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Arbeit der Zukunft "Die Produktion kommt zurück, die Jobs nicht"

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„Kreativität oder soziale Interaktion sind schwer digitalisierbar“

In Deutschland scheint die Sorge vor dem Verschwinden der Industriejobs nicht allzu groß. Detlef Scheele, der neue Chef der Bundesagentur für Arbeit, bezeichnete gerade Ihre Studie im Spiegel als "Quatsch".

Der Mann hat keine Ahnung. Die Zahlen sprechen doch eine deutliche Sprache: die Produktivität steigt, die Industriejobs werden weniger, die Einkommen stagnieren, Arbeiter wenden sich populistischen Parteien zu. Ich sehe momentan keine Tendenz, das die Regierungen die Tragweite des Problems erkannt haben. Wir haben solche Veränderungen doch schon oft erlebt. Dennoch glauben die meisten Menschen noch immer, ihr Job sei so nicht von einem Roboter machbar. Das stimmt auch erstmal. Aber darum geht es gar nicht. Denken Sie an die Waschmaschine. Da ahmt ja nicht ein Roboter das mittelalterliche Waschweib nach, geht zum Fluss und hängt die Wäsche anschließend an den Baum. Die Konstrukteure haben eine wesentlich einfachere, energiesparendere und schlicht bessere Methode gefunden, Wäsche zu reinigen.

Früher oder später können Maschinen also alle Tätigkeiten übernehmen?

Nicht alle. Menschliche Kreativität oder soziale Interaktion etwa sind schwer digitalisierbar. Die momentane Transformation wird also auch manche Vorteile bringen, für viele allerdings große Nachteile. Das wird schmerzhaft in den nächsten Jahren, kann aber in der Langzeitwirkung dennoch positiv sein für die Länder, weil sie reicher werden. Deshalb müssen Politiker jetzt die richtigen Entscheidungen treffen, um die entstehenden Gewinne fair zu verteilen.

Sind Sie besorgt?

Es liegt nicht in meiner Natur, besorgt zu sein. Aber in den letzten Dekaden haben eine Menge Leute nicht vom Fortschritt profitiert. Sie wenden sich nun den Populisten zu. Es gibt protektionistische Tendenzen - also eine Menge gute Gründe, das genau zu beobachten.

Viele Regierungen und Unternehmen tüfteln derzeit an Schul- und Bildungsmodellen, um ihre Arbeitnehmer auf die Jobs der Zukunft vorzubereiten. US-Präsident Trump will sich etwas das deutsche Ausbildungssystem genauer ansehen. Ist das ein Ausweg?

Bildung ist ein wichtiger Faktor. Was klar zu sein scheint: sich den Wohlstand mit den eigenen Händen zu erarbeiten wir immer schwieriger. Die Leute müssen ihr Gehirn gebrauchen. Das hat aber auch eine gute Seite: solche Jobs in der Industrie sind meist besser bezahlt. Die Menschen haben also auch mehr Geld zum ausgeben. Das kann ein Wachstumstreiber sein. Aber auch hier sehen wir eine Spaltung: die Bildungseinrichtungen in den USA, Deutschland oder dem Vereinigten Königreich sind viel besser als die in Entwicklungsländern. Auch wenn die heutigen Schwellenländer also ihre Industrie automatisieren wollen - die guten Köpfe finden die Unternehmen wohl woanders. Es ist ganz klar: die Länder mit dem am besten ausgebildeten Arbeitern werden die großen Gewinner der technologischen Revolution sein.

Dann ist aber immer noch nicht geklärt, was mit denen passiert, die durch Automatisierung heute schon ihren Job verlieren. Was halten Sie von einer Roboter-Steuer, wie sie etwa Bill Gates fordert, um künftig Sozialsysteme oder Grundeinkommen zu finanzieren?

Ich glaube, eine solche Steuer ist keine gute Idee. Es würde nicht nur ein weltweiter Wettlauf um die niedrigste Robo-Tax entstehen. Sie würde außerdem den technologischen Wandel bremsen. In den vergangenen zweihundert Jahren war Technologie immer der größte Treiber des Wohlstands. Wenn man eine Gesellschaft also arm halten will, sollte man sie von neuen Technologien abschotten. Eine Steuer darauf ist wohl das kontraproduktivste was man tun kann. Um die Sozialsysteme zu finanzieren oder auch das bedingungslose Grundeinkommen sollten wir lieber darüber nachdenken, wie man die Effizienzgewinne, die Unternehmen durch Automatisierung erwirtschaften, besteuert.

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