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Der moderne Mann Detoxing auf die harte Tour (II)

Durch eine Autopanne ist Herr K. mitten in der Wildnis gestrandet. Ohne Handyempfang wächst nun der Zweifel in rauer Natur überleben zu können.

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com

Wie überlebt eine mittlere Führungskraft aus einem westlichen Industrieland die Widrigkeiten totaler Wildnis? Herr K. und sein Kollege Koslowski stehen in oberbayerischer Einöde an der Kreuzung zweier verwaister Feldwege. Ihr Mietwagen ist tot, und die Handys haben keinen Empfang. Wo sie sind, wissen die beiden nur auf etwa 50 Kilometer genau – gemäß ihrem inneren Kompass, der so vertrauenswürdig ist wie ein Laubsäge-MRT.

Die Vertriebstagung wird ohne die beiden anfangen müssen. „Die Frage ist“, sagt Koslowski, „wie lange uns der Firnis gesellschaftlicher Moralvorstellungen vom Kannibalismus abhält.“ Er meint es nur so halb witzig. Herr K. steht vor dem Auto und antwortet „Koslowski, wir sind in Oberbayern, nicht im Amazonas-Dschungel oder Anden-Hochland.“

„Kennen Sie den Film nicht, wo ein Flugzeug in den Bergen abstürzt, und nach und nach fangen die Überlebenden an ... war nach ‘ner wahren Begebenheit.“ „Koslowski!“, ruft Herr K. „Sie werden mich nicht essen! Keine Chance.“

Er steht vor dem Auto und hält sein Smartphone in die kühle Voralpenluft. Nichts. Er geht hinters Auto. Nichts. Er hält es über sich und hat plötzlich einen Strich Empfang. Seine Hände zittern, als er’s wieder runternimmt. Das Netz ist zwar schon wieder weg, aber er hat zwölf neue Mails: achtmal Spam, drei von seiner Sekretärin und eine von Frau Stibbenbrook, die fragt, wo er und Koslowski bleiben und ob die beiden irgendwelche Unverträglichkeiten fürs Abendessen bei der Vertriebstagung nachnominieren wollen.

„Schon auch verrückt, dass wir denken, ohne Handy nicht mehr leben zu können“, sagt Koslowski, der nun auch aus dem Wagen steigt und dem Kuhglockengeläute hinterherhört, das über die sanften Hügel am Horizont bimmelt. „Wir können ohne das Ding ja auch nicht mehr leben“, sagt Herr K. „Oder wie organisieren Sie sich Terminkalender, Mails, Flugplan, Mietwagen, Freundeskreis, Nachrichtenkanäle, Familie und Onlineshopping? Mit einem Transistorradio?“

Koslowski schaut zu ihm rüber: „Ginge das denn? Wie sind die Leute eigentlich früher überhaupt ins Internet gekommen, als es noch keine Smartphones gab?“

„Koslowski, wir können jetzt hier stehen bleiben und frieren. Oder wir machen uns auf den Weg zum nächsten Dorf.“ Koslowski stellt das noch nicht zufrieden: „Sie erinnern sich bestimmt, wie der Survival-Workshop vor sechs Jahren ausging. Ich hab‘ heute noch Albträume, obwohl wir das Kaninchen damals weder jagen noch häuten mussten. Und da wollen Sie jetzt hier Old Shatterhand spielen? So mit ‚Das Moos wächst immer an den Nordseiten der Bäume?‘“ Er zieht sich sein dünnes Anzugjäckchen vor der Brust zusammen.

„Genau so. Ich werde jedenfalls nicht warten, bis hier ein Taxi vorbeikommt.“ Herr K. macht sich auf den Weg. Wohin, weiß er auch nicht. Hauptsache, er wirkt dabei jetzt zielstrebig. „Wir sind einfach nicht mehr für die Natur geeignet“, schreit Koslowski, trottet ihm dann aber doch hinterher. (Fortsetzung folgt)

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt’s auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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