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Ablöse für junge Gesellen Wenn der Azubi nach der Lehre geht, wird's teuer

Ablöse für Auszubildende? Wenn der Azubi nach der Lehre geht, wird's teuer für den Chef

Betriebe könnten nach Überlegungen aus dem Handwerk künftig Ablösesummen zahlen, wenn sie Azubis gleich nach der Lehre von der Konkurrenz abwerben. Eine Studie zeigt, wie groß der Schaden ist, wenn der Azubi geht.

Wer unmittelbar nach der Lehre seinen Ausbildungsbetrieb verlässt, hinterlässt bei vielen Handwerkern nicht nur eine Lücke im Dienstplan, sondern auch ein Minusgeschäft für den Chef. Was ein Auszubildender seinen Arbeitgeber kostet, ist je nach Branche unterschiedlich, aber die Durchschnittsrechnung ist denkbar einfach: Nach der aktuellsten Kosten-Nutzen-Rechnung des Bundesinstituts für Berufsbildung (bibb) hat ein Betrieb pro Azubi jährliche Kosten von etwa 18.000 Euro. Zugleich erwirtschaftet der Lehrling rund 12.500 Euro. Der Betrieb lässt sich einen passgenau ausgebildeten Mitarbeiter bei dreijähriger Ausbildung also mehr als 15.000 Euro kosten. Aus gutem Grund: Ideal ausgebildet und für den eigenen Betrieb eingearbeitet sind Auszubildende nach dem Abschluss die idealen Gesellen.

Würden sie nicht immer häufiger die Flucht ergreifen. „Unsere gut ausgebildeten jungen Leute werden abgeworben“, sagte Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), der Deutschen Presse-Agentur. Zwei von drei Fachkräften, die im Handwerk qualifiziert würden, wechselten im Laufe ihres Berufslebens in andere Wirtschaftsbereiche. Insgesamt zahle der Betrieb immer drauf, wenn der Azubi sich nach der Ausbildung verabschiede, sagte Wollseifer. „Die Ausbildung kostet im ersten und zweiten Jahr Geld – im ersten Jahr viel, im zweiten Jahr etwas weniger. Im dritten Lehrjahr kommt dann auch ein bisschen was rein.“ Der Handwerkspräsident denkt deshalb laut über eine Entschädigung für Ausbildungsbetriebe nach, die Azubis direkt nach der Lehre verlieren.

Der Vorschlag des ZDH-Präsidenten: Eine Regel, wonach Auszubildende in den ersten Jahren nach ihrer Lehre den Betrieb nur dann wechseln dürfen, wenn der neue Arbeitgeber einen Teil der Ausbildungskosten übernimmt. Eine Art Ablösesumme, also.

Somit könnten Betriebe zumindest ihre Ausgaben kompensieren. In Deutschland werde die Ausbildung häufig als Investition in zukünftige Fachkräfte gesehen, heißt es in einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (bibb). Seit Jahren analysieren die Arbeitsmarktexperten die finanzielle Belastung von Betrieben durch die Ausbildung im eigenen Haus. Zuletzt wurde das Ausbildungsjahr 2013/2014 genauer unter die Lupe genommen. Das Ergebnis der bibb-Untersuchung: Neben den Erträgen durch den Arbeitseinsatz der Azubis entstehe den Handwerksbetrieben weiterer Nutzen, wenn die Lehrlinge nach erfolgreicher Ausbildung als Fachkräfte weiterbeschäftigt würden. „Nimmt man an, dass Betriebe ökonomisch handeln, so müssen insbesondere die investierenden Betriebe einen Nutzen durch die Ausbildung, der über den Arbeitsbeitrag der Auszubildenden in der Ausbildungszeit hinausgeht, erwarten“, so die Studienautoren. Im Idealfall der Übernahme müssen ausbildende Betriebe nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt nach Fachkräften suchen und zusätzliche Weiterbildungs- und Einarbeitungsmaßnahmen durchführen, um extern rekrutierte Fachkräfte zu integrieren. Allein die Personalgewinnungskosten belaufen sich laut bibb auf durchschnittlich 8715 Euro pro eingestellte Fachkraft. Wandern die Auszubildenden kurz nach erfolgreichem Abschluss zur Konkurrenz oder sogar einem branchenfremden Unternehmen ab, sind sie für den Betrieb verloren – und die Ersparnis bleibt aus. Für den Chef bleibt die Ausbildung so ein Minusgeschäft.

Insbesondere, wenn infolgedessen auch noch ein neuer, bislang betriebsfremder Mitarbeiter eingestellt werden muss. Dann muss der Betrieb zunächst auch noch Produktivitätsdefizite einkalkulieren, die etwa während der Einarbeitung entstehen. Kostenfaktor: noch einmal 2966 Euro, rechnet der bibb in seiner Studie vor. Bei einer durchschnittlichen dreijährigen Ausbildung entspricht das mehr als drei Viertel der gesamten Nettoausbildungskosten für einen Auszubildenden. Zu erwarten ist, dass diese Werte (Stand: Ausbildungsjahr 2013/2014) mittlerweile sogar noch etwas höher liegen dürften. Eine neue Berechnung plant das bibb erst für Ende 2019.

Aus Sicht der Handwerksbetriebe wäre eine Ablösesumme für flüchtende Auszubildende somit letztlich nichts anderes als eine Entschädigungszahlung für entgangene Synergieeffekte und Mehrkosten für Personalwerbung.

Möglicherweise könnte eine solche Regelung, wie sie Wollseifer vorschwebt, auch ein Anreiz sein nichtsdestotrotz auszubilden – auch wenn anschließend der Abschied des Lehrlings drohen könnte.

Mindestlohn könnte Auszubildende noch teurer machen

In einigen Branchen könnten Auszubildende ohnehin demnächst noch teurer werden. Dann nämlich, wenn Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) ihren geplanten Azubi-Mindestlohn durchsetzt. Ihrem Plan zufolge, sollen ab 2020 alle Auszubildenden im ersten Lehrjahr mindestens 515 Euro im Monat verdienen. Im zweiten und dritten Lehrjahr soll es noch mehr geben. Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit bekamen Ende 2017 fast 65.000 Azubis weniger als 400 Euro im Monat, weitere 50.000 unter 500 Euro – zusammen mehr als sieben Prozent aller Auszubildenden. 28 Prozent aller Lehrlinge in Deutschland lernen laut ZDH in Handwerksbetrieben.

In vielen Handwerksberufen verdienen Azubis ohnehin schon mehr als der jetzt geplante Mindestlohn – aber längst nicht alle. Den betroffenen Betrieben werde das Probleme bereiten, warnte Handwerkspräsident Wollseifer. Sie könnten die Mehrkosten auch nicht einfach umlegen, da die Kunden nicht bereit seien, mehr zu zahlen. „Höhere Löhne und Vergütungen für Beschäftigte fordern, ist das eine, aber das andere ist es, dann für die Handwerksleistung auch einen entsprechend wertschätzenden Preis zu zahlen.“

Vor allem ostdeutsche Betriebe müssten mit dem neuen Mindestlohn deutlich mehr in die Ausbildung investieren – zum Beispiel Metzgereien, wo Azubis nach bibb-Daten derzeit nur 310 Euro verdienen. Auch Raumausstatter- und Friseur-Lehrlinge im Osten sowie angehende Schornsteinfeger in ganz Deutschland werden vom geplanten Mindestlohn profitieren.

Mit Material von dpa

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