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Arbeiten im Alter Wann sich ein Job im Rentenalter lohnt

Quelle: imago images

Immer mehr Rentner arbeiten freiwillig weiter. Sie übernehmen einen Minijob oder schieben den Ruhestand gleich ganz auf. Finanziell lohnt sich das längst nicht immer.

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Wer ins Rentenalter kommt, fühlt sich nicht unbedingt reif für den Ruhestand. Schließlich sind 70- oder auch 80-Jährige heute meist deutlich fitter als frühere Generationen. Das zeigt sich deutlich auf dem Arbeitsmarkt. 2006 waren gerade mal knapp sieben Prozent der Menschen zwischen 65 und 69 Jahren erwerbstätig, berichtet Ulrich Walwei, Vizedirektor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. Bis 2019 kletterte der Anteil dieser arbeitenden Senioren auf rund 18 Prozent. 

Das liegt nach Einschätzung des Arbeitsmarktexperte daran, dass Fachkräfte noch immer selten ­– und auch im hohen Alter entsprechend umworben sind. Zudem haben viele Menschen einfach länger Spaß an der Arbeit. In Umfragen des IAB begründeten damit rund neun von zehn Rentnern ihre anhaltende Erwerbstätigkeit. „Ein bedeutender Teil der Befragten führt allerdings auch finanzielle Gründe für die Erwerbsarbeit an. Das gilt insbesondere für Frauen, die nach eigenen Angaben häufiger als Männer auf einen Hinzuverdienst zur Altersrente angewiesen sind“, berichtet Walwei. Die durchschnittliche Altersrente lag zuletzt übrigens vor Steuern bei 1269 Euro. Das waren 253 Euro mehr als im Jahr 2000.

Wer nach Erreichen der Altersgrenze arbeiten will, profitiert vor allem davon, dass Rentner so viel dazu verdienen können, wie sie wollen - ohne dass die vollen Altersbezüge gekürzt werden. Gekürzt wird nur bei der Flexirente, also dem vorgezogenen Ruhestand.

Ab dem regulären Rentenalter, was ab dem Geburtsjahrgang 1964 das 67. Lebensjahr ist, kann man hingegen unbegrenzt dazu verdienen. Laut der Vereinigten Lohnsteuerhilfe muss die Beschäftigung auch gar nicht erst dem Rentenversicherungsträger gemeldet werden. Arbeitende Rentner genießen einen weiteren Vorteil: „Bei dieser Beschäftigung muss der Arbeitnehmer keine Beiträge zur Renten- oder Arbeitslosenversicherung zahlen“, informiert die Deutsche Rentenversicherung. „Wenn Sie allerdings mehr als 450 Euro im Monat hinzuverdienen, sind Sie sozialversicherungspflichtig und müssen Ihre zusätzlichen Einnahmen versteuern“, erläutert die Vereinigte Lohnsteuerhilfe.

Aufstocken mit wenig Aufwand

Am beliebtesten ist deshalb die Kombination aus Rente plus Minijob. Rund fünf Prozent aller Ruheständler gingen zuletzt laut der Deutschen Rentenversicherung einer geringfügigen Beschäftigung nach. Nur rund ein Prozent der Rentner verdienten hingegen mehr als 450 Euro monatlich.

Der Vorzug dieses Modells: Mit wenig Aufwand lassen sich die monatlichen Einnahmen signifikant aufstocken. Ein Minijobber darf bis zu 450 Euro im Monat oder 5400 Euro im Jahr verdienen. Das ist mehr als ein Drittel der durchschnittlichen Altersrente. Es können auch mehrere Minijobs kombiniert werden. „Jedoch darf das Gesamteinkommen die Summe von 450 Euro monatlichem Arbeitsentgelt oder einem Arbeitseinsatz von maximal 70 Tagen pro Kalenderjahr nicht übersteigen“, gibt Walwei zu bedenken.

Er macht auf einen weiteren möglichen finanziellen Vorteil der Arbeit im Rentenalter aufmerksam. Wer die volle Altersrente bezieht, kann freiwillig Beiträge zur Rentenversicherung abführen. Auf diese Weise erhöhe sich die Rentenzahlung einmal jährlich, erklärt Walwei. Das könne lukrativ sein.

