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Andreas Raelert "Nicht aufgeben, weder im Rennen noch im Leben"

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"Etwas trotz Problemen zu Ende zu bringen, ist eine Genugtuung"

Ist also ein Teil der nötigen Verarbeitung der Enttäuschung schon im Rennen erfolgt?

Vielleicht. Das ist eine sehr extreme Erfahrung. Es ergibt sich eine große Sinnfrage, warum das alles zerplatzt. Man muss schließlich noch mal ein Jahr warten, um genau wieder an dieser Stelle zu stehen. Alle diese Gedanken in diesem Moment zu verarbeiten, wäre dann doch schwer.

In der Rückschau ist es aber wohl doch so, dass die Verarbeitung bereits während des Rennens beginnt, denn auf den letzten Metern vor der Ziellinie war für mich der klare Entschluss gefallen, es im Jahr darauf wieder auf Hawaii zu versuchen. Ich habe akzeptiert, dass die Situation so ist, wie sie ist. Ich wollte mich nicht mit einem negativen Gefühl verabschieden von der Insel. Ich hatte im Ziel schon wieder die Motivation getankt, das Abenteuer Hawaii wieder anzugehen.

Andreas Raelert beim Iron Man auf Hawaii im Jahr 2014: Nicht sein bestes Jahr. Quelle: dpa

Was dann 2015 mit einem zweiten Platz und dem fünften Mal auf dem Treppchen des Ironman auf Hawaii ja auch hervorragend lief. Das Elend zweier unglücklicher Rennverläufe erfolgreich überwunden.

Ja, aber ich habe, ganz unabhängig von Hawaii, für mich die Erkenntnis gewonnen, dass die Hürde im Kopf, wenn man ein Rennen nicht zu Ende bringt, noch höher wird. Wenn man mehrfach aussteigt, dann verselbstständigt sich der Effekt und man gibt beim nächsten Mal noch schneller auf. Deswegen würde ich jedem raten – egal ob im Sport oder in den klassischen Bereichen des Lebens – das, was man sich zum Ziel gesetzt hat, auch durchzuziehen, selbst wenn das Ergebnis nicht das ist, das man sich vorgenommen hatte. Es ist besser, die Dinge abzuschließen. Später grämt man sich sonst immer. Auf diese Weise findet man viel eher zu seinem Seelenfrieden.

Es gibt – leider sehr lustige – Videos von frustierten Profisportlern, die bei einem schlechten Rennverlauf ihre Aggression am Sportgerät auslassen. Sowas kam Ihnen nie in den Sinn?

Nein, gar nicht. Ich habe schon einige emotional anspruchsvolle Szenen auf Hawaii erlebt. Selbst 2015 gab es das, als ich Zweiter wurde, da ich wegen eines Plattens beim Radfahren den Kontakt zur Spitze verloren hatte. Das sind Gegebenheiten, die passieren können. Und ich war da sehr glücklich, dass ich meine Emotionen unter Kontrolle hatte. Ich habe erkannt, dass ich meine Situation nicht mehr ändern, nur noch verschlechtern kann. Eine gewisse Coolness und Ruhe zu bewahren, hat mir immer geholfen.

Ein negativer Rennverlauf ist im Kopf also gar nicht so viel anders als ein positiver?

2015 feiert Raelert den zweiten Platz beim Iron Man in Kailua-Kona, Hawaii. Quelle: dpa

Ganz genau. Am schlimmsten ist einfach der Kontrollverlust, das wünscht sich keiner. Deshalb ist es wichtig, sich auf sich selbst zu konzentrieren und die Dinge, die passieren zu akzeptieren. Krisenmanagement heißt dann, in dem problematischen Moment eine Lösung für dich zu finden. Es hilft ja nichts, wenn man mit dem Frust noch mehr Energie verschwendet.

Wenn ich an meine Magenprobleme auf Hawaii zurückdenke, die musste ich selbst verantworten, da konnte ich eh niemanden beschimpfen. Ich hatte zuvor eben bestimmte Warnsignale ignoriert. Das war dann auch ein frustrierender Moment, dass ich es akzeptieren musste, dass ich mir die Probleme selbst eingebrockt habe, weil ich von meinem vorher gesteckten Fahrplan abgekommen bin. In dem Moment ist es deine Schuld. Andererseits ist es auch gut, wenn es keinen anderen Schuldigen gibt außer einen selbst.

Als Profi sind Rennen natürlich Teil ihrer Arbeit, anzukommen, gut zu platzieren hat für Sie eine andere Bedeutung als uns Amateure. Wir müssen nichts derartiges tun, es ist unser Hobby. Würden Sie dennoch auch Amateuren raten, ein Rennen, das schief läuft zu Ende zu bringen? Vorausgesetzt es liegen keine Verletzungen vor? Was geben Sie uns Normalsterblichen mit?

Haha! Ich bin doch ganz genauso ein Normalsterblicher. Unbedingt und absolut. Wichtig ist natürlich, dass die Gesundheit nicht auf dem Spiel steht und ein Risiko entsteht. Aber nicht aufzugeben im Rennen, diese Haltung würde ich auf alle möglichen Situationen im Leben übertragen. Da sind Ironman-Wettkämpfe oder andere Ausdauerwettbewerbe stellvertretend fürs Leben. Es gibt dieses eine große Ziel – man erreicht es nicht hundertprozentig, aber man opfert alles dafür und gibt deshalb auch nicht auf. Diese Zufriedenheit, es trotz Problemen zu Ende gebracht zu haben, ist eine viel größere Genugtuung als die vergleichsweise kleine und nur kurze Erleichterung in den schweren Momenten, aufhören zu können.

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