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Arbeitsmarkt Fachkräfte werden am meisten unter der Digitalisierung leiden

Ist der Roboter ein Jobkiller? Quelle: imago images

Was ist dran an den Schreckensszenarien, mit denen die Folgen der Digitalisierung beschrieben werden? Der Ökonom Enzo Weber sieht eher eine Verschiebung der Produktionsstätten und die Notwendigkeit von Weiterbildung.

Herr Weber, die Arbeitsmarkteffekte der Digitalisierung sind unter Ökonomen umstritten. Was sagen Sie: Ist der Roboter ein Jobkiller?
Ja und nein. Ich erwarte, dass es auch in Zukunft einen hohen Bedarf an menschlicher Arbeitskraft geben wird. Die Digitalisierung dürfte die Zahl der Jobs unter dem Strich nicht senken, wohl aber die gesamte Arbeitswelt verändern. Wir müssen wir uns auf strukturelle Probleme und einen großen Anpassungsbedarf einstellen. Unsere Projektionen zeigen, dass durch die Digitalisierung in den kommenden Jahren rund 1,5 Millionen Stellen neu entstehen, aber ebenso viele auch wegfallen. Berufsbilder und Anforderungsprofile verändern sich, die Tätigkeit eines Schreiners etwa wird in zehn Jahren in den meisten Fällen nicht mehr die gleiche sein wie heute.

Wer gewinnt? Wer verliert?
Gewinner der Digitalisierung sind generell die Höherqualifizierten. Der höhere Kapitaleinsatz macht ihre Arbeit produktiver, dadurch steigen die Löhne. Es wird Stellenzuwächse vor allem im IT-Bereich geben, aber auch bei Gesundheit, Pflege und kreativen Tätigkeiten, die sich nicht automatisieren lassen wie viele Prozesse in einer Fabrikhalle. Die Verlierer sind nicht, wie viele denken, primär die Geringqualifizierten – weil es von ihnen nach vielen Automatisierungswellen in den Betrieben gar nicht mehr so viele gibt. Geringqualifizierte waren früher die größte Gruppe am Arbeitsmarkt, heute sind sie die kleinste. Jetzt geht es eher um die Mitte: Die größten Veränderungen werden im Fachkräftebereich stattfinden, wo viele Routinetätigkeiten im Spiel sind. Dazu zählen auch Bürojobs, etwa in der Buchhaltung.

Kann man sagen, dass Industrieregionen durch die Digitalisierung am Arbeitsmarkt mehr Probleme bekommen als Dienstleistungszentren?
Deutschland hat einen der höchsten Industrieanteile weltweit. Das ist in der Ära der Digitalisierung zunächst einmal weder gut noch schlecht. In Regionen mit viel verarbeitendem Gewerbe sind zwar theoretisch mehr Jobs substituierbar. Doch dass das auch so kommt und zu regionalen Jobverlusten führt, ist nicht zwingend. Eine starke Industrie kann auch ein Wettbewerbsvorteil sein, wenn sie sich digital weiterentwickelt. Ein entscheidender Faktor ist nach meiner Einschätzung das Bildungswesen. Länder mit einer guten Bildungsinfrastruktur werden künftig eine höhere Digitalisierungsdividende einfahren. Und wir reden hier nicht über die kommenden Fachkräfte an Schulen und Universitäten, sondern auch über die Arbeitnehmer, die bereits im Berufsleben stehen. Die Innovationszyklen verkürzen sich, Umwälzungen laufen immer schneller ab, und das heißt für die Arbeitnehmer: Sie müssen über das gesamte Berufsleben hinweg lernen und sich weiterentwickeln. Da reicht es nicht, alle zwei Jahre mal eine interne Schulung zu machen, so wie es derzeit oft passiert.

Zur Person

Sondern?
Wir brauchen ein Weiterbildungssystem, das sich bei Umfang, Qualität und Finanzierung mit der Erstausbildung messen kann. Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Die Weiterbildung genießt in Deutschland und auch international bei weitem noch nicht die Priorität, die nötig wäre. Wenn wir es nicht schaffen, die heute Berufstätigen fortzubilden, werden wir durch die Digitalisierung über Jahrzehnte gravierende Arbeitsmarktprobleme bekommen.

Wirkt die Digitalisierung auch grenzübergreifend? Wirbelt sie am Ende sogar die internationale Arbeitsteilung durcheinander?
Absolut. Bisher dachte man, gegen die Auslandsverlagerung von Produktion sei kein Kraut gewachsen. Doch nun führt die Digitalisierung dazu, dass manche Unternehmen ihre Offshoring-Aktivitäten zurückfahren und Produktion teilweise sogar aus dem Ausland zurückholen. Es entstehen neue Geschäftsmodelle, die im Heimatland einfach besser funktionieren – etwa, weil sie ein bestimmtes technologisches Know-how und eine bestimmte Infrastruktur benötigen, die in Entwicklungs-und Schwellenländern in der Qualität oft nicht vorhanden sind. Denken Sie nur an den Trend weg von der Massenproduktion und hin zu individueller Fertigung.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Viele Entwicklungs- und Schwellenländer bekommen ein Problem. 
Ja. Die Entwicklungs- und Schwellenländer müssen ihr Geschäftsmodell ändern, das oft stark auf niedrigen Löhnen beruht. Viele Produktionsprozesse werden durch die Digitalisierung weniger arbeitsintensiv, dadurch fällt der Standortfaktor Arbeitskosten für die Unternehmen nicht mehr so stark ins Gewicht. Die Digitalisierung hat für die Schwellenländer bisher überwiegend negative Effekte: Zwischen 2000 und 2014 ist die Beschäftigung um gut fünf Prozent schwächer ausgefallen, weil ausländische Investoren infolge der Robotisierung in den Industrieländern Produktion zurückverlagert oder weniger ausgelagert haben.

Weitere 14 Prozent der Jobs in den Schwellenländern sind durch höhere Automatisierung im Inland weggefallen, weil viele Jobs dort eben nicht komplex und kreativ sind, sondern aus Routinearbeiten bestehen, die sich relativ leicht durch Maschinen und Roboter übernehmen lassen. Ein gutes Beispiel, wie versucht wird, auf diesen Wandel zu reagieren, ist China: Bis ins vergangene Jahrzehnt war das Land auf die Massenproduktion für den Export ausgerichtet. Jetzt wird umgesteuert – in Richtung Dienstleistungen, Forschung und höherwertige Güter.

Mit Verlaub: Was in China mit seinem riesigen Binnenmarkt gelingen mag, muss noch lange nicht in Vietnam und Botswana funktionieren.
Das stimmt. Aber auch in den Entwicklungsländern gibt es Hochqualifizierte und Größe allein macht noch kein digitales Geschäftsmodell. Die billige Massenproduktion wird auch nicht komplett aussterben, sondern sich weiter verlagern – und bei hinreichender Stabilität wäre Afrika ein erwartbares Ziel. 

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