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Berühmte letzte Worte

Der Irrsinn um die Freundlichkeit

"Sei freundlich, aber kein Freund", so die Worte eines Top-Managers. Schöner kann man die Vorurteile der Menschen gegenüber dem Management nicht bestätigen. Unser Autor geht dieser Managementfloskel einmal nach.

Welcher Manager-Typ sind Sie?
Eine Statue von George Washington Quelle: AP
Warren Buffett Quelle: dpa
William Howard Taft Quelle: dpa
Mutter Teresa Quelle: REUTERS
Donald Trump Quelle: REUTERS
Woody Allen Quelle: dapd
Elvis Presley Quelle: AP

Vor wenigen Monaten bekam ich von der Erbin eines kleineren, global operierenden Mittelständlers einen spannenden Auftrag: mit ihr zusammen(!) eine zukunftsfähige Vision entwickeln und in das Unternehmen hineintragen. Wir haben uns gut verstanden, sie war belesen, eloquent und offen für Neues. Genial.
Genial - bis sie mir einen handgeschriebenen Zettel unter die Nase hielt, auf dem "Be friendly, but not a friend" stand, und damit den Auftrag beendete! Das Zitat hatte sie von Henkel-CEO Rorstedt entliehen.

Was für ein Blödsinn, dachte ich. Wie konnte man so abstrus denken wie Rorstedt und niemanden an sich ranlassen?
Und wenn man schon so dachte, wie konnte man so dumm sein, das auch noch laut auszusprechen, um damit jedem auf die Nase zu binden, dass er oder sie für immer auf Abstand gehalten werden würde?

Wohin bloß würde solch eine Einstellung - geschweige denn öffentlich kommunizierte Aussage - führen? Im Zweifel doch zu der immer wieder zurecht kritisierten gefühlsmäßigen Kälte des (Top-)Managements.

Was richtete man damit nur an!? Denn was bedeutet dieses schicke "Be friendly, but not a friend" im Management-Alltag?
'Schau mir in die Augen. Ich werde Dich zwar immer anlächeln und freundlich behandeln, erwarte aber von mir bloß keine wahren Gefühle, keine Empathie oder Mitleid, keine Solidarität oder Hilfe, wenn es ernst wird'!?

Wer würde in solch einem Unternehmen arbeiten, engagiert und motiviert Höchstleistungen bringen wollen? Wenn in solch einem Unternehmen der Einzelne, sein Schicksal, sein eigentliches Leben nichts zählt. Nur noch ebensolche kalten Karriere-Typen den Ton angeben? Typen, die im Zweifel das effizientere Unternehmen, die höhere Wirtschaftlichkeit kreieren, klar - die uns langfristig aber nicht retten werden können.

Die größten Idole der Manager
Rang 10: Welche Führungspersönlichkeiten am meisten bewundert werden, hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC insgesamt 1473 Firmenchefs in 68 Ländern gefragt. Der französische Kaiser Napoleon I. schafft es auf Rang 10 und wurde gleichhäufig angeführt wie ... Quelle: rtr
... der ehemalige US-Präsident Bill Clinton. Clinton amtierte von 1993 bis 2001 und schaffte es in einzelnen Jahren seiner Regierungszeit, einen Haushaltsüberschuss zu erzielen. Quelle: AP
Rang 9: Ein weiterer von insgesamt vier US-Präsidenten in der Auflistung ist John F. Kennedy. Der charismatische Regierungschefs war im Jahr 1963 in Dallas ermordet worden. In Erinnerung bleibt er unter anderem für seine Führung in der Kuba-Krise und die Förderung der US-Raumfahrtindustrie, die in der ersten Landung eines Menschen auf dem Mond gipfelte – wenn auch sechs Jahre nach seinem Tod erst. Quelle: AP
Rang 8: Mit seiner neoklassischen Wirtschaftspolitik („Reagonomics“) hatte der 40. Präsident der USA, Ronald Reagan (Bildmitte), das Land auf einen wirtschaftsliberalen Kurs gebracht. Das Vertrauen in die Kräfte des Marktes dürfte mit ein Grund dafür sein, dass er bei Managern gut gelitten ist. Quelle: dapd
Rang 7: Die britische Premierministerin Margaret Thatcher starb am 8. April 2013. Nach der Todesnachricht zeigte sich, wie gespalten die britische Bevölkerung immer noch zu ihrer radikalen Politik in den 1980er-Jahren steht. Ihre Führungskraft brachte ihr den Spitznamen „Eiserne Lady“ ein. Sie reformierte die Wirtschaft, was mit einem Niedergang der Stahlindustrie einherging, und liberalisierte die Finanzbranche. Quelle: rtr
Rang 6: Schauspieler Daniel Day-Lewis in der Rolle des Abraham Lincoln. Der ehemalige US-Präsident hatte das Land von 1861 bis 1865 geführt und nach der Abspaltung des Südens die Nordstaaten in den Bürgerkrieg geführt. Letztlich einigte er das Land wieder, auch wenn er die endgültige Kapitulation der Südstaaten Ende April 1865 nicht mehr erlebte. Lincoln wurde wenige Tage vorher ermordet. Quelle: dapd
Rang 5: „Neutron Jack“ schafft es in die Top 5 des Rankings. Der ehemalige Chef des Industriegiganten General Electric, Jack Welch, gilt als eherner Verfechter des „Shareholder Values“. Demnach muss eine Firma vor allem das Wohl der Aktionäre im Sinn haben und erreicht dann auch andere Ziele. Den Mischkonzern und Siemens-Rivalen baute er so auf, das ständig schwache Bereiche abgestoßen und wachstumsträchtige Konkurrenten hinzugekauft wurden. Quelle: rtr

Wie sollen Menschen sich in solch einer Umgebung wohlfühlen? Vertrauen zueinander aufbauen, wahrhaft im Team arbeiten, innerhalb des Unternehmens ihren besten Freund finden - wie Marcus Buckingham in 'First, Break all the Rules' jedem empfiehlt, sich kritisch zu fragen?
Indem man den eigenen CEO nicht ernst nimmt? Oder sind wir inzwischen schon soweit, dass dies uns egal ist?

Wie soll ich unter dieser Prämisse unabhängig werden, wenn zu Unabhängigkeit Leidenschaft und Authentizität gehören?
Wie soll ich unter dieser Prämisse brillant werden, wenn zu Brillanz Intuition und Empathie gehören?
Wie soll ich unter dieser Prämisse relevant werden, wenn zu Relevanz Emotion und Weisheit gehören?

Kann man auf diese Art eine Kultur des Miteinander schaffen, in der Vertrauen, Zuverlässigkeit, Engagement und Motivation gedeihen, man sich ernstgenommen, respektiert als Persönlichkeit und geborgen als empathisches Wesen fühlt? In der Inspiration, Kreativität und Innovation gedeihen und reiche Früchte tragen?
Kann man auf diese Art ein Unternehmen führen?

Nein, dort könnte ich nicht glücklich werden. Statt "Sei freundlich, aber kein Freund" folge ich da doch lieber Albert Camus:
"Don’t walk behind me; I may not lead.
Don’t walk in front of me; I may not follow.
Just walk beside me and be my friend."

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