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Arbeitsorganisation Freizeit ist die neue Währung

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Unternehmen müssen sich etwas einfallen lassen

Drehten sich frühere Konflikte mit dem Arbeitgeber vornehmlich ums Gehalt, wird nun um Zeitsouveränität gestritten. Wer über die Aufteilung der knappen Stunden bestimmt, hält den Schlüssel für ein glücklicheres Leben in der Hand. „Zeit wird neben Geld zu einem immer wichtigeren Teil der Entlohnung“, bestätigt Jutta Rump, Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability der Hochschule Ludwigshafen.

Und das über alle Berufsgruppen und Einkommensschichten hinweg, wie man unter anderem bei der Belegschaft der Deutschen Bahn beobachten kann. Nach einer Tarifeinigung mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) durften die Beschäftigten wählen, ob sie ab Januar dieses Jahres 2,6 Prozent mehr Geld, eine Wochenstunde weniger Arbeit oder sechs Tage mehr Urlaub möchten. Vom Zugbegleiter bis zum Bahnhofspersonal entschieden sich 56 Prozent der Teilnehmer für ein Plus an Freizeit.

Auf solche und ähnliche Bedürfnisse einzugehen wird daher für Unternehmen immer wichtiger. Auch weil viele Arbeitnehmer aufgrund des Fachkräftemangels Personalchefs ihre Forderungen mehr oder weniger diktieren können. Unternehmen, die einen der begehrten Ingenieure oder Informatiker überzeugen wollen, müssen sich etwas einfallen lassen.

So auch die Lufthansa: Bei der Fluglinie kann das Kabinenpersonal aktuell aus 100 Teilzeitmodellen wählen. Wer seine Stundenzahl reduzieren will, kann dafür entweder ganze Monate aussetzen, innerhalb eines Monats weniger Flüge übernehmen oder gezielt im Winter, wenn weniger Flugverkehr herrscht, zu Hause bleiben.

Als Musterschüler der Flexibilisierung gilt der Maschinenbauer Trumpf aus dem schwäbischen Ditzingen. „Wir wollen größtmögliche Arbeitszeitsouveränität der Mitarbeiter mit größtmöglicher Flexibilität auf Unternehmensseite verbinden“, sagt Personalchef Oliver Maassen. Alle zwei Jahre dürfen die Angestellten festlegen, wie lange sie arbeiten möchten. Überstunden können sie sparen und zum Beispiel für ein Sabbatical aufbewahren. Das lockt einerseits Mitarbeiter, andererseits hilft es bei der Produktionsplanung.

Für Jan Westerbarkey ist das aber immer noch zu wenig. „50 Jahre nach Einführung der Fünf-Tage-Woche muss es doch möglich sein, dass jeder seine Arbeitszeit selbst wählen kann“, sagt der Geschäftsführer des Haustechnikspezialisten Westaflex. Zumindest in seinem Unternehmen versucht er das zu ermöglichen. Jeder soll nach eigenem Gusto arbeiten können – sei es an nur vier Tagen oder vornehmlich im Homeoffice. Dahinter steckt auch unternehmerisches Kalkül: „Man muss diese Flexibilität zulassen“, so Westerbarkey, „denn dadurch entsteht die Kreativität, die wir so dringend brauchen.“ Derzeit gebe es im Unternehmen etwa 120 Arbeitszeitmodelle. Auch weil Westerbarkey das Thema sehr pragmatisch sieht: „Es gibt eine Aufgabe, die es zu erledigen gilt. Wie das gemacht wird, ist mir am Ende egal.“

Berufe mit Zukunftsgarantie
Ein Turm aus Styropor-Bausteinen, der vor dem Arbeitsministerium in Berlin aufgebaut wird, soll den ohne Fachkräfte zusammenbrechenden Arbeitsmarkt symbolisieren. Quelle: dpa
Ein junger Mann bedient einen Gasschweißer Quelle: dpa
Eine Dialyseschwester überprüft in Hamburg im Marienkrankenhaus die Einstellungen eines Dialysegerätes. Quelle: dpa
Ein Schiff fährt in Köln an den Kranhäusern und dem Dom vorbei den Rhein hinunter. Quelle: dpa
Einen Aufkleber mit dem offiziellen Slogan der Imagekampagne des Landes Baden-Württemberg "Wir können alles. Außer Hochdeutsch." hält eine junge Frau in der Hand. Quelle: AP
Der Reichstag in Berlin Quelle: REUTERS
Besucher aus Holland in bayerischem Blauweiß prosten sich beim Münchner Oktoberfest zu. Quelle: dpa

Aktuell gilt das allerdings nur für die Büroarbeiter. Westerbarkey will zwar in Zukunft auch seinen Mitarbeitern in der Fertigung mehr Freiheiten bieten. Doch das ist gar nicht so einfach, weil viele Arbeitsschritte in der Produktion aufeinander aufbauen: Wenn in eine Halterung noch kein Loch gebohrt ist, kann man auch keine Schraube daran befestigen.

Gerade deshalb interessiert sich Westerbarkey für die neuesten Methoden des Managements. Mit seinem Unternehmen, in der vierten Generation in Familienbesitz, kooperiert er mit Hochschulen und Forschungsinstituten, um herauszufinden, wie man Arbeit noch besser organisieren kann.

Inspiration könnte Westerbarkey rund 600 Kilometer weiter südlich finden, im baden-württembergischen Städtchen Tettnang am Bodensee.

Miriam Schilling ist dort Personalchefin des Bekleidungsherstellers Vaude. An einem Freitagnachmittag im Januar ist sie gut erreichbar. Es ist ruhig im Haus, ein typischer Homeoffice-Tag bei Vaude. Alleine daran lasse sich schon eine Entwicklung ablesen, so Schilling. „Der Mensch möchte nicht nur von der Arbeit bestimmt sein, sondern auch möglichst viel Lebensqualität haben“, sagt die Personalchefin. „Gerade die jüngeren Generationen beschäftigen sich stärker damit, wie sie ihr Leben glücklich gestalten und ob Arbeit dabei wirklich eine so große Rolle einnehmen soll.“ Wer das ignoriere, da ist sie sich sicher, werde bald Schwierigkeiten haben, gute Leute zu finden.

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