Air-Berlin-Insolvenz Lassen Sie sich nicht mit Standardzeugnissen abspeisen

Auch wenn Air Berlin-Mitarbeiter sicher anderes im Kopf haben, sie sollten nach einem Arbeitszeugnis fragen. In Deutschland muss das Zeugnis sein. In einer Krise schreiben Betriebe aber oft nur 08/15-Bescheinigungen.

Die Geheimsprache der Arbeitszeugnisse
Das Bundesarbeitsgericht in Erfurt hat entschieden, dass Beschäftigte keinen Anspruch auf Dank und gute Wünsche im Arbeitszeugnis haben (9 AZR 227/11). Firmenchefs seien gesetzlich nicht dazu verpflichtet, Arbeitnehmern für ihre geleisteten Dienste zu danken, deren Ausscheiden zu bedauern oder ihnen für die Zukunft alles Gute zu wünschen. Geklagt hatte ein Mann aus Baden-Württemberg, dessen Arbeitszeugnis mit dem Satz:
Fleiß Quelle: ArTo-Fotolia.com
gesellig Quelle: omicron-Fotolia.com
engagiert Quelle: Markus Bormann-Fotolia.com
drücken Quelle: bofotolux-fotolia.com
quatscht gerne Quelle: Robert Kneschke-fotolia.com
pünktlich, aber... Quelle: Merlindo-Fotolia.com

Jetzt geht es nur noch ums Geld: Für die Fluggesellschaft Air Berlin ist am ersten November das Insolvenzverfahren eröffnet worden. Den Flugbetrieb stellte das Unternehmen schon am Freitag vergangener Woche ein. Die Fluglinie Easyjet will bis zu 1000 Piloten und Flugbegleiter übernehmen. Außerdem sollen bis zu 1200 Mitarbeiter aus der Air-Berlin-Verwaltung in einer Transfergesellschaft unterkommen.

Für die meisten Air Berlin-Mitarbeiter geht es also um ihre persönliche Existenz und berufliche Zukunft. Trotzdem sollten sich jetzt noch um ein Arbeitszeugnis bemühen. Das gilt nicht nur für die Beschäftigten der Fluglinie, sondern für jeden, dessen Arbeitgeber in der Krise steckt.

Rechtsanspruch auf ein Arbeitszeugnis gilt auch bei Insolvenz

Wer lange bei einem Arbeitgeber war, wie es bei Air Berlin der Fall gewesen sein dürfte, hat wahrscheinlich lange keine aktuelle Leistungsbeurteilung oder Zwischenzeugnis mehr erhalten. Und wie sah es aus mit regelmäßigen Mitarbeiterbeurteilungen?

Zur Person

Auch wenn das in der Insolvenz zunächst nachrangig erscheinen mag: Die Mitarbeiter haben einen Anspruch darauf, dass ein qualifiziertes Arbeitszeugnis ihre berufliche Laufbahn dokumentiert.

Das Gesetz bestimmt, dass:

- das Zeugnis „Leistung und Führung“ (§ 630 Bürgerliches Gesetzbuch) und Verhalten (§ 109 Gewerbeordnung)“ beschreiben muss.

- „Es muss klar und verständlich formuliert sein“.

- „Es darf keine Merkmale oder Formulierungen enthalten, die den Zweck haben, eine andere als aus der äußeren Form oder aus dem Wortlaut ersichtliche Aussage über den Arbeitnehmer zu treffen“ (§ 109 Gewerbeordnung).

Etabliert hat sich der Begriff vom „Wohlwollenden Zeugnis“. So weit, so klar.

Diese Urteile zu Arbeitszeugnissen sollten Sie kennen

Doch bei Air Berlin müssen jetzt Tausende Zeugnisse mehr oder weniger auf einmal erstellt werden. Wer soll das jetzt leisten? Zeugnisse schreiben ist Arbeit. Da müssen Personalakten gewälzt werden, um die inhaltlichen Bausteine der Beschäftigung und Karriere zusammenzustellen, Vorgesetzte (sofern die überhaupt noch da sind) befragt werden, um etwas zur qualitativen Bewertung der Person und Leistung aussagen zu können und Texte verfasst werden.

