Angelique Renkhoff-Mücke Die Schatten-Springerin

Seit 20 Jahren führt die Unternehmerin in zweiter Generation den Sonnenschutzspezialisten Warema. Sie weiß, wie es gelingt, selbst einen äußerst erfolgreichen Patriarchen zu übertrumpfen.

Angelique Renkhoff-Mücke hat den Warema-Umsatz mehr als verdoppelt. Quelle: Bert Bostelmann für Handelsblatt

MarktheidenfeldEs sind die Kleinigkeiten, die bei Warema dennoch direkt auffallen. Besucher werden schon am Parkplatz mit Namen begrüßt. Es führt ein sehr schmaler, sehr langer und sehr rot gestrichener Gang zum Büro der Firmenchefin. Ihr Schreibtisch steht vor einer dunkelrot gestrichenen Wand. Auch die Warnwesten, die jeder tragen muss, wenn er sich in den Produktionshallen bewegt, sind weder neongelb, noch neonorange, sie sind in warmem Rot gehalten. Die Mitarbeiter, denen Angelique Renkhoff-Mücke bei ihrer Führung durch das Unternehmen begegnet, sind weder aufgeregt noch besonders ehrerbietig. Respekt und auch ein winziges bisschen Distanz sind wahrnehmbar.

Grob betrachtet, ist Renkhoff-Mücke eine Nachfolgerin, die das vom Vater gegründete Unternehmen übernommen hat. Das war vor 20 Jahren schon eine kleine Sensation, in Marktheidenfeld. In der Branche und überhaupt im deutschen Mittelstand. Schaut man genauer hin, so erkennt man den Kraftakt, der dahintersteckt, „in einer männerdominierten Branche“ in einem von einem Patriarchen dominierten Unternehmen plötzlich an der Spitze zu stehen. Sie sagt: „Ich musste als Frau meine Rolle finden und durfte nicht den Vater kopieren.“

Zwar waren die Mitarbeiter glücklich, dass mit Angelique eine der vier Töchter aus der Familie die Nachfolge des damals – 1998 – erkrankten Gründers antrat. Das Management hingegen reagierte zurückhaltend, wie sie es selbst sehr diplomatisch beschreibt. Unternehmenskenner dagegen sehen durchaus ihren klugen, weil zunächst zurückhaltenden Eroberungserfolg – manche sprechen allerdings auch von einem „Machtkampf“ und von ihrem nachhaltigen Sieg.

Angelique Renkhoff-Mücke ist so erfolgreich, dass sie ihren Vater Hans-Wilhelm Renkhoff, den Unternehmensgründer längst übertrumpft hat. Als sie antrat, setzte der Spezialist für Außenjalousien, Markisen und Rollläden 330 Millionen DM um, 2016 waren es 446 Millionen Euro. Zuletzt wuchs das Unternehmen um sechs Prozent. Zu den Gewinnen sagt sie nichts. Laut Bundesanzeiger hat sich der Bilanzgewinn allerdings auf mehr als zehn Millionen Euro verdoppelt.

Nun schickt sich die frühere Springreiterin gerade an, erneut über einen Schatten zu springen. Sie will Unternehmen und Mitarbeiter in eine neue Zeit führen. Sie hat auch in Krisenzeiten – wie ihr Vater – keine Mitarbeiter entlassen. Als es zum Beispiel 2005 Absatzprobleme gab, unterschrieben ihre Mitarbeiter persönlich eine Vereinbarung, dass sie drei Stunden länger arbeiten – fürs gleiche Geld.

 Nun will sie alle 3.500 Mitarbeiter an den Produktionsstandorten Marktheidenfeld, im sächsischen Limbach-Oberfrohna, in Lübeck, den Niederlanden, Ungarn, Tschechien und China sowie in den Service- und Vertriebsgesellschaften in der Welt mitnehmen in die digitale Zukunft. „Die spannendste und herausforderndste Aufgabe ist es, das Unternehmen für die Zukunft bereit zu machen, weil man über den eigenen Schatten springen muss.“

Die Unternehmerin, die am 19. Januar ihren 55. Geburtstag feiern wird, sagt ganz offen, dass sie nicht weiß, wie das Unternehmen 2030 aussehen wird. Was sie aber weiß: wie sie ihr Unternehmen agiler, flexibler und noch kundenorientierter aufstellt. Sie hat durchdrungen, wie die Digitalisierung Geschäftsmodelle und Unternehmensführung verändert. „Viele Unternehmer sprechen darüber, dass sie gern kritische Meinungen um sich versammeln, sie tut es wirklich und glaubhaft“, sagt Aufsichtsratsmitglied, Manfred Neubert, der frühere Chef von SKF in Schweinfurt. Dabei will sie die Werte, die ihr Vater einst für sich reklamierte, bewahren: nah am Markt sein, auf jeden Fall den Stammsitz und die Wertschöpfung in Deutschland halten, bankenunabhängig bleiben, weiter wachsen und keine Mitarbeiter entlassen müssen.

