wallets geben – online, offline, elektronisch oder sogar auf Papier. Denn die „Münzen“ sind letztlich Codes, mit denen ihre Eigentümer über den virtuellen Wert, den sie repräsentieren, verfügen können.

Coins ähneln also Bargeld. Mit allen Vor- und Nachteilen. Sie können dezentral, unabhängig von Banken oder gar Notenbanken, aufbewahrt werden, wie das Beispiel der Bitcoins zeigt. Sie können aber auch geklaut oder geraubt werden und verloren gehen. Es gab schon Millionenraubzüge von Computerhackern, aber auch dramatische Verluste, weil jemand seinen Laptop oder eine Festplatte verschrottet hat.

Die Notenbank würde keine Konten führen, sondern als „Miner“ die Coins schaffen. Die EZB oder nationale Notenbanken wie die Bundesbank würden die Euro-Coins den Geschäftsbanken je nach deren Bedarf zuschicken, ganz ähnlich, wie es heute mit Bargeld passiert. Die Geschäftsbanken wiederum könnten sie weiter an ihre Kunden geben, im Tausch gegen Bargeld oder Bankguthaben. ´

Zwei Punkte sind freilich noch zu klären. Der erste Punkt: Das „Mining“ ist bei Bitcoins das große Problem. Es dient zunächst dazu, einen Konsens aller Beteiligten über die Zahlungen herzustellen. Wie sich zeigt, verschlingt dieser Konsensprozess Unmengen an Energie und kostet viel zu viel Zeit. Es gibt alternative Verfahren, aber noch keine größere Kryptowährung, die damit zu Rande gekommen wäre. Nur: Wenn es mit der Notenbank eine zentrale Instanz gibt, die den Prozess kontrolliert, dann entfallen genau diese Probleme, die Bitcoins bisher und wahrscheinlich auch in Zukunft weitgehend praxisuntauglich machen. Es wäre wohl auch kein unlösbares Problem, die Software auf weitaus größere Volumina auszurichten, als bisherige Kryptowährungen bewältigen können.

Der zweite Punkt: Bei Bitcoins spielt die sogenannte Blockchain eine entscheidende Rolle. Das ist eine Art elektronische Buchhaltung, in der alle Zahlungen festgehalten werden und die für jedermann einsehbar ist, wobei allerdings die Wallets unter Pseudonymen angemeldet werden können. Aller Voraussicht nach müsste die Notenbank auch diese Blockchain selber führen.

Dabei stellt sich die Frage: Sollte sie ähnlich wie bei Bitcoins für jedermann einsehbar sein? Dann wären die virtuellen Coins weniger anonym als Bargeld. Denn wer einmal ein Wallet einem Besitzer zugeordnet hat, kann sehr genau die dazugehörigen Zahlungen verfolgen. Oder sollte die Blockchain von der Notenbank geheim gehalten werden? Das würde wahrscheinlich eine Menge Ängste und Verschwörungstheorien auslösen. Wie auch immer man sich entscheidet: In dem Punkt würden sich elektronische Coins von Bargeld unterscheiden. Doch es sagt ja auch niemand, dass sie zwangsweise Bargeld ersetzen sollten. Sie könnten auch als bequeme Alternative dazu ganz zwanglos angeboten werden.

Ein Problem entsteht eventuell, wenn diese Alternative zu viele Fans findet. Dann würden die Kunden ihre Konten leeren und das Geld in Coins und Wallets umschichten. Das dürfte den Banken dann eine Menge Kopfschmerzen bereiten, die Kundeneinlagen brauchen, um ihr Kreditgeschäft weiter betreiben zu können. Die Banken wiederum hätten die Möglichkeit, mit guten Zinsen oder mit Gebühren für die „Abhebung“ von Coins gegenzusteuern.

Weidmann sagt auch, dass aus Sicht einer Notenbank gar keine Notwendigkeit besteht, virtuelles Bargeld einzuführen. Das stimmt. Aber vielleicht wollen die Bürger es irgendwann, weil sich dann doch sehr viel einfacher Geld verschicken ließe, auch weltweit. Aus dem Gedankenspiel könnte daher eines Tages doch Realität werden.

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