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Air Berlin

Nehmt das Schokoherz wieder ernst!

Ein Rettungsversuch von Jochen Maass, wie die zweitgrößte deutsche Airline durch Rückbesinnung auf ihren Markenkern wieder Aufwind bekommen kann.

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Air Berlin Quelle: dpa

Liebe Air Berlin,

diese Kolumne war gerade fertig, als die Eilmeldung über Deine Insolvenz über die Newsticker lief. Deine Zeit wird knapp. Drei Monate soll der Kredit der Bundesregierung reichen. Du bist mal wieder Top-Thema. Wie so oft in den vergangenen Monaten. Bushido und Frank Elstner waren sich einig und sogar der VW-Personalvorstand wagte es, über Dich zu meckern. Du warst mit 16 Prozent Passagierrückgang „Verlierer des Tages“ in der BILD und die SZ hat Dir zu Deiner Ehrenrettung attestiert, doch noch besser als das „Regiment sehr barscher Großmütter“ bei der amerikanischen Delta Air Lines zu sein. Und nun die Pleite. Höchste Zeit, Dir – jenseits von Insolvenzverwaltern und Geschäftszahlen – noch etwas aus Marken- und Kommunikationssicht zu sagen, das Dir – vielleicht – aus der Krise helfen kann.

Es gab Zeiten, da genügte es, „FDP“ zu sagen - und alle lachten. Bei „Deutsche Telekom“ war es ähnlich. Und bei „Deutsche Bahn“ lachte man noch nicht mal mehr.

Du, liebe Air Berlin warst anders. Ich duze Dich, weil Du Dir 2008 den persönlichen Claim „Your Airline“ gegeben hast. Und: weil wir eine gute Zeit zusammen hatten. Du bist für mich meine Kindheitserinnerung ans Fliegen. Denn Du bist für mich der würdige Nachfolger von LTU, die Du vor zehn Jahren übernommen und umlackiert hast. Es muss 1978 gewesen sein. Mein erster Mallorca-Flug. Im Radio lief „Rivers Of Babylon“ von Boney M. Bei Dir gab es Buntstifte an Bord, ein Flugzeug-Malbuch, Essen in Plastikboxen mit einem Komplettsatz Zucker, Pfeffer und Salz, den man fast nie wirklich brauchte. Und ein Flugzeug namens TriStar. Das Modell davon hängt heute noch stolz in Rot-Weiß mit silbernem Rumpf in meinem ehemaligen Kinderzimmer. Eltern lieben ja solche Erinnerungen, auch wenn er Sohn mittlerweile Mitte 40 ist.

Etwas später, in den 80ern, habe ich Dich wiederentdeckt. Es war wieder ein Ferienflug. Du wirktest wie der regionale Discounter im Vergleich zu meiner geliebten LTU. Obwohl Du ans selbe Urlaubsziel flogst, war ich immer ein wenig enttäuscht, wenn Dich TUI oder Neckermann ins Pauschalreisearrangement gepackt haben. Denn frei aussuchen wie heute konnte man Dich damals noch nicht auf dem Flug in die Ferien. „Air Berlin“: Das klang regional. Nicht nach großer weiter Welt.

Wie geht es weiter bei Air Berlin?

Irgendwann in den 90ern wurdest Du dann richtig hip. An Bord liefen bei Dir nach der Landung immer die neuesten Hits. Von 104.6 RTL in Berlin. In einer Lautstärke, die an Bord einer Lufthansa-Maschine als nervig empfunden worden wäre. Doch zu Dir passte es. Du warst für mich das Privatfernsehen des Fliegens: bunter, lauter, persönlicher.
Ich war mit Dir zum ersten Mal in Amerika. Habe Dir sogar mein Leben bei der Landung in Funchal auf Madeira anvertraut. Ein Flughafen mit einer Landebahn für gute Nerven, wenn man beim Landen aus dem Fenster schaut.

Und als ich regelmäßig beruflich nach Berlin musste, fand ich Dich irgendwie cooler als die Lufthansa, die damals noch nicht „Eurowings“ oder „Germanwings“ hieß. Deine Piloten flogen auch bei Orkan und durch den Ascheregen des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull, während die spießige Deutsche Lufthansa Flüge sicherheitshalber absagte. Heute denke ich: Vielleicht war das auch gut so. Aber wie gesagt: Air Berlin-Fliegen war irgendwie anders. Die schlecht gelaunten Geschäftsleute mit Aktenkoffer saßen in der Lufthansa. Die „Start-Upper“ der New Economy flogen Air Berlin. Bei Dir saß man neben Harald Schmidt und Jürgen Drews, bei der Lufthansa bestenfalls neben Wolfgang Clement und Norbert Blüm.

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