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Neuer Büro-Alltag: In Corona-Zeiten verlagert sich das Arbeitsleben ins Private. Quelle: dpa

Corona macht der Digitalisierung Beine

Die Corona-Pandemie zwingt Menschen in die Isolation – und erweckt eine erstaunliche Kreativität in der digitalen Welt. Die Rettungsgelder sollten genutzt werden, um diesen lange ersehnten Trend jetzt zu forcieren.

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Die letzten Tage waren, obgleich ich mein Zuhause kaum verlassen habe, aufregend und ereignisreich. Trotz „sozialer Distanzierung“ war ich verbundener denn je. Es kamen unzählige Anrufe von Freunden und Verwandten, die sich nach meinem Befinden erkundigten, Trost oder Rat suchten, mit Einsamkeit kämpften oder sich um Dritte sorgten. Zudem quollen meine Mailboxes mit Einladungen zu digitalen Veranstaltungen über. Beruflich reihen sich Zoom-Konferenzen und Skype-Aufsichtsratssitzungen neben Periscope-Sessions für Lehraufträge, gemeinsame Pelotonrunden mit Freunden im Silicon Valley oder virtuell transnationale Treffen zum Wine Tasting und Kochen. Selbst der Klavierunterricht meiner Tochter findet über FaceTime statt.

Das Londoner Magazin „Timeout“ hat sich in „TimeIn“ umbenannt und gibt Tipps für virtuelle Museumstouren. Ob National Gallery in London, Guggenheim in New York, Rijksmuseum in Amsterdam, Eremitage in Sankt Petersburg oder Uffizien in Florenz – mit der Ausgangssperre entdeckt die Welt völlig neue Formen des Reisens. Die ganze Welt in ihrem Avatar-Dasein ist virenfrei und unverhofft klimaschonend in Sekunden zu erreichen.

Ich will das Virus nicht beschönigen. Es hatte bereits verheerende Folgen für Menschen auf der ganzen Welt. Experten gehen bei ihren Modellrechnungen des Pandemieverlaufs von 18 Monaten aus, bis wieder ein „normales“  Gesellschaftsleben einkehrt. Doch was wird dann normal sein? Werden Unternehmen ihre Mitarbeiter-Teams in unendlich viele Meetings schicken oder werden sie den Austausch künftig anders organisieren? Werden demnächst mehr Führungskräfte verstehen, dass man physisch vom Arbeitsplatz abwesend sein kann, aber geistig anwesend?

Wenn diese Krise zu irgendetwas gut sein kann, dann dafür, dass wir das Internet endlich so nutzen, wie es immer gedacht war – um uns miteinander zu verbinden, Informationen auszutauschen und gemeinschaftliche Lösungen zu finden. Jetzt endlich lernt die Welt voneinander, jenseits aller politischen Grenzen: Die Musiker des Serbischen Nationaltheaters haben sich per Videokonferenz zusammengeschaltet, um als Zeichen der Solidarität mit Italien jeder für sich von zu Hause aus und doch gemeinsam die Partisanenhymne „BellaCiao" zu spielen. In China wurde das „Cloud Clubbing“ erfunden, eine Art virtueller Party, bei der DJs via Douyin oder TikTok Musik machen und das Partyvolk in Echtzeit per Handy mittanzt. Theater und Literaturhäuser in Großbritannien treten auf digitale Bühnen und appellieren an die Öffentlichkeit die Kunstschaffenden statt mit Tickets durch Spenden zu unterstützen.

Kreativität stößt an technische Grenzen

Selbst die Bundesregierung startete unter dem Hashtag #WirVsVirus in beeindruckender Weise quasi aus dem Nichts einen virtuellen „Hackathon“: 48 Stunden lang entwickelten Programmierer, Kreative und andere engagierte Menschen am letzten Wochenende an getrennten Orten überall in Deutschland gemeinsam fast 1500 „Lösungen aus der Gesellschaft für die Gesellschaft“. Über 40.000 Menschen hatten sich registriert, um sich mit den Herausforderungen der Corona-Krise zu beschäftigen: Wie lassen sich aus der Nachrichtenmasse gefährliche FakeNews herausfiltern? Wie organisiert man virtuelle Klassenzimmer? Wer übernimmt die Tierbetreuung Infizierter? Wie rettet man den lokalen Handel? Eine unverhofft überwältigende Bürgerbeteiligung in einer demokratischen Gesellschaft, die bislang eher Angst vor Datenverlust als Lust auf souveräne Datennutzung hatte.

Doch leider stoßen wir bei alledem schnell an Grenzen: Der Umzug ins Virtuelle schafft Platz-, aber braucht Netz-Kapazitäten. Während der glamouröse Filmpalast in Cannes, da das Festival ausfällt, nunmehr als Notunterkunft für Obdachlose dient, drosseln Youtube und Netflix ihre Bildauflösung technisch vorsorglich, um einen Kollaps der Netze in Europa zu verhindern. Statt Geschwindigkeitsrausch auf der steilen Lernkurve erleben wir eine technisch gebremste Evolution.

Die Ideen für digitale Lösungen sind da, jetzt auch die Notwendigkeit. Das Virus zwingt uns, in wenigen Wochen nachzuholen, was in den vergangen Monaten und Jahren verpasst wurde: Digitalisierung unter Hochdruck. Die Politik sollte einen Teil der  großzügig angesetzten Rettungsgelder in digitale Innovationen investieren – Wirtschaftsfelder für die Welt von morgen, die mit der weltweiten Covid19-Pandemie spätestens jetzt begonnen hat.

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