Arbeitsorganisation Freizeit ist die neue Währung

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Freiheit von Fall zu Fall

Wie sieht es also aus, das Konzept, das am Bodensee so gut funktioniert? „Wir haben keine starren Regeln“, sagt Schilling. Stattdessen wird von Fall zu Fall entschieden; so viel Flexibilität muss sein. Will ein Kollege seine Arbeitszeit reduzieren, geht er zu seiner Führungskraft. Zusammen mit Schillings Personalabteilung überlegt diese dann, was in welchem Zeitraum möglich ist.

„Es gibt Jobs, da kann man die Arbeitszeit nicht unendlich reduzieren“, sagt Schilling aber auch. Ein Produktmanager zum Beispiel habe viele Meetings mit verschiedenen Abteilungen und Kunden. Das klappt nicht einfach so in der Hälfte der Zeit. Die meisten Mitarbeiter, findet sie, können das aber selbst ganz gut einschätzen.

Das Wichtigste, was Schilling von ihren Mitarbeitern deshalb erwartet, ist Kooperationsbereitschaft. Denn was viele Verfechter der totalen Flexibilität gerne vergessen: Unternehmen sind fragile Gebilde, jede Entscheidung hat Folgen. „Wenn jemand 15 Prozent weniger arbeiten will, dann haben wir als Unternehmen ja nicht 15 Prozent weniger Arbeit“, sagt Schilling. Irgendwer müsse das zumindest teilweise auffangen.

Und das sind meistens die Kollegen, die Schilling die „Eh-da-Menschen“ nennt. Mitarbeiter, die eine feste Struktur schätzen, jeden Tag um neun Uhr ins Büro und um fünf nach Hause gehen – eben die, die eh da sind. „Ich weiß, dass sich diese Leute manchmal so fühlen, als müssten sie alles auffangen“, so Schilling.

Es ist ein Teilaspekt des großen Dilemmas beim Thema Flexibilisierung: Jeder versteht darunter etwas anderes. Der eine Angestellte will seine festen Arbeitszeiten. Der andere benötigt diese Sicherheit nicht. Und der Chef braucht Mitarbeiter, wann und wo er will. „Ein klassischer Zielkonflikt“, sagt die Ludwigshafener Professorin Jutta Rump.

Um Missverständnissen entgegenzuwirken, sind klare Regeln trotz aller Freiheiten nötig. Die hat etwa die Deutsche Telekom in ihrem Kundendienst eingeführt. Je nach gewähltem Modell bekommt ein Mitarbeiter dort entweder Arbeitszeiten, die zwölf Wochen im Voraus festgelegt werden, oder er wird bedarfsorientiert und kurzfristig eingesetzt.

Wer auf diese Art seine persönliche Flexibilität opfert, bekommt im Gegenzug nicht nur mehr Geld – sondern auch jeden Monat zusätzlich sieben Stunden auf ein Zeitkonto eingezahlt. Ein fairer Tausch. Denn nur wenn beide Seiten zufrieden sind, kann beim Tauziehen um die Zeitsouveränität irgendwann ein Gleichgewicht entstehen – damit die selbst gewählte Freizeit des einen nicht zur ungewollten Mehrarbeit des anderen wird.

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