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Der Medien-Kommissar Medienschelte eines Abgewählten

Österreichs Noch-Bundeskanzler Christian Kern hat eine herbe Niederlage erlitten – und sieht sich nun als Opfer der Boulevardmedien. Doch an seinem Leid trägt der ehemalige Journalist selbst eine große Mitschuld.

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Pro Sieben Sat 1: Die Telenovela im Vorstand – Medien-Kommissar

Die Sozialdemokraten haben die Wahl in Österreich mit ihrem Noch-Bundeskanzler Christian Kern verloren. Es ist kein Wunder geschehen. Der konservative Herausforderer Sebastian Kurz hat souverän die Sozialdemokraten vom Thron gestoßen. Für die Sozis blieb nur der undankbare zweite Platz.

Noch in der Wahlnacht hat dafür SPÖ-Chef Christian Kern einen Mitverantwortlichen gefunden – die Medien. Auf der Wahlparty vor der Parteizentrale gegenüber dem Wiener Burgtheater machte der 51-Jährige die Boulevardmedien seines Landes als Schuldige aus. Dafür bekam Kern von seinen Genossen frenetischen Applaus.

Schützenhilfe erhielt der frühere Journalist von dem noch immer hoch angesehenen Altkanzler Franz Vranitzky. Der Sozialdemokrat zeigte sich gegenüber dem österreichischen Nachrichtenmagazin „Profil“ schockiert über die seiner Ansicht nach Anti-Kern-Kampagne in den Boulevardmedien. „So etwas ist mir in meinem inzwischen langen Leben noch nie untergekommen“, sagte der ehemalige Polit-Star, der vor kurzem seinen 80. Geburtstag feierte.
Tatsächlich hat Kern in dem schmutzigen Wahlkampf viel aushalten müssen. Von der größten Zeitung des Landes, dem Sensationsblatt „Kronen-Zeitung“, an dem die deutsche Funke-Gruppe maßgeblich beteiligt ist, bekam der ehemalige Bahn-Chef über Monate mächtig Gegenwind. Das Gratisblatt „Österreich“ des mächtigen Verlegers Wolfgang Fellner griff immer wieder bereitwillig auch in die untersten Schubladen des Gewerbes und beschädigte sein Ansehen als Kanzler. Fellner ließ den Regierungschef in einer Fotomontage als Prinzessin abbilden – in Anspielung auf Kerns angebliche Eitelkeit und Sensibilität.

Auch die Frau des Kanzlers, die Unternehmerin Eveline Steinberger-Kern, wurde wegen angeblich fragwürdiger Geschäftsbeziehungen scharf angegangen. Blätter würden „die vorbereiteten Intrigen abdrucken. Und denen ist es egal, ob hier Menschen angeschwärzt, diskreditiert oder verleumdet werden. Sie sind an der Wahrheit nicht interessiert“, klagte die Kanzlergattin öffentlich. Der Regierungschef reagierte mit einem Interview- und Anzeigenboykott, den er auch nach der geschlagenen Wahl bislang nicht eingestellt hat.


Der Absturz des „Austro-Obama“

Tatsächlich ist im österreichischen Boulevard die Hemmschwelle zu ambivalenten Auftritte ausgesprochen niedrig. Der Anstand kann dabei durchaus auf der Strecke bleiben. Doch die Entgleisungen sind nur möglich, weil die politisch Verantwortlichen selbst eifrig mitspielen. Kern ist dabei ein Musterspiel. Auf den European Newspaper Congress im Mai sagte der Kanzler mit der kürzesten Amtszeit seit dem Zweiten Weltkrieg: „Politik besteht heute zu 95 Prozent aus Inszenierung.“ Das war auch das Mantra seiner überschaubaren Amtszeit.

Bereitwillig ließ sich Kern in seiner Gefallsucht auf den Boulevard an. Er ließ sich nach dem Amtsantritt als „Austro-Obama“ feiern. Der frühere Vorstand des österreichischen Energiekonzerns Verbund war eifrig im Marketing bei der Sache – als Pizzalieferant, als Lederhosenträger und häufiger Interviewgast im Fernsehstudio von „Österreich“.

Kaum eine Gelegenheit zu einem Auftritt im knallharten Kampf um die mediale Aufmerksamkeit ließ er nicht aus. Seine Partei zählt ohnehin seit vielen Jahren mit Anzeigen und anderen finanziellen Belohnungen zu den großen Finanziers von „Kronen-Zeitung“ und „Österreich“. Obwohl es innerhalb der Sozialdemokratie immer wieder wegen opulenten Medienausgaben– allen voran von der SPÖ regierten Stadt Wien – rumort, hat sich an der fatalen Politik bislang grundsätzlich nichts geändert.

Axel-Springer-Vorstandschef Matthias Döpfner hat vor etlichen Jahren das Prinzip von „Bild“, Europas größter Boulevardzeitung, einmal so beschrieben: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten“. Diese Art des medialen Paternosters ist nicht auf Deutschland beschränkt. Er gilt überall, wo der Boulevard stark ist – auch in Österreich. Das hätte Christian Kern als medialer Vollprofi eigentlich von Anfang an wissen müssen. Nun ist es zu spät.

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