Anne-Marie Slaughter "Deutschland ist ziemlich sexistisch"

Kind oder Karriere? Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in Deutschland mehr Idee, denn Realität. Die Politologin Anne-Marie Slaughter hat einen Plan für Unternehmen, damit Eltern künftig doch beides haben können.

Die häufigsten Klischees über Karrierefrauen
zwei Boxhandschuhe Quelle: Fotolia
eine Frau macht ein skeptisches Gesicht Quelle: Fotolia
junge Frau mit Bewerbungsmappe Quelle: Fotolia
Eine Frau steht auf einer Leiter, die in die Wolken hineinragt Quelle: Fotolia
Karten werden vor Beginn einer Pressekonferenz zum Pokerturnier gehalten. Quelle: dpa
Eine Frau verrenkt sich auf ihrem Schreibtisch Quelle: Fotolia
Eine Frau macht eine abwehrende Handbewegung Quelle: Fotolia

In der Politik ist sie ein Star. Gerade hat Anne-Marie Slaughter noch bei der Münchner Sicherheitskonferenz zur Lage in Syrien debattiert und den saudi-arabischen Außenminister mit einer Frage, warum Frauen in seinem Land nicht Auto fahren dürfen, in Verlegenheit gebracht. Und den ganzen Tag lang muss sich Slaughter – zwischen 2009 und 2011 Planungschefin im US-Außenministerium unter Hillary Clinton – Terminanfragen beinahe erwehren, so viele Größen der europäischen Politik wollen mit ihr reden.

Warum können Frauen nicht beides haben?

Weltbekannt geworden ist sie aber als Mutter. Seit Slaughter im Jahr 2012 den Artikel „Why Women Still Can’t Have It All“ im US-Magazin „The Atlantic“ veröffentlichte, kennt die ganze Welt ihre familiäre Situation. Darin beschreibt sie, wie sie ihren Topjob in Washington aufgab, weil sie sich um die Entwicklung ihrer Teenagersöhne sorgte. Und darüber, wie schuldig sie sich fühlte, dass sie so viel abladen musste bei ihrem Ehemann, ein Politikprofessor in Princeton, wo Slaughter früher als erste Frau die Woodrow Wilson School of Public and International Affairs leitete.

Zehn Dinge, mit denen Frauen ihre Karriere riskieren

Der Artikel avancierte zu einem der meistgelesenen Texte in der Geschichte des US-Journalismus, er löste weltweit Debatten aus. Nun hat Slaughter – mittlerweile Chefin der einflussreichen Washingtoner Denkfabrik New America – ein neues Buch vorgelegt, es heißt: „Was noch zu tun ist. Damit Frauen und Männer gleichberechtigt leben, arbeiten und Kinder erziehen können“. Das Werk erscheint in diesen Tagen auch auf Deutsch.

Ihren Söhnen geht es zwar wieder gut, sie sind aus dem Gröbsten raus, wie man so sagt. Aber Slaughter, 57, hat das Thema, wie sich Familie und Karrieren vereinbaren lassen, nicht mehr losgelassen. Zeit für ein Gespräch, wie das Persönliche durchaus politisch werden kann.

WirtschaftsWoche: Frau Slaughter, vor über drei Jahren haben Sie in einem Magazinartikel beschrieben, wie Sie Ihren Topjob im US-Außenministerium für Ihre Familie aufgegeben haben. Das löste weltweit Debatten aus, vor allem über die Rolle von Frauen. Ihr neues Buch zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf wendet sich aber gezielt an Männer. Warum?
Frau Anne-Marie Slaughter: Die Zuschriften, die mich nach dem Artikel am meisten überrascht haben, kamen von Männern. Sie schrieben mir, dass sie auch das Gefühl hatten: „Ich kann nicht alles haben“, eben Familie und Beruf, und wie sehr sie darunter litten. Diesen Männern war klar, dass sie ähnliche Einschränkungen im Berufsleben erfahren würden, wenn sie sich genauso viel wie ihre Partnerinnen um ihre Kinder kümmerten. Aber im Gegenzug würden sie etwas zurückbekommen, sie könnten nämlich eine viel stärkere Rolle im Leben ihrer Kinder spielen.

Sie klingen, als sorgten Sie sich um die Männer.
Wenn ich Vorträge zu diesem Thema halte, kommen etwa so viele Männer wie Frauen als Zuhörer. Sie machen sich Gedanken – etwa ob Frauen sie noch genauso stark, sexy und männlich finden, wenn sie Hausmann statt Vorstandsvorsitzender werden. Ich finde so einen Mentalitätswandel ganz wichtig, wir müssen Männern dieses Umdenken erleichtern. Aber noch einmal: Alle Mentalitätsveränderungen werden nicht reichen, solange sich in der Wirtschaft nicht etwas Grundlegendes für Eltern verbessert. Nur ein Beispiel: Kinderlose Frauen verdienen etwa in den Vereinigten Staaten fast genauso viel wie ihre Kollegen, aber Mütter rund 25 Prozent weniger. Das ist eine Diskriminierung von Elternschaft, die beide Geschlechter treffen kann. Wir werden keine echte Gleichberechtigung von Eltern im Berufsleben schaffen, solange unsere Arbeitswelt und die Infrastruktur für Kinderbetreuung sich nicht radikal ändern, und zwar für Frauen und Männer.

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