Der Medien-Kommissar Die Telenovela im Pro-Sieben-Sat-1-Vorstand

Der missglückte Abgang von CEO Thomas Ebeling hat Pro Sieben Sat 1 zutiefst verunsichert. Von dem Chaos profitiert vor allem ein Konkurrent.

Pro Sieben Sat 1: Die Telenovela im Vorstand – Medien-Kommissar

„We love to entertain“, heißt der Claim von Pro Sieben seit vielen Jahren. Das Werbeversprechen hält der Fernseh- und Internetunternehmen nicht nur im Programm, sondern auch auf Konzernebene ein. Das Desaster an der Führungsspitze des einzigen Medienkonzerns im Dax hat dem Ansehen von Pro Sieben Sat 1 schwer geschadet.

Eigentlich wäre der Vertrag des seit neun Jahre amtierenden Vorstandschefs Thomas Ebeling noch bis 2019 gelaufen. Doch mit seinen abfälligen Äußerungen über die eigenen Zuschauer hatte sich der 59-jährige Hannoveraner selbst ins Abseits katapultiert.

Uns sein Nachfolger Maximilian Conze? Der ehemalige Chef des britischen Staubsaugerproduzenten Dyson ist hierzulande ein unbeschriebenes Blatt. Der Aufsichtsrat unter Führung von Werner Brandt ließ sich viele Monate mit der Suche nach einem Nachfolger für Thomas Ebeling Zeit. Streckenweise wurde bereits der blasse Interimschef Conrad Albert als Dauer-CEO gehandelt.

Am Ende fiel die Wahl auf den in Deutschland nicht verankerten Conze. Der gebürtige Bielefelder ist freilich nicht die erste Wahl. Zuvor hatte beispielsweise Gerhard Zeiler, früher CEO der RTL Group und heute Präsident von Turner Broadcasting International (CNN, Cartoon Network), bereits den Unterföhringern einen Korb gegeben.

Ebeling, wegen seiner ruppigen und fordernden Art im Konzern nicht gerade geliebt, hat für Pro Sieben Sat 1 zwar Großes geleistet. Er hat das Fernsehgeschäft um ein starkes Standbein im Internet und der Filmproduktion erweitert. Konzernintern wird davon gesprochen, dass rund die Hälfte des Umsatzes außerhalb des Kerngeschäfts Fernsehen kommt. Über diesen Anteil lässt sich bei genauerem Blick durchaus streiten. Doch klar ist: Pro Sieben Sat 1 hat sich vom deutschen TV-Werbemarkt unabhängiger gemacht und digital exzellent aufgestellt.

Doch dieser Erfolg darf nicht darüber hinweg täuschen, dass Ebeling das Fernsehgeschäft zuletzt herunter gewirtschaftet hat. Der Abstand zum ebenfalls börsennotierten Wettbewerber RTL ist groß. In der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen kamen die sieben Sender von Pro Sieben Sat 1 im vergangenen Jahr zusammen nur auf einen Zuschauermarktanteil von 27 Prozent im vergangenen Jahr.

Die Senderfamilie von RTL erreichte hingegen 31 Prozent. In der Zielgruppe ab drei Jahren sieht das Missverhältnis noch schlechter aus. Pro Sieben Sat 1 kommt nur noch auf 17,8 Prozent, hingegen RTL auf 23,2 Prozent.

Conze wird als neuer CEO sich zuerst um die Neuausrichtung des Fernsehgeschäfts kümmern müssen. Auf den für die Branche wichtigen L.A. Screenings im Mai wird er nicht dabei sein können. Dabei ist die Leistungsschau in Hollywood ein wichtiger Gradmesser für die globalen Programmtendenzen. Pro Sieben Sat 1 hat viel zu lange auf die Hollywood-Ware gesetzt und sich mit sogenannten Out-Put-Deals verzettelt.

Denn längst haben die Serien und Filme im Zeitalter von Netflix und Amazon Prime in der Publikumsgunst verloren. Um im Duell mit RTL aufholen zu können, brauchen die Sender von Pro Sieben Sat 1 wieder mehr Eigenproduktionen statt Massenware aus Hollywood. Die Mediengruppe RTL Deutschland macht es vor: Die Bertelsmann-Tochter investiert im Jahr etwa eine Milliarde Euro ins Programm. „Mehr produzieren statt einkaufen“, heißt die Devise der Bertelsmann-Tochter, wie RTL-Programmgeschäftsführer Frank Hoffmann dem Branchendienst DWDL vor wenigen Tagen anvertraute.

In Unterföhring wartet die Mannschaft auf den neuen Chef aus Großbritannien. Weshalb Conze, der im Streit den britischen Staubsaugerhersteller Dyson verlassen hat, nicht vor Juni in Unterföhring die Arbeit aufnimmt, bleibt das Geheimnis von Aufsichtsratschef Werner Brandt.

Offenbar will der seit 2016 agierende Chefkontrolleur erst die Hauptversammlung Mitte Mai über die Bühne bringen und dann den Neuanfang mit Conze wagen. RTL kann sich über diese behäbige Vorgehensweise unterdessen freuen. Denn das Machtvakuum bei Pro Sieben Sat 1 durch Austausch des CEOs nützt dem Konkurrenten, um weitere Marktanteile zu gewinnen. Es besteht kein Zweifel, ein geschickter Chefwechsel an der Spitze eines Dax-Konzerns sieht anders aus.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%