WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen
Alltag eines Psychotherapeuten

Veränderungen sind Gift für das Gehirn

Seite 2/2

Im eigenen Tempo arbeiten

Das große Problem in Veränderungsprozessen ist, dass das menschliche Gehirn sehr an seinen Gewohnheiten hängt. Hat man sich einmal an ein Verhaltensmuster gewöhnt, verknüpfen sich bestimmte Bereiche im Gehirn so, dass eigentlich voneinander unabhängige Dinge plötzlich miteinander assoziiert werden – klassische Konditionierung.

Wer sich einmal daran gewöhnt hat, nach der Arbeit Joggen zu gehen, den wird das irgendwann keine Überwindung mehr kosten, zumal das Gehirn irgendwann gelernt hat, dass der Körper dabei Stress abbauen kann. Wer aber gerade erst anfängt, Sport zu treiben, für den bedeutet das Training zunächst Stress, was fatal ist, denn die unmittelbare Belohnung bleibt aus.

Bis das Gehirn zwei neutrale Dinge (beispielsweise Rückkehr von der Arbeit und Joggen) stark genug miteinander verknüpft hat, damit es fest im Alltag integriert ist, vergeht eine gewisse Zeit, die oftmals so lang ist, dass man vorher entnervt aufgibt.

In acht Schritten zum Burn-Out

Für meine Rehapatienten beginnt deshalb die eigentliche Arbeit meistens erst, wenn sie wieder in den Alltag entlassen werden. Im völlig neuen Kliniksetting mit Abstand von Alltag und Arbeit fällt es den meisten bei vorgegebener Tagesstruktur leicht, sich neue, gesunde Verhaltensweisen anzugewöhnen. Im Alltag aber herrschen durch die vielen Verpflichtungen widrige Bedingungen und das Gehirn drängt dazu, den bequemen, alten Weg zu gehen.

Hilfreich ist es deshalb bei Vorsätzen, das soziale Umfeld zur Unterstützung mit ins Boot zu holen. Bewusst oder unbewusst neigt dieses nämlich oft ebenfalls dazu, Veränderungsprozesse zu torpedieren, wenn es selbst nicht direkt von diesen Veränderungen profitiert – auch die Gehirne ihrer Mitmenschen hängen an ihren Gewohnheiten. Eine plötzliche Ernährungsumstellung kann dem Partner missfallen, weil er selbst möglicherweise bei Beibehaltung der Essgewohnheiten ein schlechtes Gewissen bekommen könnte oder die Beziehung durch potenziell höhere Attraktivität gefährdet sieht. Diese Themen sollten bewusstgemacht und wenn möglich in Ruhe angesprochen werden. Soziale Unterstützung durch Motivierung und gemeinsame Kontrolle der gesetzten Ziele kann dann sehr hilfreich sein.

Fünf Tipps zur Stressbewältigung

Rehapatienten werden aus diesen Gründen oft an eine ambulante Psychotherapie oder Reha-Nachsorgegruppen angebunden, damit es einen festen Termin in der Woche gibt, an dem der Erfolg gemessen und reflektiert werden kann.

Meine Patientin wurde durch den Sozialdienst der Klinik an eine gemeinnützige Institution angebunden, die für Menschen mit psychischen Störungen einen Anlaufpunkt darstellt und diese bei jeglichen Problemen unterstützt. Häufig bieten diese, insbesondere für schwer beeinträchtigte Menschen, auch eine Art Arbeitsverhältnis an, in dem sie ungestört in einem Team bei eigenem Tempo arbeiten können. In diesem Umfeld sahen wir die besten Chancen für eine langfristige Stabilisierung der Patientin.

Geritt Müller heißt eigentlich anders. Er arbeitet als Psychotherapeut in einer Klinik im Sauerland. Um die Identität seiner Patienten zu schützen, und damit er freier schreiben kann, haben wir ihm einen anderen Namen gegeben.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%