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Der moderne Mann Beim Geschäftsessen im Burgerladen wird Hackordnung neu definiert

Herr K. muss zum Meeting in einen dieser neuen angesagten Burgerläden. Doch den neuen Essenskult findet er sehr befremdlich.

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Es ist nicht immer leicht, im Jahr 2018 Mann zu sein. Die Leser dieser Kolumne wissen das. Aber es wird noch mühsamer, wenn man wie Herr K. zum Lunch mit Claus Schmidt verabredet ist. Schmidt ist Partner einer großen Anwaltskanzlei, dessen Hilfe Herrn K.s Firma braucht.

Vor allem: Schmidt ist ein großer Fan von Grillgut aller Art, langjähriger Abonnent des Herrenmagazins „Beef“ und Besitzer eines Weber-Grills, auf dem komplette Kälber in Diätplan-kompatible Gartenparty-Portionen verwandelt werden können. Weil Claus Schmidt sich wohlfühlen soll, überließ Herr K. ihm die Ortswahl, worauf Schmidt zwei Plätze im „angesagtesten Burger-Laden der Stadt“ reservieren ließ.

Früher wäre man für so ein Geschäftsessen in ein Restaurant mit einem Stern oder diversen Kochmützen gegangen, das dem Einladenden gleich zeigen sollte, was er einem selbst und der Spesenkasse des zahlenden Unternehmens wert ist.

Früher waren Burger aber auch etwas für Kinder oder Menschen, die wieder Kind sein wollten (eine Idee, auf die übrigens auch eher Männer kommen als Frauen). Aber im gleichen Maße, wie McDonald’s mittlerweile Blattsalat und entkoffeinierten Frappuccino entdeckt hat, entstand eine neue Szene von sehr hippen Burger-Akademikern, die aus gemischtem Hack eine Art staatlich anerkanntes Zweitstudium machen wollen.

Fast überflüssig zu erwähnen, dass das Etablissement, in dem Herr K. nun mit Schmidt sitzt, „Burgermeister“ heißt. Sie haben immer solche Namen: „Burger-Begehren“, „Ferdinands Burger-Lab“ oder „Hackademie“. Bald wird es sicher auch eine „Buletteria“ geben, eine „Burger-Wehr“ oder „Hackordnung“. Und dazu einen IHK-geprüften Brat-Bachelor.

Bei ihren Namen sind die Fleisch-Fetischisten ähnlich kreativ wie in anderen Zeiten der Menschheitsgeschichte nur Frisiersalons und Fahrradläden. Bei denen wurde ja auch der letzte blöde Sprachwitz irgendwann zu Tode geritten – von „Vier Haareszeiten“ bis „Kamm In“ und vom „Zentralrad“ bis „Speichenlecker & Friends“.

Aber anders als diese beiden Gewerbe, wo drinnen dann ja doch immer noch die gleichen Hauptschul-Uschis und -Ottos die Spitzen schneiden oder an öligen Ketten herumschrauben, ist das Burger-Braten zu einer Wissenschaft geworden – vergleichbar nur mit den ähnlich metastasenartig sich ausbreitenden Craftbeer-Brauereien und Kaffeeröstereien, wo es ohne Diplom-Barista und Infos über aztekische Ur-Bohnen ebenfalls nicht mehr geht.

„Die nehmen hier nur White Galloways als Hack-Basis“, raunt Schmidt über die Speisekarte hinweg, die in solchen Häusern immer auf Klemmbrettern gereicht wird, als sitze man im Wartezimmer des Urologen seines Vertrauens. „Aha“, sagt Herr K.

Er weiß nicht so recht, ob er sich für eine Variante mit karamellisiertem Bacon oder Zwiebelconfit entscheiden soll. Wer die Qual hat, hat die Wahl – auch bei den Soßen: Blauschimmel-Mango-Dip oder Trüffel-Mayo? Spannender ist für Herrn K. nur noch das Studium der Tattoos auf dem Oberarm der Burger-Fachkraft, die jetzt lässig bis phlegmatisch an ihren Tisch geschlurft kommt.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt’s auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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