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Die Chef-Beraterin Was tun, wenn der Vorgesetzte ein Narzisst ist?

Nicht alle Chefs sind Selbstdarsteller wie Oracle-Gründer Larry Ellison. Der Hobbypilot zeigt schon Mal Flugkunststücke, um sein Können zu beweisen. Doch auch ein moderater Narzisst kann ein anstrengender Chef sein.

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Sabina Wachtel schreibt jeden Mittwoch ihre Berater-Kolumne auf Handelsblatt Online. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive.

Der kleine Lawrence war körperlich schwach, als Baby bekam er eine Lungenentzündung. Er wuchs bei seiner Tante auf, die ihn später auch adoptierte, weil seine Mutter Geld verdienen musst. Lawrence sah seine Mutter erst 48 Jahre später wieder. Da war Lawrence „Larry“ Ellison, Gründer und CEO des Softwarekonzerns Oracle, bereits einer der reichsten Menschen der Welt.

Ehrgeiz, gnadenlose Intelligenz. Irgendwo habe ich gelesen, dass er wohl einen ganz speziellen Charakter haben soll. Glaube ich aufs Wort. Als er vor einigen Jahren eine Segelregatta mit großem Abstand gewonnen hatte, feierte er diesen Sieg sehr, sehr eigen.

Er stieg von seinem Boot, fuhr zum Flughafen, stieg in seinen Jet und düste über die anderen Segler hinweg, die noch auf dem Wasser herum schipperten. Auf der einen Seite urkomisch, auf der anderen Seite passt es zu diesem „speziellen“ Charakter. Ich würde sagen eine Schippe zu viel.

Wir schwenken zu Katherina Neufuss, dreisprachig aufgewachsen, Auslandsaufenthalte, erstklassige Zeugnisse…

Jetzt hat sie den Salat. Hätte Katherina Neufuss nur mal auf ihr Bauchgefühl gehört. Das Vorstellungsgespräch in Berlin lief halt einfach super. Ihr neuer Chef,  charmant, charismatisch, attraktiv, freundlich,  hatte ihr direkt zu verstehen gegeben, dass er genau sie als seine neue Projektleitung wolle. Er war ungeheuer redegewandt, offen und hatte sich eingehend mit ihren Unterlagen beschäftigt, fragte nach, zeigte sich interessiert.

(Anmerkung der Autorin: Vorteile des Narzissten sind Unterhaltsamkeit, Meister der Selbstdarstellung, Grandezza, Selbstbewusstsein, Durchsetzungskraft).

Doch bereits in der zweiten Arbeitswoche ging das Dilemma los. Er war wie ausgewechselt. Nichts konnte sie ihm recht machen. Abgesehen davon, dass er Aufgaben gab, die teilweise weder Sinn machten noch innerhalb seiner Zeitvorgaben möglich waren.

Launisch, hektisch, war Neufuss' Chef. Was sie denn eigentlich mache, wollte er wissen; wie sie ihr Aufgabengebiet strukturiere, warum sie dieses und jenes noch nicht erledigt habe: An einem Tag standen Blumen auf ihrem Tisch, am nächsten riss er ihr bildlich den Kopf ab. Dass die Kollegen alles Schwachköpfe außer ihm waren, hörte sie mehrmals in der Woche.

Nach außen war er immer charmant, konnte andere von seinen Ideen überzeugen und mitreißen. Dass er gern seine falsche Terminplanung und damit Zeit- und Terminstress auf sie schob, gern auch beim Kunden selbst, darüber sagte Neufuss schon gar nichts mehr.

(Anmerkung der Autorin: Nachteile des Narzissten: übersteigertes Selbstbewusstsein, übersteigerter Wunsch nach Anerkennung und Bewunderung, mangelnde Empathiefähigkeit).


Schmeicheln und Schleimen

Narzissmus ist ein großes Wort. Wissenschaftler sehen das Ganze mittlerweile schon etwas differenzierter, weil sie zwischen unterschiedlichen „Spielarten“ unterscheiden. Sicher, ein wenig Narzissmus muss sein. Selbstliebe sei das Ergebnis von „Zuwendung, Einfühlung, Bestätigung und Befriedigung“, schreibt Hans-Joachim Maaz in seinem Buch.

Einerseits. Andererseits sind die Grenzen zwischen Selbstliebe und Selbstüberschätzung, fließend. Letzteres resultiert in einem ewigen Spannungsverhältnis. Das Ergebnis: „ständige Unruhe, Unzufriedenheit und ein unstillbarer Durst nach Anerkennung.“

Das Wort Charisma trügt dabei oft: Dahinter steckt in vielen Fällen einfach nur Selbstliebe. Aber keine gesunde, sondern übertriebene. Narzissten brauchen Selbstbestätigung, sie ziehen ihr Selbstbild aus der Bewunderung durch andere. Narzissten brauchen nicht nur Anerkennung, sondern Bewunderung.

Gleichzeitig nutzen sie andere aus und manipulieren – durch besondere Nettigkeiten, aber eben auch mit Gemeinheiten, manchmal durch ein Wechselspiel aus nett und gemein. Eines ist aber sicher: Sie lassen souveräne Menschen nicht an sich heran, geschweige denn, dass sie diese als ihre Mitarbeiter fördern würden.

Sie suchen nach den Willigen, die sich für ihn aufopfern. Statt deren Persönlichkeit und Individualität zu fördern, hält er sie klein und sieht sie als „sein Werk“. Das ist typisch. Narzissten sind übergriffig, sie respektieren die Grenzen der anderen nicht.

Aber was machen wir jetzt mit Katharina? So muss es sich anfühlen, wenn man auf einen Heiratsschwindler herein fällt. Im Nachhinein sagt sie, hätte es ihr auffallen müssen. Allein die ganzen Auszeichnungen in seinem Büro, ausschließlich Fotos von ihm und seinen Erfolgen.

Ein genauer Blick hätte sich also gelohnt. Ihr bleibt meiner Meinung nur ganz schnell zu versuchen einen Abgang zu machen oder zurückzuschießen. Und das ist bei normalen Narzissten ziemlich einfach: Schmeicheln, schleimen und nochmal schmeicheln. Wenn Sie einen moderaten Narzissten haben, dann schleimen Sie moderat. Das wäre dann eigentlich alles was geht. Es ist eigentlich einfach mit Narzissten. Man muss sie nur bewundern.

Sabina Wachtel berät Manager. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive mit den Labels ManagerOutfit.de und MEMBER OF THE 55. Außerdem ist sie Autorin.

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