Coronavirus Diabetes und Covid-19: Forscher untersuchen mögliche Verbindung

In den USA ist während der Corona-Pandemie gerade bei Kindern die Zahl an Diabetes-Erkrankungen gestiegen. Wissenschaftler prüfen, ob ein Zusammenhang bestehen könnte.

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Bei Kindern, die zuvor an Covid-19 erkrankt waren, trat häufiger Diabetes auf. Quelle: imago images/Westend61

Der elfjährige Nolan fing plötzlich an, abzunehmen und ungewöhnlich viel Wasser zu trinken. Seine Eltern Tabitha und Bryan Balcitis führten das auf einen Wachstumsschub und auf Tipps aus dem Gesundheitsunterricht in der Schule zurück. Doch als ihr Sohn verhaltensauffällig und antriebslos wurde, schrillten bei ihnen die Alarmglocken.

Bei Tests zeigten sich hohe Blutzuckerwerte weit außerhalb der Norm. Sechs Monate nach einer mild verlaufenen Corona-Infektion wurde bei dem Jungen aus Crown Point in Indiana Diabetes vom Typ 1 diagnostiziert.

Den Eltern verschlug es die Sprache. Die Krankheit lag nicht in der Familie – allerdings waren Autoimmun-Erkrankungen verbreitet, was nach Ansicht der Ärzte ein Faktor sein könnte.

Nolans Mutter fragt sich, ob der Diabetes auch mit dem Coronavirus in Zusammenhang stehen könnte. Wissenschaftler in den USA und andernorts stellen sich dieselbe Frage und untersuchen, ob hinter einer möglichen Verbindung mehr stecken könnte als schierer Zufall.

Klar ist, dass Covid-19 bei bereits zuvor an Diabetes leidenden Menschen den Zustand verschlechtern und zu schweren Komplikationen führen kann. Doch es gibt noch weitere mögliche Verknüpfungen.

Hinweisen zufolge kann das Coronavirus – wie manche anderen Viren – insulinproduzierende Zellen in der Bauchspeicheldrüse angreifen. Dieser Prozess kann bei anfälligen Patienten zumindest eine temporäre Form von Diabetes auslösen.

Diabetes trat häufiger bei Kindern mit Covid-19 auf

Die steigende Zahl an Fällen könnte auch Umstände in Zusammenhang mit Pandemiebeschränkungen widerspiegeln. Dazu gehören möglicherweise verzögerte ärztliche Untersuchungen auf frühe Anzeichen von Diabetes hin oder ungesunde Essgewohnheiten und Bewegungsmangel bei Menschen, die ohnehin gefährdet sind für Diabetes vom Typ 2.

In einem Bericht der US-Gesundheitsbehörde CDC wurden umfassende Daten von Krankenversicherungen zu neuen Diabetes-Fällen von März 2020 bis Juni 2021 ausgewertet. Demnach war die Stoffwechselerkrankung deutlich häufiger bei Kindern, die Covid-19 hatten. Der Report unterschied nicht zwischen Typ 1, der typischerweise in der Kindheit beginnt, und dem mit Übergewicht in Verbindung stehenden Typ 2.

Bei Kindern in den USA haben in den vergangenen Jahren beide Formen zugenommen. Berichte aus Europa und einigen US-Krankenhäusern deuten jedoch darauf hin, dass sich das Tempo während der Pandemie beschleunigt haben könnte.

Die Kinderärztin Inas Thomas von der Mott-Kinderklinik der University of Michigan zeigt sich besorgt über die Entwicklung. In ihrem Krankenhaus sei die Zahl der Typ-1-Fälle im Vergleich zu den Jahren vor der Pandemie um 30 Prozent gestiegen, sagt sie.

Wie viele der Patienten irgendwann an Corona erkrankt waren, ist nicht bekannt. Aber das Timing wecke den Verdacht auf einen möglichen Zusammenhang, sagt die Ärztin.

Künstliche Insulinzufuhr: Für Diabetespatienten lebenswichtig

Typ-1-Diabetes tritt auf, wenn die Bauchspeicheldrüse zu wenig oder kein Insulin produziert, ein Hormon, das den Blutzucker reguliert. Ärzte gehen davon aus, dass dabei eine Autoimmun-Reaktion im Spiel ist, der Körper also insulinproduzierende Zellen in der Bauchspeicheldrüse attackiert. Patienten müssen Insulin künstlich zuführen, um den chronischen Zustand in den Griff zu bekommen.

Experten haben schon lange die Theorie, dass eine frühere Infektion diese Autoimmun-Reaktion auslösen könnte. Mit Blick auf Covid-19 sagt Thomas: „Wir wissen nicht, ob es eine direkte Auswirkung ist oder ein anderer Faktor, den wir noch nicht ganz verstehen, aber wir hoffen, dass dieser Trend uns helfen könnte, den Trigger herauszufinden, der Typ-1-Diabetes verursacht.“

Am Rady-Kinderkrankenhaus in San Diego stieg die Zahl der Typ-1-Fälle im ersten Jahr der Pandemie verglichen mit den zwölf Vormonaten um fast 60 Prozent, wie Forscher kürzlich im Fachmagazin „JAMA Pediatrics“ berichteten. Nur zwei Prozent dieser Kinder waren akut mit Covid-19 infiziert, über mögliche frühere Ansteckungen lagen keine Informationen vor.

Diabetes Typ 2 betrifft überwiegend Erwachsene. Bei der Erkrankung ist die Verarbeitung von Insulin im Körper beeinträchtigt, was zu einem schlecht reguliertem Blutzuckerspiegel führt.

Die Ursachen sind unsicher, eine Rolle spielen aber genetische Faktoren, Übergewicht, Bewegungsmangel und ein ungesundes Essverhalten. Manchmal kann die Krankheit behandelt oder mit Änderungen der Lebensweise abgemildert werden.

Millionen Menschen haben die Autoimmunkrankheit

Weltweit leiden mehr als 540 Millionen Menschen an Diabetes, darunter 37 Millionen in den USA. Die meisten haben die Typ-2-Form.

Viele weitere Menschen haben erhöhten Blutzucker oder Prädiabetes. Ärzte befürchten, dass diese Patienten durch Covid-19 oder verlangsamte Lebensgewohnheiten in der Pandemie zu Diabetikern werden könnten.

Um mehr über einen möglichen Zusammenhang herauszufinden, untersuchen Wissenschaftler in Dänemark Erwachsene, bei denen vor kurzem Typ-1-Diabetes festgestellt wurde, darunter einige, die Corona hatten. Die Forscher wollen beobachten, ob bei ihnen im Laufe der Zeit die Krankheit rascher voranschreitet als bei Nichtinfizierten.

Auch Wissenschaftler vom Londoner King's College und der Monash-Universität in Melbourne widmen sich dem Thema. Sie haben ein internationales Covid-19-Diabetes-Register gestartet, um unter anderem der Frage nachzugehen, ob es sich bei dem Diabetes von Corona-Patienten möglicherweise um eine völlig neue Form handeln könnte.

Der inzwischen zwölfjährige Nolan Balcitis hat sich unterdessen nach der anfänglichen Aufregung an seine Krankheit gewöhnt: Mit einer tragbaren Insulinpumpe und einem Überwachungssensor am Arm kommt er prima zurecht.

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