Die Vereinigte Lohnsteuerhilfe gibt ein Rechenbeispiel: Eine Frau hat im Dezember 2019 die Regelaltersgrenze erreicht. Sie bekommt zwar jetzt Rente, arbeitet aber weiterhin im Nebenjob auf 450-Euro-Basis. Arbeitnehmerin und Arbeitgeber zahlen das ganze Jahr über Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung. Das sind bei dieser Frau insgesamt etwa 200 Euro. Dadurch würde sich ihre Rente nach heutigem Stand ab 1. Juli 2021 um rund 4,80 Euro pro Monat erhöhen.

So weit die Theorie. Ob sich die freiwilligen Beiträge lohnen, hängt vom Einzelfall ab. „Häufig ist für Versicherte der kurzfristige Vorteil ‚mehr Netto vom Brutto‘ zu haben relevanter“, hat Walwei festgestellt. „So eine Entscheidung sollte jeder nach seinen Bedürfnissen treffen und sich gegebenenfalls auch Rat von Experten der Rentenversicherung einholen.“



Ob und ab welchem Einkommen sich eine Tätigkeit über den Minijob hinaus lohnt, ist ebenfalls von Fall zu Fall unterschiedlich. Bei der Frage, wie viel Steuern und Sozialabgaben anfallen, spielen auch Faktoren wie Verdiensthöhe, aktuelles Alter oder Zahl der Kinder eine Rolle. So könne der Arbeitnehmeranteil zur Sozialversicherung zwischen rund 9,2 Prozent und rund 20,1 Prozent schwanken, erklärt eine Expertin der Deutschen Rentenversicherung. Bei einem Einkommen zwischen 450 und 1300 Euro müsse der Arbeitnehmer nur reduzierte Sozialversicherungsbeiträge zahlen.

Vorteile durch die aufgeschobene Rente

Wer sich noch nicht reif für den Ruhestand fühlt, kann ihn auch aufschieben. Das geschieht immer häufiger. Laut Walwei ist das durchschnittliche Renteneintrittsalter in den vergangenen 20 Jahren von 62,3 Jahren auf 64,3 Jahre gestiegen. Wer die Rente aufschiebt, profitiert rein finanziell betrachtet nicht nur von höheren monatlichen Geldeingängen. „Beschäftigte können durch einen späteren Renteneintritt ihre Rente steigern“, erklärt Walwei. „Versicherte bekommen pro Monat, den sie die Regelaltersrente später beantragen, einen Rentenzuschlag von 0,5 Prozent. Ein Jahr länger arbeiten bedeutet also sechs Prozent mehr Rente.“ 

Gute Vorbereitung zahlt sich aus

Ist ein Rentner nicht auf den Verdienst angewiesen, kann er auch im ehrenamtlichen Engagement eine neue Aufgabe finden. „Neben dem finanziellen Aspekt ist auch das psychische Wohlbefinden wichtig“, gibt Walwei zu bedenken. „Auch ehrenamtliche Tätigkeiten können fit halten und in der eigenen Wahrnehmung als sinnstiftend erachtet werden. Die meisten wollen einfach noch das Gefühl haben, gebraucht zu werden.“

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Übrigens sollte man sich der Frage, ob man in Rente geht oder weiterarbeitet, nicht erst stellen, wenn man die Altersgrenze erreicht oder über eine Frühverrentung grübelt. Denn die finanzielle Basis für diese Überlegungen wird lange vorher gelegt. „Wir empfehlen daher, nicht erst kurz vor der Rente den Kontakt mit uns zu suchen“, sagt eine Sprecherin der Deutschen Rentenversicherung. „Geeignete zeitliche Anlässe sind zum Beispiel das 43. Lebensjahr, wenn wir die Kunden um Mithilfe bei der Klärung ihrer Versicherungszeiten bitten oder das 55. Lebensjahr, wenn wir den Kunden erstmalig eine ausführliche Rentenauskunft zukommen lassen.“

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