Arbeitsmarktchancen Arbeitnehmer über 49 erwischt der Herbstblues

Die Winterdepression kommt bei den deutschen Arbeitnehmern an. Zumindest bei denen jenseits der 49. Sie schätzen ihre Chancen schlechter ein, als im Sommer. Dabei herrscht Frühlingsstimmung auf dem Arbeitsmarkt.

So werden Sie am Arbeitsplatz glücklicher
Menschen, die häufig lächeln, haben weniger oft Herzkrankheiten und leben länger, schreibt Ilona Bürgel in ihrem Buch „Die Kunst, die Arbeit zu genießen“. Selbst wenn wir uns zwingen, den Mund zu einem Lächeln zu verziehen, erkennt das Hirn den Unterschied nicht und empfängt die Botschaft, dass wir glücklich sind. Quelle: getty images
Glückliche Menschen verbringen 30 Prozent weniger Zeit vor dem Fernseher und sind lieber mit anderen unterwegs. Kino, Kirche oder Tanzen egal: Das Beisammensein mit anderen Menschen zählt. Quelle: dpa
Ob Fotos, Steine oder eben Hasen - die Erinnerungsstücke an schöne Momente tragen zu späteren Glücksgefühlen bei und sorgen für die Erwartung weiteren Glücks. Quelle: dpa
Bewegung baue das Stresshormon Cortisol ab und vertreibe Depressionen, so die Autorin. Wenige Minuten pro Tag reichen bereits. Noch besser ist die Wirkung im Freien, da dann zusätzlich Vitamin D produziert wird, das gesund und glücklich macht. Quelle: dpa
Bürgel zitiert eine Studie mit 160 Yoga-Lehrern. Diese ergab, dass regelmäßiges Yoga die Glücksblutwerte um 27 Prozent steigert. Quelle: REUTERS
Nicht nur negative Informationen, Gefühle und Haltungen stecken an - Glücklicherweise funktioniert das Prinzip auch umgekehrt. Wer bei der Arbeit positive Gefühle hat, nimmt diese mit nach Hause und überträgt sie so ins Privatleben. Und weiter bewirkt ein glückliches Privatleben auch gute Gefühle im Job - der Kreis schließt sich. Quelle: Handelsblatt Online
Massagen sollen die Abwehrkräfte steigern und Stresshormone im Körper abbauen. Quelle: Handelsblatt Online

Wer derzeit einen Job sucht, hat eigentlich die freie Auswahl - könnte man meinen. Laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) waren allein im September 686.797 Stellen unbesetzt. Das ist ein Plus von 14,5 Prozent gegenüber September 2015. "Die Kräftenachfrage hat damit auch über die Ferienmonate nicht an Schwung verloren. Die stark gestiegene Nachfrage zeigt sich auch in der Betrachtung nach Branchen: in nahezu allen Wirtschaftsabteilungen fällt die Zahl der gemeldeten Stellen derzeit höher aus als vor einem Jahr", kommentiert die Behörde. 

Und diese gut 700.000 Vakanzen sind nur ein Bruchteil. Denn nicht jedes Unternehmen meldet seine freien Stellen auch der BA, wie eine Umfrage der Wirtschaftsverbände „Die Familienunternehmer“ und „Die Jungen Unternehmer“ exklusiv für die WirtschaftsWoche ergeben hat.

Demnach melden 30 Prozent der mittelständischen Unternehmer freie Stellen in ihrem Betrieb nur „selten“ an die staatliche Arbeitsverwaltung, weitere 16 Prozent sogar „nie“. Die befragten 580 befragten Firmenchefs suchen lieber selbst, als sich auf die staatlichen Arbeitsvermittler zu verlassen. 

