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Alltagsforschung
Pendler in Berlin vor einer einfahrenden Bahn. Quelle: dpa

So wird Pendeln erträglich

Hadern Sie auch mit Ihrem Arbeitsweg? Und Umziehen kommt nicht in Frage? Eine neue Studie zeigt: Pendeln ist vor allem Einstellungssache.

Ich habe ein Problem. Meine Arbeit mag ich, meinen Arbeitsweg verachte ich. Jeden Morgen steige ich in den Regionalexpress von Köln nach Düsseldorf – wobei der Zug so voll ist, dass ich meist stehe. Von Haus- zu Bürotür brauche ich, wenn es gut läuft und alle Züge pünktlich sind, 70 Minuten. Leider läuft es oft schlecht. „Ziehen Sie doch um!“, werden Sie jetzt sagen. Recht haben Sie, einerseits. Andererseits: Als gebürtiger Kölner nach Düsseldorf ziehen ... Sie verstehen. Dabei warnen Wissenschaftler schon seit Jahrzehnten: Pendeln stresst, macht krank und unglücklich. Der Ökonom Bruno Frey geht noch weiter.

Wer zur Arbeit eine Stunde benötigt, müsse theoretisch 40 Prozent mehr verdienen, um genauso glücklich zu sein wie jemand, der seinen Job direkt um die Ecke hat. Schade um die schöne Lebenszeit. Gibt es denn keine Methode, das Pendeln erträglicher zu machen? Und ob, behauptet jetzt zumindest ein Forscherteam um den Psychologen Jon Jachimowicz von der Columbia Business School. Für den ersten Teil ihrer Studie befragten die Wissenschaftler 225 Angestellte eines britischen Medienkonzerns.

Und dabei entdeckten sie einen interessanten Zusammenhang: Von einem langen Arbeitsweg ließen sich vor allem jene kaum aus der Ruhe bringen, die über ein hohes Maß an Selbstkontrolle verfügten. Eine mögliche Erklärung lieferte der zweite Teil. Da wollte Jachimowicz von 229 Berufspendlern wissen, woran sie auf dem Arbeitsweg dachten. Lenkten sie sich mit Musik und Büchern ab, oder beschäftigten sie sich bereits mit den anstehenden Aufgaben? Und siehe da: Die Befragten, die sich gut selbst beherrschen konnten, nutzten den Arbeitsweg eher für Gedanken an den Job. Eine kausale Beziehung zwischen der geistigen Beschäftigung einerseits und der mentalen Verfassung andererseits fanden die Forscher im dritten Teil. Da teilten sie 154 Pendler in zwei Gruppen.

Die eine Hälfte erhielt morgens eine SMS mit einer Erinnerung: „Bitte nutzen Sie die anstehende Fahrt zumindest für ein paar Minuten, um berufliche Pläne zu schmieden. Welche Ziele haben Sie, wie wollen Sie diese erreichen?“ Die zweite Hälfte bekam eine andere Nachricht: „Verhalten Sie sich auf der Fahrt so wie immer.“ Sechs Wochen später befragte Jachimowicz beide Gruppen. Das Ergebnis: Wer die Fahrt zur Arbeit für berufsbezogene Gedanken genutzt hatte, war mit seinem Job zufriedener und emotional weniger ausgelaugt als die Mitglieder der zweiten Gruppe.

Offenbar wirken zielgerichtete Überlegungen als gedanklicher Puffer gegen die Stressfaktoren des Pendelns. Anstatt die zahlreichen negativen Aspekte auszublenden – was meist ohnehin nicht funktioniert –, sollten wir uns also lieber darauf besinnen, die Fahrt zur Arbeit für produktive Gedanken zu nutzen. Davon profitiert nicht nur unsere Arbeit, sondern auch unsere seelische Balance. Ob das funktioniert? Ich werde das demnächst mal ausprobieren. Obwohl: Düsseldorf soll ja auch ganz schöne Ecken haben ...

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