Das erfordert viel Umdenken, Einbinden, Sorgen-Nehmen, aber auch viel mehr interne Kommunikation. Gespräche darüber, wohin sie mit dem Unternehmen will, und warum vielleicht der eine oder andere Arbeitsplatz künftig wegfallen wird und an anderer Stelle ein neuer entsteht. Sie will die Zukunft der Sonnenlichtmanager, denn so sollten sich alle Mitarbeiter fühlen, verständlich rüberbringen. Sie will nicht nur das Management überzeugen, auch die anderen Mitarbeiter. Das macht sie anders als ihr Vater, wie so vieles andere auch.

„Mein Vater ging immer voran, die anderen hinterher“, sagt sie. Sie dagegen versuche, erst einmal ihre Führungskollegen zu überzeugen, um dann mit mehr Kraft gemeinsam voranzuschreiten. Vor drei, vier Jahren sagten die Mitarbeiter im Führungskreis: Was hat sie jetzt schon wieder ausgedacht, erinnert sie sich. Heute seien sie offen für Veränderungen. „Das ist manchmal etwas anstrengender aufgrund meiner Ungeduld“, sagt sie mit leicht fränkischer Sprachfärbung: „Dann aber umso kraftvoller und erfolgreicher.“ Mit Nachdruck fügt sie hinzu: „Und es ist mein Weg.“

Um diesen Weg besser zu verstehen, muss man einige Jahre zurückschauen. 1955 gründen Karl-Friedrich Wagner und Hans-Wilhelm Renkhoff in einem Pferdestall in Marktheidenfeld – daher der Name Warema – ihr Unternehmen mit fünf Mitarbeitern. Selbst produzierte Leichtmetall-Jalousien laden sie auf ihre Fahrräder und verkaufen sie. Bereits im ersten Jahr setzen die Gründer 70.000 DM um, drei Jahre später erreichen sie bereits einen Umsatz von einer Million DM. Doch im Sommer 1958 verunglückt Mitgründer Wagner tödlich bei einer Dienstreise. Renkhoff zögert nicht, übernimmt die komplette Firmenleitung. Und das Unternehmen wächst stetig weiter, zieht schließlich ganz aus der Stadt heraus. Die Nachfrage steigt. Der Fachhandel honoriert es.

In den 1970er-Jahren beginnt Warema damit, immer mehr Bauteile, aber auch Spezialmaschinen und -werkzeuge selbst herzustellen. Und die Farbe 1008 im Warema-Sortiment wird zu einem der vielen Bestseller. Der orange-braun-gestreifte Markisenstoff wird ein Klassiker. „Jedes Jahr überlegen wir, ob wir den Stoff nicht doch mal ausmustern“, sagt Renkhoff-Mücke schmunzelnd, doch wenn die Leute es noch mögen, liefern wir natürlich.“ Sie ist nicht nur mit diesem Stoff aufgewachsen, mit der ganzen Firma ist sie schon zu dieser Zeit eng verbunden. Auf den Firmen-Weihnachtsfeiern trägt sie Gedichte vor. Ihre eigenen Kinder müssen zwar nicht mehr vortragen, aber bei den Weihnachtsfeiern präsent sein. „Da mussten sie sich dann eben mal neben der Mama langweilen“, sagt Renkhoff-Mücke, ganz Familienunternehmerin.

Angelique Renkhoff-Mücke studiert nach einer Banklehre BWL an den Fachhochschulen Schweinfurt-Würzburg und München. Und sie geht erst einmal fort – ganz bewusst. Gemeinsam mit ihrem damaligen Mann zieht sie nach Kulmbach, arbeitet in seinem großen Einzelhandelsunternehmen „Schuh & Sport Mücke“ in der Geschäftsführung und verantwortet Einkauf und Personal, ihre beiden Kinder werden 1991 und 1993 geboren. Sie ist erst einmal raus bei Warema. Zehn Jahre lang. Dann wird ihr Vater krank.


An der Spitze der Arbeitgeber

Hans-Wilhelm Renkhoff kann mit einem Mal das prosperierende Unternehmen nicht mehr führen. Soll sie es tun? Anfangs ist es gar nicht das Ziel, dass sie führt. Es gibt Fremdgeschäftsführer. Nach einem halben Jahr bei Warema muss sie sich entscheiden: „Entweder bleibe ich, oder ich missbrauche das Vertrauen der Mitarbeiter. Wenn ich gehe, dann mit dem Bewusstsein, dass ich viele Mitarbeiter enttäusche.“ Angelique Renkhoff-Mücke ist nicht zögerlich, aber sie überlegt es sich gut. „Mein Herz hing immer am Unternehmen“, sagt sie heute. Herz und Pflicht, innere Emotionen und äußere Kontrolle gehören bei ihr zusammen, auch wenn es lange Autofahrten zwischen Familie und Firma mit sich bringt. Sie sagt zu, tritt in den Vorstand ein, den der Vater zur selben Zeit Richtung Aufsichtsrat verlässt.

Sie versteht die Kunst des Zuhörens, versucht, die Probleme und Herausforderungen der verschiedenen Bereiche wirklich zu durchdringen. Und mit einem Mal ist auch das Praktikum, das sie als Jugendliche bei Warema in der Produktion absolvierte und aus dem sie noch wusste, wie man Raff-Stores montiert, wieder nützlich.

