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Alltag eines Psychotherapeuten Am Ende der Kräfte

Schwere Krankheiten, ein Wasserschaden, ein Unfall: Ein Leben voller Herausforderungen, die Leib und Seele krank machen. Aber es gibt Hilfe.

Aus dem Alltag eines Psychotherapeuten: Am Ende der Kräfte Quelle: dpa

Meine Patientin kam in die Reha, nachdem ihr Leben ein Jahr lang Kopf gestanden hatte. Nach einem Wasserschaden war das alte Haus, in dem sie mit ihrer Familie gelebt hatte, unbewohnbar geworden und sie hatte übergangsweise in eine Ersatzwohnung ziehen müssen. Ihr ohnehin von Diabetes und einer seltenen Form der Leukämie gezeichneter und sich ständig in Behandlung befindlicher Mann hatte eine weitere Krebsdiagnose bekommen, was glücklicherweise durch eine Operation zunächst erfolgreich behandelt werden konnte.

Zudem hatte sich eins ihrer Enkelkinder bei einem Haushaltsunfall schwer verletzt und benötigte langwierige Behandlungen. Meine Patientin, nebenbei noch in Teilzeit berufstätig, war über den Streitereien mit Versicherungen, Krankenhausbesuchen und Umzügen an das Ende ihrer Kräfte gelangt und begann die Reha zunächst mit dem Ziel, sich von den letzten Monaten zu erholen, Abstand zu gewinnen und wieder zu Kräften zu gelangen.

Sie wollte ihre „Akkus aufladen“, zumal sie wusste, dass die nächsten Jahre nicht unbedingt einfacher werden würden. Die Leukämie ihres Mannes konnte zwar aktuell durch spezielle Medikamente vorübergehend aufgehalten werden, würde jedoch mittelfristig, um eine Heilung zu erreichen, eine schwerwiegende und riskante Behandlung erfordern. Sie selbst hatte das Gefühl, ihr Mann sei sich nicht einmal sicher, ob er die Behandlung überhaupt in Anspruch nehmen würde. Ich begann mit ihr, das Thema Resilienz zu bearbeiten.

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Der Begriff Resilienz ist seit einigen Jahren immer häufiger in der großen Welt der psychologischen Forschungen und Ratgeber anzutreffen. Ursprünglich aus der Materialwissenschaft stammend, beschrieb der Begriff Resilienz zunächst, zu welchem Ausmaß ein Stoff sich nach einer Verformung wieder in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Demzufolge wurde Gummi als ein sehr resilienter Stoff und Holz als nicht besonders resilient angesehen. Psychologen übernahmen den Begriff später als Bezeichnung für eine psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber widrigen äußeren Bedingungen oder die Psyche beeinträchtigenden Lebensereignissen – resiliente Menschen sind also auch bei schwereren Krisen in der Lage, ihre geistige und körperliche Gesundheit weitgehend beizubehalten.

Faktoren, die zu Resilienz beitragen und somit unsere Gesundheit schützen, sind vielfältig und beinhalten beispielsweise körperliche Fitness, aktuelles Stresslevel, Optimismus, Selbstbewusstsein, - akzeptanz und -bestimmung, stabile Partnerschaften oder Freundschaften, soziale Kompetenzen, Bildung, eine ausgeglichene Work-Life-Balance und letztlich auch genetische Veranlagung. Einige dieser Faktoren lassen sich kurz- oder mittelfristig, andere langfristig und die Genetik gar nicht ändern. Das Programm, das Patienten während einer Reha-Maßnahme durchlaufen, deckt etwa durch Sportprogramm, Stressbewältigungsgruppen oder Entspannungsverfahren einen großen Teil dieser Faktoren ab. Die Faktoren, an denen ich als Therapeut in der Regel mit den Patienten arbeite, sind eher die individuellen psychologischen Prozesse wie die Aufarbeitung von Beziehungen oder biografische Selbstwertarbeit.

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Meine Patientin wies ein für die von außen auf sie zuströmenden Belastungen ein überraschend hohes Funktionsniveau auf. Trotz ihrer vielen Verantwortungen und der sie immer wieder zurückwerfenden Ereignisse hatte sie sich ihren Humor, Optimismus und pragmatische Herangehensweise weitgehend beibehalten, was auch für die Zukunft eine den Umständen entsprechend gute psychische Gesundheit erwarten lässt. Sie vermisste lediglich etwas die Unabhängigkeit von ihrer Familie, die ihre Kräfte arg strapaziert hatte, so dass wir zusammen verschiedene Freizeitaktivitäten wie Yoga- und Malkurse für sie heraussuchten.

Außerdem wollte sie sich in ihrem Heimatort im Rahmen ihrer zeitlichen Möglichkeiten ehrenamtlich engagieren, um bessere Anbindung an die Dorfgemeinschaft zu erlangen. Durch den Abstand von Arbeit und Familie gestärkt, konnte sie voller Tatendrang in den Alltag entlassen werden, wo das nach dem Wasserschaden kernsanierte Haus auf sie wartete.

Geritt Müller heißt eigentlich anders. Er arbeitet als Psychotherapeut in einer Klinik im Sauerland. Um die Identität seiner Patienten zu schützen, haben wir ihm einen anderen Namen gegeben.

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