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Alltag eines Psychotherapeuten

Veränderungen sind Gift für das Gehirn

Der Februar ist in vielerlei Hinsicht eine Durststrecke: Die Tage werden nur langsam länger, nach wie vor ist es aber oft dunkel, nass und kalt. Die Euphorie des Jahreswechsels ist längst verflogen.

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Abwarten und aufschreiben Quelle: Fotolia
Tiiiief durchatmenWenn Ihnen alles über den Kopf zu wachsen droht, atmen Sie erst einmal tief durch und beruhigen sich selbst. 1. Machen Sie die Augen zu 2. Atmen Sie tief ein 3. Sagen Sie sich im Stillen (wahlweise*): "Ich werde..." 4. Atmen Sie aus 5. Sagen Sie dabei im Stillen: "...meinen Chef nicht töten." Nach ein paar Wiederholungen fühlen Sie sich gelassener. *alternativ geht natürlich auch: "Ich bin total entspannt", "ich werde das schaffen" oder was Sie sonst grade beschäftigt. Quelle: Fotolia
Sorgen Sie für Ruhe Quelle: Fotolia
Sorgen Sie für guten Duft Quelle: dpa
Kurze Wutpause einlegenUnd wenn Sie an Ihrem Arbeitsplatz gerade alles kurz und klein schlagen könnten, stehen Sie auf und holen Sie sich einen Kaffee, einen Tee oder Kakao. Trinken Sie den ganz in Ruhe in der Küche oder vor dem Gebäude und genießen Sie die kurze Auszeit. Erst danach sollten Sie zurück an den Schreibtisch. Quelle: Fotolia
Meditation in der MittagspauseWer es mit Meditation versuchen möchte, kann das App-sei-Dank mittlerweile sogar von unterwegs. Smartphone-Anwendungen wie "Headspace" bieten Schritt-für-Schritt-Anleitungen zur Tiefenentspannung. Quelle: AP
Bewegung in der PauseWem das zu esoterisch ist, dem sei ein wenig Bewegung ans Herz gelegt, das macht den Kopf frei: In der Mittagspause oder nach Feierabend ein paar Runden durch den Park joggen, kann Wunder bewirken. Quelle: dpa

Mit etwas Glück haben Sie ihre Neujahrsvorsätze bis hierhin wenigstens einigermaßen umgesetzt – doch für Rückfälle in alte Muster sind wir im Februar besonders anfällig. Denn dann ist die Euphorie des neuen Jahres längst verflogen und Durchhalten angesagt.

Kürzlich betreute ich eine depressive Patientin mit einem ähnlichen Problem. Sie war nach einer Mobbingsituation an ihrer Arbeitsstelle schon vor einiger Zeit depressiv geworden. Die trockene Alkoholikerin hatte durch den Verlust ihrer Kneipenbekanntschaften und die Krankschreibung fast ihr gesamtes soziales Umfeld sowie ihre Tagesstruktur und gesellschaftliche Aufgabe verloren.

Ihr Hausarzt hatte schließlich die Aufnahme in eine psychiatrische Tagesklinik veranlasst, in der sich ihr Zustand schnell deutlich verbessert hatte, doch die wiederhergestellte Motivation und Tagesstruktur hatten noch nicht einmal einen Monat gehalten.

Symptome einer Depression

Im Aufnahmegespräch war sie optimistisch und versprach sich von der in der Rehaklinik vorgegebenen Tagesstruktur und die sozialen Kontakte eine ähnlich schnelle Verbesserung von Stimmung und Antrieb, die tatsächlich eintrat. Sie sagte, diesmal sei sie auch wirklich motiviert, die Tagesstruktur zuhause beizubehalten.

Eine Rückkehr an den Arbeitsplatz hielt sie aber für unmöglich, zudem stand sie ohnehin kurz vor der Rente. Nun stellte sich die Frage, wie wir für die Patientin die Wahrscheinlichkeit erhöhen konnten, dass sie dauerhaft gesund blieb – eine langfristige Veränderung im Alltag musste her. Doch warum fällt es Menschen eigentlich so schwer, Veränderungen langfristig aufrechtzuerhalten? Psychologen machen sich seit jeher Gedanken über diese Frage: Die meisten bieten Tipps, wie Sie Veränderungen scheinbar spielend in ihr Leben integrieren – die Wahrheit ist leider, dass es in den meisten Fällen trotz kleiner Tricks immer noch viel Disziplin bedarf.