Bei Warema wurden Blender zu Zeiten von Vater Renkhoff schnell und auch gnadenlos entlarvt, erinnert sich ein ehemaliger Mitarbeiter. Der Vater unterstützte aber auch Mitarbeiter, von denen er etwas hielt. Fachlich mussten immer alle wirklich auf der Höhe sein. Das gehört zur DNA der Firma, die Unternehmertochter weiß es. Sie spürt, dass die Mitarbeiter sie wollen. Der damalige Personalentwickler und spätere Geschäftsführer für den Bereich Personal, Thomas Klein, sagte ihr damals: „Sie sind unsere Hoffnungsträgerin.“ Und er fügt heute hinzu: „Es war keine Schmeichelei.“

Ihr gelang auch das Kunststück, den Vater als Aufsichtsrat und trotz seiner Krankheit einzubinden, aber gleichzeitig eigene Akzente zu setzen: So stieß sie erst die Internationalisierung an und professionalisierte die Qualitätssicherung und die Kundenorientierung. Lösungen für große Bauprojekte, wie den Posttower oder die PwC-Zentrale in Johannesburg wurden wichtiger. Vater Renkhoff habe das alles akzeptiert, „ohne eine Faust in der Tasche machen zu müssen“, wie ein Insider berichtet. Er habe erkannt, dass sein Unternehmen bei seiner Tochter in guten Händen sei.

Da der Vater und sie aber nicht zusammen in der Geschäftsführung saßen, seien sie auch nicht aneinandergeraten, sagt Renkhoff-Mücke rückblickend. „Wir sind beide kleine Alphatierchen, aber eben unterschiedlich.“ Ihr begegnen die Mitarbeiter mit Respekt, beim Vater haben sie, wie sie selbst zugibt, „strammgestanden“. Ihr Zuhören bringt ihr bereits zu Beginn ihres Unternehmerlebens eben jenen Respekt ein, den sie heute noch bekommt. Auch wenn sie heute viel mehr zur Außenministerin des Unternehmens geworden ist, nicht nur durch internationale Projekte, sondern auch durch zahlreiche Mandate und ehrenamtliche Verpflichtungen. Dennoch bleibt sie dabei: „Jeder Mitarbeiter bekommt bei mir einen Termin.“

Angelique Renkhoff-Mücke engagiert sich für die Lebenshilfe und Hochschulen. Für sie gehört es einfach dazu, anderen zu helfen. Sie sitzt im Aufsichtsrat des Tüv Süd und von Erco und ist seit 2011 Verhandlungsführerin der bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeber. Auch dort war sie – zumindest auf Arbeitgeberseite – erst mal allein. „Das waren schon seniorige Herren dort, ich war die erste Frau.“ In sieben Jahren bekam sie Anerkennung – auch von der Gegenseite. Selbst jetzt, in der aufgeheizten Situation mit den Warnstreiks im ganzen Land, urteilt Jürgen Wechsler, Bezirksleiter IG Metall Bayern: „Wenn wir Kompromisse schließen, kann ich mich bei ihr darauf verlassen, dass sie auch Bestand haben.“ Außerdem sei Angelique Renkhoff-Mücke immer bereit, „mit uns auch über für sie unangenehme Themen zu verhandeln“. Und Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen, ergänzt: „Wer sie kennt, schätzt ihre Detailkenntnis, ihre klare Haltung sowie ihr fröhliches und angenehmes Wesen.“

Sogar im Kanzleramt ist sie als Unternehmerin mit großem Engagement auch für Chancengerechtigkeit bekannt. Als die Kanzlerin die Schirmherrschaft des Netzwerks „Initiative Chefsache“ für ein ausgewogenes Verhältnis von Männern und Frauen in Führungspositionen übernimmt, gehört Renkhoff-Mücke als einzige Mittelständlerin zu den elf Gründungsmitgliedern, zu denen bekannte Größen wie Bosch, Siemens, Allianz und Lufthansa zählen. Sie ist gut vernetzt. Siemens-Personalvorständin Janina Kugel schätzt die „offene, zupackende und geradlinige“ Unternehmerin. „Es ist angenehm, mit ihr zusammenzuarbeiten.“

Die Unternehmerin hält Menschen und Unternehmen zusammen, hat eine Familienverfassung für die zurzeit elf Gesellschafter – zu denen auch ihre Kinder zählen – installiert. Gegen gute Beratung hat sie nichts, da ist sie ihrem Vater ähnlich. Ihre beiden Kinder sind gerade mit ihrem Masterstudium in BWL befasst. Sie sollen externe Führungserfahrung sammeln, wie die Mutter. Ob sie dann zu Warema wollen, entscheiden sie selbst, ob sie kommen, entscheidet der Aufsichtsrat. Angelique Renkhoff-Mücke wünscht es, ist aber „realistisch“. Klar ist: Wollen ihre Kinder ihr an die Unternehmensspitze folgen, müssen sie wohl auch über einen großen Schatten springen.

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