Emotionale Ansteckung Was Chefs von Katzenvideos lernen können

Führungskräfte sind durch „emotionale Ansteckung“ auch für die Gefühle ihrer Mitarbeiter verantwortlich. So absurd es klingt: Katzenvideos können ein Schlüssel zum Management-Erfolg sein. Ein Gastbeitrag.

Ein gut gelaunter Mitarbeiter ist produktiver als einer, der ständig mies drauf ist. Was das mit Katzenvideos und Führungskräften zu tun hat, erklärt der Diplom-Psychologe Nico Rose. Quelle: Getty Images

HammNico Rose ist Führungskraft im Vorstandsstab Personal eines internationalen Medienkonzerns. Der Experte für „Positive Psychologie“ ist zudem als Coach und Speaker aktiv. In einem Gastbeitrag, den er für unser Businessnetzwerk Leader.In geschrieben hat, beschäftigt sich Rose mit emotionaler Ansteckung – dem Phänomen, wenn Menschen Gefühle und Emotionen anderer übernehmen. Vor allem im Berufsleben spielt das eine große Rolle, denn hier gibt der Boss häufig die Richtung vor. Schlechte Stimmung, die von ihm ausgeht, strahlt direkt auf die Angestellten aus. Hat der Vorturner üble Laune, kann die Belegschaft kaum heiter und motiviert sein. Natürlich funktioniert dieses Prinzip auch andersherum. Wie Chefs sich dieses Prinzip zunutze machen, erklärt Nico Rose.

Es geht mir ja nicht um Katzenvideos an sich, sondern um das, was sich „aktives Emotionsmanagement“ (für Führungskräfte) nennt. Ich betone immer wieder gerne, dass Führungskräfte nicht nur für ihre eigenen Emotionen verantwortlich sind, sondern durch „emotionale Ansteckung“ (zum Teil) auch für jene ihrer Mitarbeiter.

Viele Führungskräfte leisten, gemessen am Arbeitspensum, der körperlichen Belastung und dem begleitenden Ausmaß an Stress, Hochleistungssport. Allerdings hat man als Manager in der Wirtschaft im Gegensatz zu Sportlern keine Off-Season, wenn man mal von einigen Wochen Urlaub, in denen häufig auch noch durchgearbeitet wird, absieht.

Die Arbeitstage sind regelmäßig geprägt von einem Meeting-Marathon, man hetzt von einer Besprechung zur nächsten, muss sich ständig in neue Themen einfinden und mit unterschiedlichsten Menschen „gut klarkommen“.

Natürlich läuft in Meetings nicht immer alles glatt. Verhandlungen enden zuweilen ergebnislos, Mitarbeitergespräche bleiben gelegentlich unter den Erwartungen, der Dialog mit dem eigenen Vorgesetzten ist nicht immer eine Massage für die Seele. Hier besteht die Gefahr, dass sich schlechte Schwingungen über den Tag ansammeln und ein Eigenleben entwickeln. Das klingt zunächst esoterisch, hat jedoch eine handfeste empirische Grundlage. Denn schlechte Stimmung verbreitet sich wie Schnupfen.

Die Sozialpsychologie kennt das Konzept der „emotionalen Ansteckung“. Menschen sind demnach Herdentiere und unsere Zugehörigkeit zur Gruppe hängt auch davon ab, wie gut wir uns in die Gefühle unserer Mitmenschen einfinden können. Ohne dass wir uns dessen bewusst sind, beeinflussen unsere Emotionen die Gefühle jener Menschen, mit denen wir interagieren – und gleichzeitig werden wir von ihnen beeinflusst.

Wie das funktioniert? Unser Gehirn simuliert vor allem auf Basis der Körpersprache und Mimik, wie es sich anfühlen würde, das zu fühlen, was der Gegenüber gerade fühlt (und umgekehrt). Diese Simulation wirkt auf unser tatsächliches Empfinden zurück. Wer jemals mit Tränen in den Augen oder auch „superheldenstark“ einen Kinosaal verlassen hat, weiß um die Wucht dieses Phänomens. Wer einmal mit echten Menschen mitgeweint hat oder einem Gruppen-Lachflash erlegen ist, umso mehr.


Chefs und Chefinnen sind ansteckender

Die Sache hat allerdings einen Haken: Empirische Studien legen nahe, dass sich negative Gefühle in Netzwerken weitaus nachdrücklicher ausbreiten als positive. Sie verbreiten sich wie ein Virus von Person zu Person und kommen somit – wenn auch abgeschwächt – bei Netzwerkmitgliedern an, die in der ursprünglichen Situation nicht zugegen waren. Dies hat einen evolutionären Hintergrund: Potenzielle Bedrohungen früh erkennen zu können scheint letztlich adaptiver zu sein, als sich voreilig in Sicherheit zu wiegen. Ein erstes Zwischenfazit lautet demnach: Die Stimmung in Organisationen kippt wesentlich leichter nach unten als in die andere Richtung.

Es gibt einen weiteren Haken, der die Rolle der Hierarchie betrifft: Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass sich beim Prozess der emotionalen Ansteckung eine ausgeprägte Asymmetrie zeigt; konkret: Führungskräfte haben eine überproportional starke Wirkung auf ihre Mitarbeiter, die umgekehrte Wirkrichtung ist spürbar schwächer ausgeprägt.

Stellen Sie sich folgende Standardsituation vor: Eine Führungskraft betritt als letzte Person einen Meeting-Raum, wo bereits die Mitarbeiter warten. Eben noch in private Gespräche verwickelt, richten sich alle Augen auf die Tür, sobald sich die Klinke bewegt. Das Gemurmel versiegt und jeder „checkt ab, wie der (oder die) heute drauf ist“.

Ohne dies notwendigerweise zu wollen, hat die Führungskraft bereits vor dem ersten Wort die emotionale Atmosphäre in der Gruppe ein gutes Stück weit geprägt. Kommt sie gestresst oder verärgert aus dem vorigen Termin, besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass auch das kommende Meeting unerfreulich verläuft, obwohl es mitunter gar keinen objektiven Grund dafür gibt. Daher das zweite Zwischenfazit: Führungskräfte tragen nicht nur Verantwortung für ihre eigenen Emotionen, sondern in Teilen auch für jene ihrer Mitarbeiter. Dies ist eine Nebenwirkung der hierarchischen Ordnung in Organisationen.

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