Quelle: imago images

Börsengänge Die FDP-Minister arbeiten am Problem vorbei

Christian Lindner und Marco Buschmann wollen Börsengänge in Deutschland attraktiver machen. Doch sie setzen an den falschen Hebeln an.

  • Teilen per:
  • Teilen per:


Die FDP-Minister Christian Lindner und Marco Buschmann (mit dem ich weder verwandt noch verschwägert bin) haben vergangene Woche ihr Eckpunktepapier zur Zukunft des deutschen Kapitalmarkts vorgestellt.

Die Minister wollen ihn sowohl für Unternehmen wie auch für Anlegerinnen und Anleger attraktiver machen, um „den digitalen Wandel und die Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft“ zu finanzieren, wie es heißt. Gut verkaufen können sie also schon mal.

Keine Ausnahmen bei Verrechnungen mehr

Tatsächlich steckt im Eckpunkte-Papier auch ein Vorschlag, den ich uneingeschränkt unterstütze. Das Wirrwarr rund um die Verrechnung von Verlusten aus Aktien, die bisher nicht mit Gewinnen aus anderen Kapitalanlagen verrechnet werden können, wollen sie beenden. Gleiches gilt für Termingeschäfte und Forderungsausfälle. Gut so! Wer am Kapitalmarkt Geld verliert, sollte unabhängig von der Form seines Investments diese Verluste mit Gewinnen an anderer Stelle verrechnen können. Die bisherige Regelung ist unnötig kompliziert und lebensfremd – und eventuell sogar verfassungswidrig.

Andere Vorhaben finde ich schwierig. Die beiden Minister wollen zum Beispiel Börsengange erleichtern, indem Unternehmen dafür weniger Mindestkapital vorweisen müssen oder IPOs für Mantelgesellschaften (SPACs) vereinfacht werden. Mit Blick auf die Unternehmen, die in den vergangenen Jahren hier an die Börse gekommen sind, stellt sich mir aber die Frage, ob ein Absenken der Qualitätsanforderungen bei Neulingen wirklich das Gebot der Stunde ist.

Die BörsenWoche im Überblick

Zumal ja mit dem Segment Scale ein Einsteigerbereich mit geringen Anforderungen existiert. Dort gab es in den vergangenen fünf Jahren genau acht Börsengänge (regulierter Markt: 35). Das spricht dagegen, dass Unternehmen sich beim Börsengang dringend weniger Regulierung wünschen. Meine Vermutung ist eher, dass Firmen wie Biontech aus anderen Gründen ins Ausland gegangen sind; zum Beispiel weil der US-Kapitalmarkt viel größer ist als im fragmentierten Europa.

Für Anleger waren die Scale-Emissionen bestenfalls lehrreich. Die stärkste Wertentwicklung der acht Aktien schaffte Immobilieninvestment-Vermittler EV Digital Invest: minus 30 Prozent. Der ist allerdings auch erst zwei Monate notiert.

Dual-Class-Shares? Bloß nicht!

Ähnlich skeptisch bin ich beim Plan der FDP-Politiker, in Zukunft Dual-Class-Shares zuzulassen. Dahinter verbirgt sich die aus den USA bekannte Konstruktion, dass es Aktien mit Mehrfach-Stimmrechten gibt, mit denen im Regelfall die Gründer auch ohne Aktienmehrheit durchregieren können. Finanziellen Einsatz von unternehmerischer Verantwortung auf diese Weise zu entkoppeln entspricht jedenfalls nicht meinem Verständnis von Marktwirtschaft. Wer das wirtschaftliche Risiko trägt, muss auch darüber mitbestimmen können, was im Unternehmen passiert. Wenn Unternehmer das nicht möchten, können sie ja auf dem Privatmarkt nach Investoren suchen, die Geld ohne Mitspracherechte geben wollen.

Über all diese Bedenken lese ich im Eckpunktepapier naturgemäß nichts, es sind ja erst mal nur Ideen. Im Gesetzentwurf aber würde ich mir ein paar Gedanken dazu schon sehr wünschen.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche an der Börse

Ihr Georg Buschmann

Hier geht's zum aktuellen Finanzbrief

Teilen:
  • Teilen per:
  • Teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%