Im eigenen Tempo arbeiten

Das große Problem in Veränderungsprozessen ist, dass das menschliche Gehirn sehr an seinen Gewohnheiten hängt. Hat man sich einmal an ein Verhaltensmuster gewöhnt, verknüpfen sich bestimmte Bereiche im Gehirn so, dass eigentlich voneinander unabhängige Dinge plötzlich miteinander assoziiert werden – klassische Konditionierung.

Wer sich einmal daran gewöhnt hat, nach der Arbeit Joggen zu gehen, den wird das irgendwann keine Überwindung mehr kosten, zumal das Gehirn irgendwann gelernt hat, dass der Körper dabei Stress abbauen kann. Wer aber gerade erst anfängt, Sport zu treiben, für den bedeutet das Training zunächst Stress, was fatal ist, denn die unmittelbare Belohnung bleibt aus.

Bis das Gehirn zwei neutrale Dinge (beispielsweise Rückkehr von der Arbeit und Joggen) stark genug miteinander verknüpft hat, damit es fest im Alltag integriert ist, vergeht eine gewisse Zeit, die oftmals so lang ist, dass man vorher entnervt aufgibt.

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Für meine Rehapatienten beginnt deshalb die eigentliche Arbeit meistens erst, wenn sie wieder in den Alltag entlassen werden. Im völlig neuen Kliniksetting mit Abstand von Alltag und Arbeit fällt es den meisten bei vorgegebener Tagesstruktur leicht, sich neue, gesunde Verhaltensweisen anzugewöhnen. Im Alltag aber herrschen durch die vielen Verpflichtungen widrige Bedingungen und das Gehirn drängt dazu, den bequemen, alten Weg zu gehen.

Hilfreich ist es deshalb bei Vorsätzen, das soziale Umfeld zur Unterstützung mit ins Boot zu holen. Bewusst oder unbewusst neigt dieses nämlich oft ebenfalls dazu, Veränderungsprozesse zu torpedieren, wenn es selbst nicht direkt von diesen Veränderungen profitiert – auch die Gehirne ihrer Mitmenschen hängen an ihren Gewohnheiten. Eine plötzliche Ernährungsumstellung kann dem Partner missfallen, weil er selbst möglicherweise bei Beibehaltung der Essgewohnheiten ein schlechtes Gewissen bekommen könnte oder die Beziehung durch potenziell höhere Attraktivität gefährdet sieht. Diese Themen sollten bewusstgemacht und wenn möglich in Ruhe angesprochen werden. Soziale Unterstützung durch Motivierung und gemeinsame Kontrolle der gesetzten Ziele kann dann sehr hilfreich sein.

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Rehapatienten werden aus diesen Gründen oft an eine ambulante Psychotherapie oder Reha-Nachsorgegruppen angebunden, damit es einen festen Termin in der Woche gibt, an dem der Erfolg gemessen und reflektiert werden kann.

Meine Patientin wurde durch den Sozialdienst der Klinik an eine gemeinnützige Institution angebunden, die für Menschen mit psychischen Störungen einen Anlaufpunkt darstellt und diese bei jeglichen Problemen unterstützt. Häufig bieten diese, insbesondere für schwer beeinträchtigte Menschen, auch eine Art Arbeitsverhältnis an, in dem sie ungestört in einem Team bei eigenem Tempo arbeiten können. In diesem Umfeld sahen wir die besten Chancen für eine langfristige Stabilisierung der Patientin.

Geritt Müller heißt eigentlich anders. Er arbeitet als Psychotherapeut in einer Klinik im Sauerland. Um die Identität seiner Patienten zu schützen, und damit er freier schreiben kann, haben wir ihm einen anderen Namen gegeben.

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