Jobsuche: Wer 2016 noch Mitarbeiter einstellt - und wen

Das bestätigt auch die Studie "Fachkräftemangel 2016" des Personaldienstleisters ManpowerGroup. Demnach erwacht die deutsche Wirtschaft aus ihrer Lethargie und sucht auf allen Kanälen neue Mitarbeiter. Innerhalb von zwölf Monaten ist die Zahl der untätigen Unternehmen von 32 Prozent auf drei Prozent gefallen, heißt es in der Studie. Kein Wunder: 49 Prozent der befragten 42.000 Personalverantwortlichen gaben an, massive Probleme zu haben, offene Stellen zu besetzen. 2007 waren es nur 27 Prozent. 

Gesucht werden vor allem Vertriebsprofis, Ingenieure  und IT-Experten. Bei der BA spricht man außerdem von einem hohen Kräftebedarf im Handel sowie im Gesundheits- und Sozialwesen. Aber auch in der Zeitarbeit, im Verarbeitenden Gewerbe sowie im Bereich der unternehmensnahen Dienstleistungen sei der Bedarf an neuen Mitarbeitern weiterhin hoch. Es werden also nicht nur studierte Kräfte gesucht. "Grundsätzlich tragen die stabile wirtschaftliche Lage sowie das hohe Beschäftigungsniveau zur anhaltend hohen Kräftenachfrage bei", heißt es bei der BA. 

Grund genug also für Wechselwillige und Arbeitslose, sich die Hände zu reiben und den besten Job rauszusuchen.

So beurteilen die Deutschen ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Aber die sind gar nicht so euphorisch. Zumindest war die Stimmung bei den deutschen Arbeitnehmern im zweiten Quartal 2016 noch deutlich optimistischer, wie aktuelle JobConfidence-Index der Personalvermittlung PageGroup zeigt. Demnach sind zwar 63 Prozent aller Wechselwilligen zuversichtlich, dass sich die Lage am Arbeitsmarkt verbessern wird. Im Sommer war die Stimmung jedoch noch optimistischer: 

So denken derzeit 52 Prozent der unter 30-Jährigen, dass sie weniger als drei Monate brauchen, um einen neuen Job zu finden. Im Juli waren es noch 57 Prozent. Auch beim Thema Beförderung und Gehaltserhöhung sind die Jungen etwas weniger optimistisch. Bei der Arbeitnehmergeneration jenseits der 49 Jahre ist der Herbstknick jedoch am stärksten spürbar: Im Juli hielten noch 81 Prozent die Arbeitsmarktsituation für gut. Jetzt im November sind es nur noch 69 Prozent. Die allgemeine wirtschaftliche Situation in Deutschland halten 79 Prozent für gut, im Juli waren es 86 Prozent. Auch der Blick in die Zukunft fällt bei dieser Gruppe auf einmal düsterer aus, als noch im Sommer. Da schätzten 77 Prozent die künftige Wirtschaftslage positiv ein, jetzt sehen das nur noch 74 Prozent so. Die Arbeitsmarktsituation der Zukunft hielten im Juli noch 77 Prozent für rosig, jetzt sind es nur noch 66 Prozent. 

