WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Der Medien-Kommissar Ein Wohltäter aus Eigennutz

Facebook versucht sich mit Gutmenschentum. Mark Zuckerbergs 45-Milliarden-Dollar-Spende an eine Art Stiftung ist ein raffinierter PR-Coup. Das soziale Netzwerk will seine digitale Macht über die Daten der Nutzer sichern.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Die Geburt seiner Tochter Max nahm Mark Zuckerberg zum Anlass, seine Milliardenspende via Facebook anzukündigen. Quelle: ap

Menlo Park, die trostlose Kleinstadt in der Bucht von San Francisco, soll zum Synonym für Gutmenschentum im Internetzeitalter werden. Denn Facebook, das am Hacker Way 1 seinen Konzernsitz hat, möchte mit einer Art Stiftung sein schlechtes Image aufpolieren. Gründer und CEO Mark Zuckerberg will sein Aktienpaket von Facebook im Wert von 45 Milliarden Dollar in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung (im amerikanischen LLC) geben, damit sein börsennotiertes Unternehmen zur Inkarnation der Uneigennützigkeit aufsteigen kann.

Den Zeitpunkt für sein Vorhaben wählte das digitale Wunderkind gut – nämlich zur Geburt seiner Tochter Max. Mit seiner Gattin Priscilla Chan verkündete der Facebook-Gründer im konzerneigenen Netzwerk die frohe Kunde in der besinnlichen Weihnachtszeit. Der laute Applaus war ihm so sicher wie das Amen in der Kirche. Denn Philanthropen werden in der angloamerikanischen Gesellschaft bewundert, verehrt und dekoriert.

Der raffinierte PR-Coup ist gelungen. Denn Zuckerberg tritt mit dem Verschenken seines Vermögens den Beweis an, dass Facebook keine Datenkrake der digitalen Konsumgesellschaft, sondern ein uneigennütziger Wohltäter der Menschheit ist. Doch stimmt das wirklich?

Statt in einer traditionellen Stiftung will Zuckerberg seine Anteile in den nächsten Jahren in eine LLC einbringen. Damit schafft er sich ein flexibles Vehikel, um wirtschaftliche und politische Macht auszuüben. Denn er kann damit in unternehmerische, gemeinnützige und politische Projekte je nach Gusto und Vorteil investieren. Die Kontrolle durch ein unabhängiges Gremium ist nicht vorgesehen.

Wie ein digitaler Monarch kann er unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit Einfluss nehmen. Das Einbringen von 99 Prozent der Facebook-Anteile in die neue Gesellschaft mit beschränkter Haftung ist auch eine politische Anmaßung. Denn in einer Gesellschaft wie der amerikanischen, wo selbst noch so kleine Sozialleistungen unter politischem Dauerbeschuss stehen, schaltet und waltet ein Multimilliardär nach eigenem Gusto wie ein König in Zeiten des Absolutismus. Er hebt und senkt den Daumen über Projekte und Initiativen außerhalb jeder gesellschaftlichen Kontrolle.

Dabei ist Facebooks gigantischer Reichtum zum großen Teil auf ein legales, aber politisch zweifelhaftes Steuersparmodell errichtet worden. Das Netzwerk mit über einer Milliarde Nutzer zahlt in seinem größten Einzelmarkt, der Europäischen Union, vergleichsweise wenige Steuern. Damit steht Facebook nicht allein, auch andere Unternehmen aus dem Silicon Valley wie Google, Twitter oder Apple gehen ähnlich vor. Schuld ist die EU selbst. Denn sie ist von einer Steuerunion so weit entfernt wie die Nasa von einer Astronautenlandung auf dem Pluto.

Eigentlich braucht Facebook gar kein neues Vehikel, das landläufig als Stiftung bezeichnet wird, um die Welt zu verbessern. Es wäre schon viel getan, würde das soziale Netzwerk sehr viel schneller, energischer und gründlicher gegen Hassbotschaften, Verunglimpfungen und Propaganda vorgehen. Das wäre ein effizienter Dienst an einer pluralistischen Demokratie und einer toleranten Gesellschaft.


Facebook ist eine Art Identitätsdatenbank

Ein weiteres Feld ist die fehlende Transparenz des Netzwerkes. Das Sammeln und Vermarkten von persönlichen Daten der Nutzer ist bei Facebook so transparent wie eine Nebelbank im November. Noch immer hinkt der Gesetzgeber hinterher, um bürgernahe Gesetze zu schaffen, die soziale Netzwerke zur digitalen Einhaltung der Bürgerrechte verpflichten.

Längst ist Facebook zu einer Art Identitätsdatenbank aufgestiegen. Unsere digitale Existenz liegt zum Großteil in den Händen von Facebook, aber auch von Google, Apple und Microsoft. Sie sind heute die digitalen Plätze, Straßen und Autobahnen, ohne die wir im Netz nicht vorankommen. Das Problem: unsere Daten liegen in den Händen weniger Konzerne, die sich einer staatlichen und unabhängigen Kontrolle weitgehend entziehen. Eigentlich sollte der Nutzer den Schlüssel zu seinem digitalen Ich besitzen. Doch dieser Wunsch wird sich vorerst nicht erfüllen. Facebook & Co. wollen für immer die Schlüsselgewalt behalten. Dass sich daran nichts ändern wird, dafür wird Mark Zuckerberg mit seinen künftigen Wohltaten ganz eigennützig sorgen.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%