Alltag eines Psychotherapeuten

Stehen Sie zu Ihren Emotionen

Wer seine Gefühle nicht akzeptiert, neigt dazu, seinen Ärger runterzuschlucken. Bis das Fass dann irgendwann überläuft. Psychotherapeut Geritt Müller erlebt das häufig bei seinen Patienten. Was er ihnen rät.

Ein Schattenriss eines Kopfes mit einem Yin-und-Yang-Symbol darin (Illustration) Quelle: Adrian Niederhäuser

Meine Patientin kam eigentlich in die Klinik, um ein Präventivprogramm zu absolvieren, das vor Burn-Out schützen und etwas früher greifen soll als die üblichen Rehabilitationsmaßnahmen, zu denen die Patienten oft erst kommen, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Doch schon im Aufnahmegespräch merkte ich, dass auch sie einen kritischen Punkt schon lange überschritten hatte und sich bereits mitten in einer Erschöpfungsdepression befand. Die Krankenschwester hatte bis zur Anreise gearbeitet und es nur mit Mühe und Not und Unterstützung ihres Mannes geschafft, die wichtigsten alltäglichen Dinge irgendwie zu regeln.

Zerstritten, freudlos, unter Druck, alleine

Freude hatte sie schon lange nicht mehr empfunden, ihren Interessen ging sie seit Monaten nicht mehr nach. Sie berichtete von allerlei Konflikten in ihrem Leben, die sowohl das Privat- als auch das Berufsleben betrafen. Mit ihrer Tochter hatte sie seit einiger Zeit nur äußerst sporadischen Kontakt, nachdem diese zu ihrem Lebensgefährten gezogen war, mit dessen Familie sich meine Patientin schnell heillos zerstritten hatte. Auf ihrer Station, berichtete sie, fühlte sie sich im Kollegenkreis alleine, weil sie ständig für jemanden einspringen musste und allerhand Aufgaben von selbst übernahm.

Das gleiche erwartete sie von ihren Kolleginnen, doch diese waren seltsam selten spontan verfügbar und zeigten ihr generell zu wenig Dankbarkeit. Auch mit ihrem Vermieter befand sie sich auf Konfrontationskurs, weshalb seit einiger Zeit nur noch ihr Mann mit diesem kommunizierte.

In acht Schritten zum Burn-Out

Als wir in den späteren Gesprächen anfingen, ihre eigenen Anteile an diesen Konflikten zu thematisieren, stellte sich ein Muster heraus: Sie hatte an sich selbst den Anspruch, ein umgänglicher Mensch zu sein, weshalb sie sich immer schon stark bemüht hatte, freundlich aufzutreten und nicht nachtragend zu sein. Tatsächlich wirkte sie auf mich von Anfang an sehr herzlich und humorvoll, trotz ihrer angeschlagenen Stimmungslage; in unseren Gesprächen, in denen an sie keine Erwartungen gestellt wurden und sie für ihre Stimmungen nicht verurteilt wurde, hielt sich dies auch bis an das Ende der Maßnahme.

Im hektischen Arbeitsalltag allerdings schien sie dazu zu neigen, frustriert ihren Ärger so lange herunterzuschlucken, bis das Fass überlief und sie schließlich zickig bis explosiv reagierte. Mit dieser Unberechenbarkeit konnten ihre Kollegen offenbar schlecht umgehen, meine Patientin ebenfalls – nach diesen zumeist kurzen Streitereien würde sie sich in der Regel lange Vorwürfe machen und sich zum Selbstschutz irgendwann absondern, berichtete sie.

So unterschiedlich reagieren wir auf Stress

Hinter der mangelnden Konfliktfähigkeit und der emotionalen Labilität steckte eine ungünstige Mischung aus mangelnder Selbstakzeptanz und dem nicht ganz zu meiner Patientin passenden Erziehungsstil ihrer Eltern. Diese hatten meine Patientin stets dazu erzogen, dass jegliche Konflikte schlecht und unnötig seien. Sie neigte aber immer schon zu spontaner Emotionalität, die sie deshalb stets unterdrücken musste. So konnte sie eine ihrer wichtigsten Eigenschaften nie schätzen und akzeptieren lernen.

Zwischen berechtigter und unberechtigter Kritik unterschieden

Die therapeutische Arbeit bestand deshalb im wesentlichen aus Selbstwertarbeit. Ausgeglichene, selbstsichere Menschen können in der Regel gut unterscheiden zwischen berechtigter Kritik, die sie annehmen und für sich nutzen können, und negativen Stimmungen, die mit ihnen wenig oder nichts zu tun haben und die sie ihrem Gegenüber zuschreiben können.

Auch meine Patientin konnte es während des Aufenthalts etwas besser schaffen, sich für ihre emotionalen Reaktionen nicht mehr so stark zu verurteilen und das Gute in ihrer emotionalen Persönlichkeit zu finden. Ihre Patienten, berichtete sie, schätzten sie oft für ihre verständnisvolle und herzliche Art – mit genügsamen, zufriedenen Menschen kam sie in der Regel sehr gut klar.

Wie gehen Sie mit Stress und Ärger um?
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Intuition nicht verkümmern lassenIn kritischen Situationen spontan regieren zu können, ist nicht nur auf der Straße wichtig. Auch im Büro sollte die Bedeutung des Bauchgefühls nicht unterschätzt werden. Wer in Situationen mit Kollegen und Kunden zu kopflastig reagiert, kann sie in Sekunden vergraulen. Laut Conen ist Intuition lernbar – und kann wieder erweckt werden, falls man dazu bereit ist. Quelle: Fotolia
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Das Chamäleon-PrinzipDas Chamäleon sollte das Tier dieses Jahrhunderts werden. Es zeigt alle Fähigkeit, die heute notwendig sind. Vor allem kann es sich auf veränderte Bedingungen einstellen. Es geht nicht darum, seine Authentizität zu verlieren. Es geht darum, sich nicht mehr zu wünschen, dass alles wieder so wird, wie es mal war. Das macht unglücklich. Wagen Sie in der Jobkrise den Sprung in eine zweite Karriere. Quelle: dpa
Neue Energie gewinnenHinterfragen Sie, wo Sie wie viel Energie investieren und ob es sich lohnt. Hinterfragen Sie Ihre innere Motivation und konzipieren Sie um. Schaffen Sie es Ihr Energielevel unter Kontrolle zu halten, bleibt mehr für die Freizeit über. Quelle: Fotolia

Zum anderen arbeiteten wir daran, vermeintlich oder tatsächlich kritische Aussagen ihr gegenüber entweder versöhnlich anzunehmen oder sich sachlich zu verteidigen, um ein Aufstauen und späteres Explodieren von Emotionen zu verhindern. Im Entlassungsgespräch berichtete sie, einen Konflikt mit einer Mitpatientin ruhig geklärt zu haben und die Bindung zu ihr dadurch sogar intensiviert zu haben, und nahm sich vor, zu Hause mit einem Psychotherapeuten weiter daran zu arbeiten.

Geritt Müller heißt eigentlich anders. Er arbeitet als Psychotherapeut in einer Klinik im Sauerland. Um die Identität seiner Patienten zu schützen, und damit er freier schreiben kann, haben wir ihm einen anderen Namen gegeben.

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