Halb Deutschland will eine Auszeit vom Job
Auszeit vom JobStress im Job, lange Arbeitszeiten und zu kurze Wochenenden: Aus diesen Gründen wollen viele Arbeitnehmer eine Pause vom Job nehmen. Diese Auszeit, auch Sabbatical genannt, ist in Deutschland so stark gefragt wie noch nie – und für einige kann die ruhig länger dauern: 43 Prozent der Befragten wollen zwischen drei und sechs Monaten pausieren. Fast ein Drittel möchte eine Auszeit bis zu einem ganzen Jahr („Sabbatjahr“) und elf Prozent können sich eine Zeitspanne von bis zu zwei Jahren vorstellen. Das sind die Ergebnisse der größten deutschen Sabbatical-Studie des Meinungsforschungsinstituts Fittkau & Maaß im Auftrag von wimdu.de, dem Onlineportal für Ferienappartements. An der Umfrage nahmen 2100 deutsche Internetnutzer teil. Quelle: wimdu.de Quelle: dpa
Viele zieht es in die FerneDie Gründe für eine berufliche Auszeit sind vielfältig: 57 Prozent der Befragten geben an, Reisen und mehr Zeit für sich haben zu wollen. Frankreich, Thailand, Japan, die USA und Australien sind besonders beliebte Reiseziele. 25 Prozent wollen dabei ungestört sein. 75 Prozent ziehen es dagegen vor, mit dem Partner, mit der Familie oder mit Freunden Urlaub zu machen. Quelle: dpa
Frauen und SabbaticalFrauen haben öfter den Drang, ein Sabbatical in Anspruch zu nehmen, weil sie einen „Neustart“ suchen (68 Prozent). Außerdem wollen sie den Alltag bei Beziehungs- (62 Prozent) oder Jobproblemen (58 Prozent) hinter sich lassen. 60 Prozent wollen auf einer Weltreise viele Länder und Kulturen kennenlernen. Quelle: dpa
Männer und SabbaticalBei den Männern hingegen wollen nur 32 Prozent ihr Leben drastisch verändern. 42 Prozent der befragten Männer wollen eine längere Auszeit, wenn es im Job schwieriger wird. Bei Problemen im Privatleben sind es 38 Prozent. 61 Prozent wollen das Sabbatical in Nordamerika oder Kanada genießen. Quelle: dpa
Verschnaufspause vom Lernen54 Prozent der Studienteilnehmer wollen während eines Sabbaticals zu sich selbst finden. Die Hälfte der Befragten will mit der Auszeit ein Burnout überwinden oder einem vorbeugen. Quelle: dpa-tmn
Neue SprachenHäufig geben die Befragten an, dass sie Sprachen lernen (30 Prozent), das Leben grundlegend verändern (21 Prozent) wollen. Schlanke zwölf Prozent wollen diese Zeit für die berufliche Weiterbildung nutzen. Quelle: dpa
Finanzierung des SabbaticalsÜber die Finanzierung der Sabbatmonate gibt es unterschiedliche Vorstellungen. 72 Prozent der Befragten, die eine Auszeit im Auge haben, rechnen damit, auf Ersparnisse oder Rücklagen zurückgreifen zu müssen. Rund ein Fünftel (19 Prozent) hofft auf finanzielle Unterstützung vom Partner oder von der Familie. Quelle: dpa

Auch bei den Punkten Gehaltserhöhung und Entwicklung der eigenen Fähigkeiten hat die Euphorie des Sommers einen Dämpfer bekommen. Dabei bietet der Fachkräftemangel ihnen alle Chancen. Vielen Unternehmen steht das Wasser nämlich bis zum Hals. 

Beispiel Baubranche: Unternehmen, Privatpersonen und die öffentliche Hand müssen aktuell länger auf die Ausführung ihrer Aufträge warten, weil die Handwerksbetriebe nicht genügend Personal einstellen können. Handwerker und Facharbeiter sind in Deutschland seit 2007 die am schwersten zu besetzende Berufsgruppe.

Diese Not verändert nicht nur die Art, wie Unternehmen Mitarbeiter suchen, sondern auch, wen. So geben zwar 30 Prozent der von der ManpowerGroup befragten Unternehmen an, dass sie aufgrund fehlender Fachkenntnisse der Bewerber Schwierigkeiten haben, Stellen zu besetzen. Aber anstatt die Schultern zu zucken, investieren 80 Prozent in zusätzliche Weiterbildungsmaßnahmen und qualifizieren die Bewerber nach ihrem Bedarf. Und 57 Prozent weiten die Suche nach Bewerbern aus, indem sie ihre Stellenprofile an einen breiteren Adressatenkreis richten. Über 50 zu sein ist kein Ausschlusskriterium mehr. "Die Unternehmen begreifen nun, dass der perfekte Kandidat immer seltener wird und schauen im Recruiting viel stärker über den Tellerrand starrer Anforderungsprofile hinaus", bestätigt Herwarth Brune, Deutschland-Chef des Zeitarbeitsunternehmens. Man darf also selbst jenseits der 49 optimistisch in die berufliche Zukunft schauen. Auch ganz ohne Informatik-Studium. 

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