Viele Unternehmen reihen einfach Textbausteine aneinander

Das Risiko ist jetzt außerordentlich hoch, nur noch ein 08/15 Standardpapier zu bekommen, das nichts oder wenig mit der individuellen Leistung des Mitarbeiters oder der Führungskraft zu tun hat – denn die sitzen ja aufgrund der Insolvenz alle in einem Boot.
Schon bei einer normalen Trennung von einem Arbeitgeber hat dieser oft gar kein Interesse mehr daran, Zeit und damit Geld in einen scheidenden Mitarbeiter zu investieren, der ja betriebswirtschaftlich dem Unternehmen nichts mehr bringt. Daher ist Zeugnissen oft anzumerken, dass sie lieblos und ohne wirkliche individuelle Wertschätzung verfasst werden. Im schlechtesten Fall setzen sie sich aus Textbausteinen zusammen, die elektronisch aus einem Notensystem der jährlichen Mitarbeiterbeurteilung gezogen werden. Nicht nur deswegen verlieren Zeugnisse leider an Bedeutung.

So muss ein gutes Arbeitszeugnis aussehen
Arbeitgeber tragen für schlechtere als
Jeder Arbeitnehmer hat einen Rechtsanspruch auf ein Arbeitszeugnis. Es gibt zwei grundlegende Arten von Zeugnissen. Im Paragraph 109 der Gewerbeordnung heißt es: (1) Der Arbeitnehmer hat bei Beendigung eines Arbeitsverhältnisses Anspruch auf ein schriftliches Zeugnis. Das Zeugnis muss mindestens Angaben zu Art und Dauer der Tätigkeit ( einfaches Zeugnis) enthalten. Der Arbeitnehmer kann verlangen, dass sich die Angaben darüber hinaus auf Leistung und Verhalten im Arbeitsverhältnis ( qualifiziertes Zeugnis) erstrecken. Quelle: Fotolia
Das Arbeitszeugnis muss auf den letzten Tag des Arbeitsverhältnisses ausgestellt werden. Will sich ein Arbeitnehmer direkt nach seiner Kündigung bewerben, kann er ein vorläufiges Zeugnis verlangen. Außerdem hat jeder Arbeitnehmer noch drei Jahre nach Ausscheiden aus dem Unternehmen einen Anspruch auf sein Arbeitszeugnis. Wer also versäumt hat, sein Zeugnis anzufordern, hat drei Jahre lang Zeit, das nachzuholen. Wer versetzt oder befördert wird, in Erziehungsurlaub geht oder einen neuen Vorgesetzten bekommt, kann vom alten Chef ein Zwischenzeugnis verlangen. Quelle: Fotolia
Während ein einfaches Zeugnis nur Auskunft über die Personalien und die Dauer der Beschäftigung gibt, gehören in ein qualifizierten Zeugnis ganz detaillierte Angaben über die Stelle, Arbeitsleistungen, Weiterbildungen und das Verhalten des Arbeitnehmers. Quelle: Fotolia
Auch für das Aussehen eines Arbeitszeugnisses gibt es verbindliche Regeln: So sagt das Gesetz, dass
Außerdem muss jedes Arbeitszeugnis vom Arbeitgeber oder einem Personalverantwortlichen handschriftlich unterschrieben werden. Auf eine Schlussfloskel wie
Doppeldeutigkeiten wie

Kleines Beispiel:

„Auf der Basis seiner sehr guten Auffassungsgabe überblickte er auch schwierige Situationen sofort, analysierte komplexe Zusammenhänge zutreffend und arbeitete sich umgehend in neue Themenfelder ein“.

Hört sich doch ganz gut an? Aber was haben schwierige Situationen und neue Themenfelder miteinander zu tun? Richtig – gar nichts. Hier werden verschiedene Faktoren aneinandergereiht, die sehr gut getrennt beschrieben und bewertet werden können.

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