WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Die Chef-Beraterin Das Grauen der Werbegeschenke

Kugelschreiber, Regenschirme, Kaffeetassen – die Werbegeschenke von Unternehmen sind oft einfallslos und einfach nur hässlich. Das geht gar nicht! Um so größer ist deshalb die Freude über kreative Ausreißer.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Sabina Wachtel schreibt jeden Mittwoch ihre Berater-Kolumne auf Handelsblatt Online. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive.

Ich bin beeindruckt. Seit letzter Woche sehe ich noch besser aus als sonst. Es liegt an einer Wimperntusche (und einer Creme)! Ja. Sie lesen richtig. Ein internationaler Konzern hat nämlich Wimperntusche mit Firmenlogo verschickt. Und es ist kein Kosmetikkonzern, sondern ein Unternehmen aus einer ganz anderen Branche, die nichts mit Kosmetik zu tun hat. Wo ich doch kürzlich erst gelesen habe, dass man Werbegeschenke am besten der Person und der Situation anpasst. Also haben die mich ja gleich richtig eingeschätzt. Von der Konkurrenz habe ich hier noch so einige Kugelschreiber unterschiedlicher Qualität und ausnahmslos hässliche Notizblöcke rumfliegen. Die Wimperntusche hebt sich davon wohltuend ab. Finde ich super. Ein Werbegeschenk, das wirklich einen Zweck erfüllt, bekommt man eigentlich selten bis nie.

Und dabei wird nicht zu wenig Geld ausgegeben für die verschenkten Werbeträger: Bei 3,5 Milliarden Euro haben sich die Ausgaben der deutschen Unternehmen zuletzt eingependelt.
Ein Unternehmen, das mir Wimperntusche schenkt, bleibt mir auf jeden Fall im Gedächtnis, und wahrscheinlich nicht nur mir, sondern allen, die es bekommen haben. Diese Wimperntusche wird benutzt, und wenn mir die Augen bis zur Nordsee tränen! Allein schon, weil die Idee gewürdigt werden muss.

Hier hat sich jemand mal was einfallen lassen, endlich. Und endlich hat jemand verstanden, was so ein Werbegeschenk für einen Sinn haben kann: Dank des Werbegeschenkes prägt sich das Unternehmen unauffällig im Hirn der „Zielperson“ ein. Aufmerksamkeit wecken und im Gedächtnis bleiben heißt die Devise.

Besonders gut eignen sich also Dinge, die häufig benutzt werden. Und das ist bei Frauen nun mal Wimperntusche. Und, nicht zu vergessen, jeder bekommt gerne ein Geschenk. Und da ist es doch mehr als bedauerlich, wenn den Marketingabteilungen nicht mehr einfällt, als der gute alte Plastikkugelschreiber, der Regenschirm, der USB-Stick oder die hässliche Kaffeetasse. Das sind die bekannten Standards. Oder Post-its, die solch einen fetten Werbeaufdruck haben, dass man selbst gar nichts mehr drauf schreiben kann. Kalender. Wer bitte benutzt heute noch Kalender mit Firmenlogo einer Sparkasse? Wer? Unnötiges Geld geben die aus. Es gibt ja wirklich noch mehr Dinge, die man täglich benutzt, als hässliche Kugelschreiber, und die somit im Gedächtnis bleiben würden. Wirklich sinnvoller wären doch zum Beispiel Lippenpflegestifte, Erfrischungstücher oder für Männer eine Augencreme. Aufdruck: „Business Men only“.


Bürotassen werden sofort weggeworfen

Da lobe ich mir meinen Zahnarzt: Bei dem bekommen alle, die Angst vor der Behandlung haben, und mit alle meine ich Kinder und Erwachsene, ein weiches Plüschgebiss mit dem Namen der Praxis überreicht. Diesen Zahnarzt würde ich nie wechseln und werde noch meine Enkelkinder hinschicken. Auch eine Bank hatte mal einen ganz guten Ansatz. Die hat Fischkonserven verschenkt mit dem Slogan „Wollen Sie ewig wie ein kleiner Fisch behandelt werden?“ Nun gut. Da könnte einem auch besseres einfallen. Aber wenigstens mal was anderes.

Hand aufs Herz: Wie reagieren Sie, wenn Sie einen Kugelschreiber von einer Firma bekommen, also, einen ganz normalen? Sind Sie außer sich vor Freude? Erzählen Sie es Ihren Kollegen, Freunden und Bekannten? Nein. Natürlich nicht. Sie nehmen das Ding mit einem „Danke“ an und schreiben vielleicht auch mal damit, ehe das Teil in die Ecke fliegt. Ende. Hier könnte ein Embargo helfen oder das Prinzip der Verknappung. Dann weiß man diese Werbegeschenke vielleicht wieder zu schätzen.

Es ist schließlich so. Der Mensch ist nun mal schnell übersättigt, und der Mensch ist grundsätzlich undankbar. Dinge, die man oft bekommt, auch wenn man sie geschenkt bekommt, kann man irgendwann nicht mehr sehen, und noch weniger schätzen. So viel kann es gar nicht regnen in meinem Leben, wie ich zum Beispiel geschenkte Regenschirme habe. Und wenn ich einen brauche, dann ist sowieso keiner in der Nähe. Mit meinen USB-Sticks könnte ich wahrscheinlich die gesamten Dateien der EZB speichern und hätte noch Speicherkapazität übrig. Und mit meinen Kugelschreibern könnte ich eine Grundschule versorgen, die aber auch genügend davon haben. Bürotassen - Entschuldigung - werfe ich weg, weil sie einfach zu hässlich sind.

Ich fordere somit einen Stopp für Stifte, Blöcke und Tassen. Das kostet ja auch alles Geld, aber niemand freut sich. Das ist doch schade. Aber: Siehe oben: so ein Werbegeschenk kann natürlich auch richtig einschlagen. Ziel erreicht würde ich sagen.

Sabina Wachtel berät Manager. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive mit den Labels ManagerOutfit.de und 55dresscodeberater.de. Außerdem ist sie Autorin.

Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%