Energiewende Wenn Strom zu Brennstoff wird

Der Methode, Strom in gasförmige oder flüssige Brennstoffe umzuwandeln, bescheinigt die Industrie eine große Zukunft. Jetzt ist die Politik am Zug.

Das Verfahren, um Strom in Brennstoff umzuwandeln, ist bereits seit 200 Jahren bekannt. Quelle: dpa

BerlinDie Welt soll klimaneutral werden. Bis 2050, so das Ziel der Bundesregierung, wird im Industrieland Deutschland kaum noch Kohlendioxid emittiert. Strom, der CO2-frei mittels Wind und Sonne produziert wird, ist ein wichtiger Schlüssel, um dieses Ziel zu erreichen.

Aber Strom taugt nicht für jeden Zweck. Was geschieht in den Anwendungsbereichen, in denen wir heute Öl, Gas oder Kohle verbrennen, etwa fürs Beheizen von Gebäuden, für industrielle Prozesse und natürlich um mit dem Auto von A nach B zu kommen? Schwer vorstellbar sind derzeit auch batteriebetriebene Schwerlaster, Passagierjets oder Containerschiffe. Und auch das Beheizen von Gebäuden mittels Strom stößt an Grenzen. Die zusätzliche Belastung der Stromnetze wäre immens.

Doch es gibt eine klimaneutrale Alternative. Das Zauberwort heißt „Power to X“. Damit ist die Umwandlung von Strom in Brennstoff gemeint. Power to X beruht auf dem seit zweihundert Jahren erprobten Verfahren der Elektrolyse. Dabei wird Strom in Wasserstoff umgewandelt.

Der Wasserstoff lässt sich direkt verbrennen oder aber in Methan oder synthetische Kraftstoffe umwandeln. Entscheidend ist: Wenn der eingesetzte Strom aus erneuerbaren Quellen stammt, ist der so hergestellte Brennstoff klimaneutral. Nicht nur das: Man kann ihn gut und kostengünstig speichern und transportieren.

Das ist alles keine Hexerei, sondern bereits Realität. Zwei Beispiele von vielen: Audi betreibt im niedersächsischen Werlte seit 2013 eine Anlage, in der aus Ökostrom per Elektrolyse zunächst Wasserstoff und in einem weiteren Schritt Methan erzeugt wird.

Dieses Methan, das auch synthetisches Erdgas genannt wird, treibt den „Audi A3 g-tron“ an, zusätzlich wird Gas ins öffentliche Gasnetz eingespeist. Mit dem erzeugten Gas können rechnerisch 1.500 Audi jeweils 15.000 Kilometer pro Jahr kohlendioxidneutral fahren.

Oder Enertrag: Seit 2011 erzeugt das Unternehmen aus Dauerthal bei Prenzlau mittels Elektrolyse aus Windstrom „grünen Wasserstoff“, der unter anderem zu Heizzwecken, zur Betankung von Autos und Bussen und in industriellen Prozessen eingesetzt wird.

Doch der großtechnische Maßstab ist bislang noch nicht erreicht. Die erforderlichen Technologien stünden „noch in den Anfangsstadien der Entwicklung“ heißt es in einer noch unveröffentlichten Studie, die das Beratungsunternehmen Frontier Economics für den Energiekonzern Innogy angefertigt hat.

In der Studie, die dem Handelsblatt vorliegt, heißt es, es sei „mit bedeutsamen Lern- und Skaleneffekten zu rechnen“. Die Autoren verweisen darauf, dass beispielsweise in den Elektrolyse-Technologien in den vergangenen Jahren signifikante Kostensenkungen von bis zu 80 Prozent zu beobachten gewesen sein. Weitere technologische Fortschritte ließen weitere Kostendegression erwarten, schreiben sie.

Hinsichtlich der Kosten gab es kürzlich bereits konkrete Prognosen zu lesen. In einer Ende vergangenen Jahres veröffentlichten Studie von Deutscher Energie-Agentur (Dena) und dem Beratungsunternehmen Ludwig Bölkow Systemtechnik (LBST) heißt es, derzeit lägen die Kosten für Powert-to-X-Brennstoffe bei „bis zu 4,5 Euro pro Liter Dieseläquivalent“. Ein „Zielkostenniveau von etwa einem Euro pro Liter Dieseläquivalent“ erscheine aber erreichbar.


Wo der Gesetzgeber entgegenkommen muss

Die Autoren von Frontier Economics verweisen auf einen großen Vorteil der Technik: Mittels Power to X hergestelltes Gas könnte über die bereits existierende Gasnetzinfrastruktur transportiert werden, man könnte also die bereits vorhandenen Leitungen weiter nutzen. Zugleich würde der Druck auf den weiteren Ausbau des Stromnetzes sinken.

Ganz unverblümt warnen die Autoren von Frontier Econmocis die Politik davor, allein auf die unmittelbare Elektrifizierung des Energieverbrauchs über alle Sektoren hinweg abzustellen. Es wäre fahrlässig, andere Optionen „zu vernachlässigen oder gar zu negieren“, schreiben sie. Um Umwandlungs- und Speichertechnologien wie Power to X voranzubringen sollte es nach Überzeugung der Gutachter ein Entgegenkommen des Gesetzgebers geben.

Das Problem: Wer heute Strom in Power-to-X-Anlagen einsetzt, wird so behandelt wie jeder Letztverbraucher von Strom. Mit anderen Worten: Er zahlt alle Steuern, Umlagen und Abgaben auf den Strompreis – obwohl der Strom mittels Power to X ja nur in einen anderen Energieträger umgewandelt und erst später verbraucht wird.

Die Gutachter empfehlen daher, das Abgaben- und Umlagensystem so auszugestalten, „dass Umwandlung und Speicherung von Strom als Teil der Energiewertschöpfungskette gesehen werden und entsprechend Abgaben, Steuern und Umlagen für Letztverbraucher nicht anfallen“.

CDU, CSU und SPD schenken dem Thema in ihren Koalitionsverhandlungen, die an diesem Wochenende oder spätestens Anfang kommender Woche zu Ende gehen sollen, keine große Beachtung. Man werde beim Thema Power to X „den Übergang von Forschung zu Demonstration und Markteinführung unterstützen“, heißt es im Papier der Arbeitsgruppe Energie, Klima, Umwelt bei den Koalitionsverhandlungen.

Die Wirtschaft ist enttäuscht. Viele Unternehmen messen dem Thema große Bedeutung bei. Siemens etwa unternimmt große Anstrengungen – allerdings zu einem erheblichen Teil im Ausland. Erst Ende vergangenen Jahres kündigte der Münchener Technologiekonzern an, die Bemühungen der australischen Regierung zu unterstützen, im Süden Australiens eine Power-to-X-Infrastruktur aufzubauen.

Im Süden des australischen Kontinents sind die Bedingungen für die Produktion von Wind- und Sonnenstrom ideal. Es bietet sich an, diesen Strom in großem Stil mittels Elektrolyse in Wasserstoff oder andere gasförmige oder flüssige Brennstoffe umzuwandeln. Diese grünen Brennstoffe ließen sich in alle Welt exportieren.

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