Energiemarkt Deutsche Energiekonzerne stehen vor Abschied aus der Türkei

Hohe Wachstumsraten lockten einst deutsche Energiekonzerne ins Land. Jetzt prüft der erste Versorger den Ausstieg: EWE.

Türkei wird für deutsche Energieversorger zum Fiasko Quelle: Enerjisa

Istanbul, DüsseldorfEs muss schon gute Gründe geben, wenn sich ein deutscher Regionalversorger in einem Auslandsmarkt fern der Heimat engagiert. „Die Türkei ist einer der am schnellsten wachsenden Energiemärkte weltweit“, erklärt die EWE aus Oldenburg auf ihrer Homepage.

Schon seit 2007 ist der Versorger, der sein Stammgebiet in Niedersachsen hat, in der Türkei aktiv – und zwar im großen Stil. Die Deutschen beliefern mit Tochtergesellschaften fast eine Million Türken mit Gas – hauptsächlich in den Großstädten Bursa und Kayseri – und zählen sich zu den fünf größten Energiehändlern des Landes.

Tatsächlich galt das Land lange als Perle unter den Energiemärkten. Während in der Europäischen Union der Energieverbrauch schon stagnierte, lockte die Türkei noch mit jährlichen Steigerungsraten von mehr als fünf Prozent. Und dazu bot das Land – am Rande Europas – auch noch stabile Rahmenbedingungen. Noch Ende 2012 wählte Eon-Chef Johannes Teyssen nach langem Screening die Türkei als neuen Zielmarkt aus. Auch Steag und EnBW sind hier aktiv.

Doch die goldenen Zeiten sind spätestens seit dem gescheiterten Putsch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan und den deutsch-türkischen Spannungen vorbei. Als erster Versorger prüft die EWE nach Informationen des Handelsblatts jetzt sogar den Rückzug. Das Unternehmen hat die Investmentbank Barclays beauftragt, die Chancen für den Verkauf auszuloten, wie es in Branchenkreisen heißt. Zumindest zwei Wettbewerber sollen auch schon ihr ernsthaftes Interesse hinterlegt haben.

Allerdings behält sich der neue EWE-Chef Stefan Dohler die endgültige Entscheidung noch vor. Er hat die Führung des Unternehmens, das im vergangenen Jahr insgesamt gut acht Milliarden Euro umsetzte, erst im Januar übernommen – und überprüft derzeit die Strategie. „Unter Führung des neuen Vorstands wird ein entsprechender Review-Prozess im Sommer 2018 abgeschlossen sein. In diesem Zusammenhang wird auch der türkische Markt geprüft“, bestätigte ein Sprecher auf Anfrage. Zu diesem Zeitpunkt sei aber „noch keine Entscheidung oder Priorität für die Zukunft der erfolgreichen türkischen Unternehmen gefallen“.

Lange Zeit war das Geschäft tatsächlich eine Erfolgsgeschichte. Noch 2015 schwärmte der Türkei-Chef des Unternehmens, Frank Quante, alle acht Minuten komme ein neuer Kunde hinzu. Im vergangenen Herbst wurde Quante aber zu einer Krisensitzung nach Oldenburg beordert. EWE macht unter anderem der Wertverlust der türkischen Lira zu schaffen. Das Unternehmen muss Gas in Dollar einkaufen, verkauft es aber in der Landeswährung. Damals wurde eine hohe Risikorückstellung gebildet. Eine kolportierte Summe von 150 Millionen Euro wird in Konzernkreisen aber als zu hoch zurückgewiesen.

Nennenswerte Abschreibungen, die damals befürchtet wurden, wies das Unternehmen im Geschäftsergebnis für 2017 zwar nicht aus. Der Auslandsumsatz der EWE brach aber um 14 Prozent auf 624 Millionen ein. Hier sind zwar auch Aktivitäten in Polen enthalten, fast überwiegend gibt das Segment aber das Türkei-Geschäft wieder. Das operative Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) der Sparte sank um drei Prozent auf 24,8 Millionen Euro.

