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Behinderte Manager Karriere mit Handicap

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Roland Zeh Quelle: Oliver Rüther für WirtschaftsWoche

Roland Zeh etwa arbeitet seit zehn Jahren als Chefarzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde – obwohl ihn das Prüfungsamt Baden-Württemberg 1989 kurz vor Ende seines Medizinstudiums am liebsten ausgebremst hätte.

Sechs Jahre hatte Zeh schon studiert und regelmäßig Bestnoten erzielt. Doch dann hieß es auf einmal, Zeh könne nicht zur Abschlussprüfung zugelassen werden. Grund: Laut Prüfungsamt lägen „die gesundheitlichen Voraussetzungen zur Erteilung der Approbation nicht vor“.

Tatsächlich kann Zeh eine der üblichsten medizinischen Untersuchungen nicht leisten: Er kann seine Patienten nicht mit dem Stethoskop abhören – Zeh ist nahezu taub.

Durch eine Antibiotika-Therapie verlor er im Alter von sieben Jahren fast vollständig sein Gehör. Das macht zum Beispiel auch das Arbeiten im OP-Saal oder in der Notfallmedizin unmöglich: Sobald die Kollegen einen Mundschutz anlegen, kann Zeh die Gespräche nicht mehr von den Lippen ablesen. Und bei Notfällen könnte eine falsch verstandene Geste leicht lebensgefährlich werden. „Daneben gibt es aber eine Fülle von Fachrichtungen, in denen hörbehinderte Ärzte Karriere machen können“, sagt Zeh.

Hörbehinderte in Führungsjobs sind selten

Damals prozessierte er gegen die Amtsentscheidung – und verlor in erster Instanz. Aber aufgeben? Niemals. „Das hat meinen Kampfgeist eher geweckt“, sagt Zeh. Also informierte er die Presse, mobilisierte die Politik, ging in die zweite Instanz – und gewann.

Seine Hartnäckigkeit und Fantasie setzte er auch später geschickt ein. Während der Visiten am Krankenbett hatte er oft das Problem, die Lippen der behandelnden Ärzte nicht ablesen zu können. Denn die wandten sich im Gespräch den Patienten zu. „Ich bat die Assistenzärzte dann, die Fälle am nächsten Tag noch einmal mit mir durchzusprechen, Einzelunterricht quasi.“ Als Aufwandsentschädigung habe er ihnen das Geld aus seiner Eingliederungshilfe gegeben. Aber die Investition habe sich gelohnt: Zeh lernte so mehr und schneller als die meisten nicht behinderten Jungärzte.

Hörbehinderte in Führungsjobs sind selten, denn dort geht es nahezu nur noch um Kommunikation. „Für Schwerhörige ist das sehr anstrengend“, weiß Zeh, „aber meine Laufbahn kann vielleicht zeigen: Es geht dennoch.“

Vorbilder dringend gesucht!

Solche Vorbilder seien dringend nötig, bestätigt Reiner Schwarzbach von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit. In den vergangenen 20 Jahren hat er bereits mehr als 3000 behinderte Fach- und Führungskräfte beraten und vermittelt. „Alles extrem motivierte Leute, von denen einige eine steile Karriere hingelegt haben.“ Darunter seien Richter und Professoren, Ingenieure und Filmemacher – ein richtiges Netzwerk für Uni-Absolventen.

Die berät Schwarzbach auch bei formalen Fragen der Bewerbung, etwa zu welchem Zeitpunkt die Behinderung erwähnt werden sollte – schon im Anschreiben oder erst im Vorstellungsgespräch? Wenn nötig, rät er auch zu speziellen Coachings, etwa für Blinde, die lernen müssen, sich im Gespräch auch körpersprachlich ihrem Gegenüber zuzuwenden.

Ist der Sprung ins Berufsleben geschafft, sorgen Schwerbehindertenvertreter und Disability Manager dafür, dass zum Beispiel Computer mit einer Zeile für Blindenschrift ausgestattet werden oder ein passender Rollstuhl bereitsteht.

„Das war für mich eine ungeheure Erleichterung“, erinnert sich auch der Ford-Manager Jochen Trefzger. Seit seinem Unfall vor zwei Jahren ist er querschnittsgelähmt. Ein harter Schlag für den Ingenieur, der sich zuvor in mehr als zwei Jahrzehnten einen Ruf als Experte für Fahrdynamik erarbeitet hat und schon auf dem Nürburgring gestartet ist. „Ich hatte große Existenzängste“, erinnert sich der 52-Jährige, „schon wenige Tage nach meinem Sturz konnte ich nur noch daran denken, was für Kosten auf mich zukommen: für einen Rollstuhl, für den Umbau unseres Hauses und des Autos. Das hat mich wahnsinnig gemacht.“

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