Davos-Eröffnungsrede Indiens Premier gibt den Anti-Trump

Die Welt als Familie statt als Arena: Der indische Premier Narenda Modi holt bei seinem Auftritt beim World Economic Forum zum verbalen Schlag gegen Donald Trump und dessen „America first“-Politik aus.

Davos, BangkokObwohl der US-Präsident noch gar nicht in Davos angekommen ist, werden alle großen Reden beim World Economic Forum (WEF) bis Freitag durch die „Trump-Brille“ betrachtet. Auch Indiens Premier Narendra Modi wusste, dass seine Eröffnungsrede vor der voll besetzten Kongresshalle daraufhin abgeklopft würde, wie sehr er sich vom am Freitag sprechenden US-Präsidenten absetzt.

Modi hat geliefert: „Die ganze Welt ist eine Familie“, sagte der Inder. Deutlicher hätte er den Unterschied zur „America First“-Politik Trumps kaum machen können. Dessen nationalistische Weltsicht hatte Trumps Sicherheitsberater H.R McMaster mit den Worten beschrieben: „Die Welt ist eine Arena.“

„Wir leben in einer Welt der Gräben und Brüche“, sagte Modi mit Blick auf die zahlreichen geopolitischen Krisen und gesellschaftlichen Umwälzungen durch die digitale Revolution. Die gemeinsame Aufgabe der internationalen Politik sei es, diese Gräben zuzuschütten.

Modi nannte drei große Herausforderungen für die Weltgemeinschaft: An erster Stelle steht für den Inder der Klimawandel. „Wir haben die Klimaveränderungen hier in Davos am eigenen Leibe zu spüren bekommen“, sagt er und erinnerte an die extrem starken Schneefälle im Alpenort am Vortag. Indien wolle bis zum Jahr 2022 insgesamt 175 Gigawatt seiner Stromproduktion durch erneuerbare Energien produzieren, versprach er. Leider gebe es immer noch zu wenig Nationen, die den Entwicklungsländern helfen, ihre Klimaziele zu erreichen.

Gemeinsames Handeln forderte Modi auch, um die beiden anderen Gefahren – den internationalen Terrorismus und den Widerstand gegen die Globalisierung – zu überwinden. „Die Kräfte des Protektionismus und Populismus wollen die Globalisierung rückgängig machen“, sagte der Premier mit Blick auf Trump – freilich ohne diesen beim Namen zu nennen. Schon Mahatma Ghandi habe betont, wie wichtig es sei, die „Fenster und Türen“ des Landes für Handel und andere Kulturen offen zu halten.

Modi nutzte seinen Auftritt auf der Davoser Weltbühne, um für sein Land und die radikalen Reformen seiner Regierung zu werben. Der 2014 als Reformer angetretene Regierungschef hat nicht zu viel versprochen. Tatsächlich krempelt er Indien um. Doch längst nicht alle seine Vorhaben waren bisher erfolgreich. Die meisten Ökonomen verbuchen die radikale Demonetarisierung, bei der über Nacht mehr als 90 Prozent aller Bargeldnoten aus dem Verkehr gezogen wurden, mittlerweile als Fehlschlag.

Doch Modi kämpfte auch erfolgreich gegen Bürokratie und senkte die Hürden für ausländische Investoren. Auf dem Ease-of-Doing-Business-Index der Weltbank machte Indien vergangenes Jahr einen Sprung um 30 Plätze auf Rang 100. Besonders die im vergangenen Sommer eingeführte Vereinheitlichung der Mehrwertsteuer wird von den Unternehmen begrüßt, auch wenn die Implementierung teils chaotisch verlief.

Mit seinen Hauruck-Reformen hat der Regierungschef Indiens Wirtschaft erst einmal abgewürgt: Der versprochene Aufschwung lässt weiter auf sich warten. 2017 lag das indische Wirtschaftswachstum bei 6,7 Prozent, teilte der Internationale Währungsfonds (IWF) am Dienstag mit. Wieder einmal verpasst Indien damit den schon oft für sich beanspruchten Titel der am schnellsten wachsenden großen Volkswirtschaft. Rivale China legte 6,8 Prozent zu.

Der IWF ist allerdings überzeugt, dass sich die Reformen im kommenden Jahr auszahlen werden und Indien mit 7,4 Prozent Wachstum an China vorbei ziehen wird. Eine Prognose, die Ökonomen allerdings schon häufiger wieder kassieren mussten.

Trotz zahlreicher Anstrengungen ist es Modi weiterhin nicht gelungen, Indien zu einem attraktiven Produktionsstandort für Unternehmen zu machen. Die Direktinvestitionen waren in seiner Amtszeit zwar zunächst gestiegen. Doch zuletzt wich die Euphorie einer Ernüchterung: Laut dem am Montag veröffentlichten Global Investment Trends Monitor der Vereinten Nationen lockte Indien 2017 45 Milliarden US-Dollar an, 2015 waren es 59 Milliarden US-Dollar. Nach China fließt jedes Jahr ein Vielfaches.

Die Geldzuflüsse zeigen auch noch nicht die gewünschten Effekte: Bisher kaufen sich ausländische Firmen einfach nur in Indische Unternehmen ein. Investitionen in neue Fabriken sind selten, auch wegen einer weiterhin langwierigen Genehmigungsverfahren. Dass sich Indien zur neuen Werkbank der Welt entwickelt, blieb deswegen Modis Utopie. Erst im Dezember war die Handelsbilanz so negativ wie seit drei Jahren nicht mehr. Die Investitionen privater Unternehmen erreichten sogar ein 13-Jahres-Tief. Post-Chef Frank Appel sieht die Entwicklung in Indien nicht so düster: „Wir haben in den vergangenen Jahren viel Geld in Indien investiert, und unser Geschäft dort entwickelt sich sehr gut.“

Doch Modi konnte bisher noch nicht liefern, was er im Wahlkampf am häufigsten versprach: Jobs in Fabriken, die wie in China eine neue Mittelschicht entstehen lassen. Schätzungen zufolge drängen in Indien jedes Jahr rund 15 Millionen Menschen in den Arbeitsmarkt, jenseits der Schattenwirtschaft entstehen Schätzungen zufolge jedoch nur rund sieben Millionen Jobs.

Ein Pluspunkt auf jeder Investorenpräsentation, Indiens riesiges Heer an Arbeitskräften und Konsumenten, droht damit zu einer Gefahr zu werden. „So viel Zorn, so viel Wut, so viele Erwartungen“, warnte Anand Mahindra, Chef des gleichnamigen Industriekonglomerats, nach heftigen sozialen Unruhen in Mumbai Anfang des Jahres. „Was wir heute erleben ist, wie schnell die demografische Dividende zu einer Katastrophe führen kann.“

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