Türkei fordert Investitionen

Für die Rückstellungen und den geplanten Rückzug gibt es aber nicht nur wirtschaftliche Gründe. Seit dem Putschversuch im Sommer 2016 ist auch das Verhältnis zur Regierung angespannt. Für den Putschversuch, der letztlich binnen einer Nacht vereitelt werden konnte, wird nahezu in der gesamten Bevölkerung die Gülen-Bewegung verantwortlich gemacht. Deren gleichnamiger Anführer sitzt im Exil in den USA. Nach dem Putschversuch begann die türkische Führung eine beispiellose Säuberungsaktion. Auch Unternehmen, die Gülen nahestehen sollen, wurden geschlossen und Manager häufig vor den Kadi gezerrt.

Auch damalige Geschäftsführer von EWE in der Türkei sollen der Bewegung nahestehen – und sind damit aus Sicht der türkischen Führung potenzielle Terroristen. Insgesamt zehn Mitarbeiter und Führungskräfte wurden nach dem Putschversuch entlassen.

Um die Wogen zu glätten, trafen sich Türkei-Chef Quante und der damalige Konzernchef Matthias Brückmann im Herbst 2016 mit dem türkischen Energieminister Berat Albayrak. Der ist gleichzeitig Schwiegersohn von Staatschef Erdogan – und dementsprechend nicht zu Kompromissen in Sachen Gülen bereit. Albayrak nötigte den EWE-Funktionären weitere 120 Millionen Euro ab, die sie in die Erneuerung des türkischen Gasnetzes investieren sollten. „EWE stand mit dem Rücken zur Wand, der Energieminister konnte verlangen, was er wollte“, erzählt ein Insider dem Handelsblatt.

Immerhin konnten die deutschen Manager aushandeln, dass das Geld vorher erst einmal in der Türkei erwirtschaftet werden soll. Dennoch: Deutsche Politiker reagierten auf das Investment mit Unverständnis. Ein Ratsherr aus Oldenburg kritisierte angesichts der Säuberungswelle in dem Land, ein solches Vorgehen stehe „in krassem Widerspruch zu den hohen Standards“ der EWE.

Auch Konkurrent Eon, der 2012 mit großen Hoffnungen in der Türkei eingestiegen war und bisher 2,8 Milliarden Euro investiert hat, musste Lehrgeld bezahlen. Dem Konzern machte unter anderem die Schwäche der Lira Probleme. Seit dem Putschversuch halten sich auch Gerüchte, Eon wolle sich wieder zurückziehen. Diese wurden noch genährt, als Eon im Februar gemeinsam mit dem Partner Sabanci das Joint Venture Enerjisa Enerji, das rund neun Millionen Türken versorgt, an die Börse brachte und den eigenen Anteil um zehn Prozentpunkte auf 40 Prozent reduzierte.

Eon weist Spekulationen über einen kompletten Rückzug aber zurück. „Vor dem Hintergrund eines weiter wachsenden türkischen Energiemarkts und eines positiven regulatorischen Umfelds befindet sich die Performance von Enerjisa im Rahmen unserer Erwartungen weiter auf einem guten Weg“, sagte ein Sprecher: „Wir rechnen mit einem weiter steigenden Energieverbrauch.“

Eon trifft damit die Stimmung, die unter den meisten deutschen Investoren herrscht: Die türkische Wirtschaft gilt zwar als schwierig, aber auch lukrativ.

„In den zurückliegenden zehn Jahren hat EWE wirtschaftlich gesunde Unternehmen in der Türkei aufgebaut, die in der Lage sind, Investitionen vollständig aus eigener Kraft zu realisieren“, betont auch der Versorger aus Oldenburg. Trotzdem könnte er schon bald den Rückzug besiegeln.

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