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Der Medien-Kommissar Sexuelle Belästigung beim WDR – Intendant Buhrow muss endlich Führungsstärke zeigen

Das hierarchische System beim WDR haben die Fälle sexueller Belästigung erst möglich gemacht. Was Intendant Tom Buhrow jetzt tun muss.

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Der WDR-Intendant steht unter Druck, weil immer mehr Vorwürfe wegen sexueller Belästigung innerhalb seines Senders öffentlich werden. Quelle: dpa

Tom Buhrow hat die Flucht nach vorne angetreten. Der WDR-Intendant hatte sich auf einer eilends einberufenen Pressekonferenz in Köln in der vergangenen Woche das Büßerhemd übergezogen. „Es sind Fehler passiert, ganz sicher“, sagte der 59-Jährige.  „Es tut mir leid um jeden einzelnen Fall“, ergänzte der Chef der größten ARD-Tochter.

Der seit knapp fünf Jahren amtierende WDR-Intendant ist in Not. Denn die immer neuen Verdachtsfälle von sexuellen Belästigung oder Nötigung, die von privaten Medien aufgedeckt werden, schaden dem durch die Rundfunkgebührendebatte ohnehin schon ramponierten Ansehen der Kölner Anstalt.

Wie am Montag bekannt wurde, hat der WDR einen weiteren „hochrangigen“ Mitarbeiter nach Vorwürfen sexueller Belästigung freigestellt. Weitere Angaben zur Person sowie zu den konkreten Vorwürfen mache der Sender aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht.

Unter dem Imageschaden leiden längst auch die Beschäftigten des WDR. 70 Mitarbeiter hatten bereits in der vergangenen Woche, den Umgang mit den Vorwürfen der sexuellen Belästigung kritisiert.

Tom Buhrow der frühere „Tagesthemen“-Moderator muss für eine möglichst schnelle Aufklärung sorgen. Mit der früheren Gewerkschaftschefin und EU-Kommissarin, Monika Wulf-Mathies, hat der ehemalige ARD-Korrespondent eine gute Aufklärerin verpflichtet.

Denn die einstige oberste Arbeitnehmervertreterin des öffentlichen Dienstes in Deutschland hat Erfahrung, Rückgrat und Mut, die für die wichtige Aufklärungsarbeit notwendig sind. Denn sie muss ohne Rücksicht auf Ansehen und Amt, die Vorwürfe aufklären. Auch der Plan, eine externen Ombudsstelle einzurichten, an die sich Betroffene von sexuellen Belästigungen im Sender wenden können, ist eine gute Idee.

Man braucht keinen Blick in die Glaskugel, um zu prognostizieren, dass die bisher bekannten Skandale um sexuelle Belästigung nicht nur Einzelfälle oder auf den WDR beschränkt sind. Wenn es genügend Transparenz und Mut gibt, werden auch noch in anderen Bereichen des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems inklusiver ihrer kommerziellen Töchter weitere Fälle auftauchen.

Das Kernproblem: ARD, ZDF und Deutschlandradio sind stark hierarchisiert. Die Granden in den Rundfunkhäusern regieren oftmals wie kleine Fürsten. Sie schalten und walten – ohne dafür einer detaillierten Kontrolle oder folgenreicher Kritik ausgesetzt zu sein. Fehltritte werden schlichtweg ausgesessen.

Das gilt offenbar nicht für sexuelle, sondern auch ökonomische. Beispielsweise wurde gegen den NDR-Programmdirektor Frank Beckmann, den von 2006 bis 2008 den Kinderkanal in Erfurt leitete, wegen des Verdachts der Untreue in Zusammenhang mit einem Betriebsfest in seiner Zeit beim Kika ermittelt. 2013 konnte er mit dem Akzeptieren einen Geldauflage von 30.000 Euro die Einstellung des Ermittlungsverfahrens erreichen. Noch heute ist er Programmdirektor des NDR.

Während die Rücktrittskultur in der Politik zu Recht zur DNA der Bundesrepublik gehört, verstehen sich die Rundfunkanstalten wie Institutionen von Gottes Gnaden. In diesem System werden Abteilungen und Ableger zu Duodezfürstentümern, in denen nach herrschaftlichem Prinzip regiert wird. Es sind die sehr prinzipiellen Deformationen, die in über einem halben Jahrhundert seit der Einführung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks entstanden sind.

In dem Skandal um sexuelle Belästigung steht auch das Ansehen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Gesellschaft auf dem Spiel. Erst eine anachronistische Unternehmenskultur können diese offensichtlichen Übergriffe möglich machen. Die mutmaßlichen Täter haben sich offenbar so sicher und stark gefühlt, dass sie Angst vor Sanktionen oder gar den Verlust des Arbeitsplatzes nicht zu befürchten hatten.

Wer in Köln mit Insidern spricht, die dem WDR-Chef freundschaftlich zugetan spricht, bekommt zu hören, Tom Buhrow wäre vielleicht ein großer Moderator gewesen, ein großer Intendant sei er nicht.  Jetzt hat der Rheinländer die Möglichkeit zu zeigen, dass er seine Lektion aus dem Belästigungs-Skandal lernt und endlich Führungskraft beweist.

Die heißt: neben der Aufklärung möglicher Straftaten muss sein Haus auf eine neue Kultur des Miteinanders entwickeln, die auf Transparenz und Kontrolle statt auf Hierarchien und Angst setzt.  Ein Weiter-so nach der hoffentlich bald getanen Arbeit der Aufklärerin Wulf-Mathies darf es weder beim WDR noch bei anderen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten geben.

Jede Woche schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

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