Arbeitszeit Dienstleister sind zu Schichtarbeit gezwungen

Konsum ist zum 24-Stunden-Vergnügen geworden. Und damit steigt auch der Druck auf Dienstleister, ihre Angestellten im Schichtbetrieb rund um die Uhr einzusetzen. Arbeitsschützer mahnen zur Vorsicht.

Nach Einbruch der Dunkelheit sitzt ein Angestellter in seinem Büro am Schreibtisch. Quelle: dpa

Arbeitgeber sollten der Arbeitszeitgestaltung sehr viel mehr Aufmerksamkeit widmen. Das fordert Frank Brenscheidt von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA). Die Zunahme abendlicher oder gar nächtlicher Arbeitsstunden belaste die Betroffenen. Dass immer mehr Menschen in Deutschland verdienen am Wochenende, abends, in der Nacht oder im Schichtbetrieb ihr Geld verdienen, geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor. Demnach arbeiteten im Jahr 2011 etwa 8,9 Millionen Beschäftigte, also jeder vierte, "ständig oder regelmäßig am Wochenende". Das ist ein Drittel mehr als 2001, damals waren es noch 6,7 Millionen. Die Zahl der in Schichtarbeit Beschäftigten hat nach Angaben der Bundesregierung von 2001 bis 2011 von 4,8 auf sechs Millionen zugenommen. Am weitesten verbreitet ist Schichtarbeit in den sozialen Berufen, in der Gesundheitsbranche, bei Maschinen- und Anlageführern und beim Verkaufspersonal.

Der Begriff der Schichtarbeit ist immer noch assoziiert mit klassischen Arbeitsbereichen wie Kohle und Stahl. Er galt daher als Auslaufmodell der Arbeitswelt, das an Bedeutung verliert. Die aktuellen Zahlen zur Schicht- und Nachtarbeit zeigen, dass davon nicht auszugehen ist. Schichtarbeit ist heute kein reines Industriephänomen mehr, sondern nimmt vor allem im Dienstleistungssektor stark zu.

Dass sich Schichtarbeit in den Dienstleistungsbranchen, zum Beispiel auch im Handel, immer stärker ausbreitet, ist eine Folge der Liberalisierung der Öffnungszeiten. "Die Betriebe sind länger geöffnet, als ein Mensch an einem Tag arbeitet. Da müssen sie Schichtarbeit planen", sagt Arbeitszeitexperte Frank Brenscheidt. Auch der Boom des von Öffnungszeiten völlig unabhängigen Internethandels und die damit verbundenen Ansprüche der Kunden tragen dazu bei. Angesichts der Nachfrage nach schneller Lieferung braucht man mehr entsprechende Arbeitskräfte - und zwar fast rund um die Uhr.

Was die Deutschen bei der Arbeit krank macht
Die Liste prominenter Namen ist lang: Ex-SPD-Chef Matthias Platzeck, Schauspielerin Renée Zellweger, Fernsehkoch Tim Mälzer, Skispringer Sven Hannawald, Profifußballer Sebastian Deisler und auch die Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel. Ihre Gemeinsamkeit: Wegen völliger Erschöpfung zogen sie die Reißleine. Aber es trifft nicht nur Prominente. Psychische Erkrankungen sind der Grund Nummer eins, warum Arbeitnehmer eine Auszeit brauchen - oder sogar in Frührente gehen. Ganze 41 Prozent der Frühverrentungen haben psychische Erkrankungen als Ursache. Diese nahmen laut Krankenkasse DAK-Gesundheit 2012 um vier Prozent zu, rückten erstmals auf Platz zwei aller Krankschreibungen hinter Muskel- und Skeletterkrankungen. Und die Ursachen für diese Krankheiten der Seele liegen oft im Job. Quelle: Fotolia
Die globalisierte Arbeitswelt, die internationalen Verflechtungen der Konzerne, der Konkurrenzdruck: All das zusammen erhöht die Anforderungen an die Beschäftigten. Ihre Arbeitstage werden immer länger, auch an den Wochenenden sitzen sie im Büro oder zu Hause am Schreibtisch, überrollt von einer Lawine von E-Mails. In dieser Tretmühle sind viele dann ausgelaugt, überfordert, verzweifelt, kraftlos. Der Akku ist - salopp gesprochen - leer. Quelle: Fotolia
Die Arbeitsbelastung führe zudem auch immer öfter zu Krankheiten, heißt es weiter. Klagten 2006 noch 43 Prozent über Rückenschmerzen waren es im vergangenen Jahr bereits 47 Prozent. Während 2006 nur 30 Prozent unter stressbedingten Kopfschmerzen litten, waren es 2012 bereits 35 Prozent. Die Anzahl der von nächtlichen Schlafstörungen geplagten Arbeitnehmern stieg von 20 auf 27 Prozent. Quelle: Fotolia
Am häufigsten belastet fühlen sich die Beschäftigten - 58 Prozent - nach dem neuen " Stressreport Deutschland 2012" der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) durch Multitasking, also das Sich-Kümmern-Müssen um mehrere Aufgaben gleichzeitig. Quelle: Fotolia
Jeder zweite der rund 18000 Befragten (52 Prozent) arbeitet unter starkem Termin- und Leistungsdruck. Laut BAuA hat sich der Anteil der von diesen Stressfaktoren betroffenen Beschäftigten auf dem relativ hohen Niveau des vergangenen Jahrzehnts stabilisiert. Jeder vierte (26 Prozent) lässt sogar die nötigen Ruhepausen ausfallen, weil er zu viel zu tun hat oder die Mittagspause schlicht nicht in den Arbeitsablauf passt. Quelle: Fotolia
Immerhin 43 Prozent klagen aber über wachsenden Stress innerhalb der vergangenen zwei Jahre. Außerdem wird fast jeder Zweite (44 Prozent) bei der Arbeit etwa durch Telefonate und E-Mails unterbrochen, was den Stress noch erhöht. Quelle: Fotolia
Insgesamt 64 Prozent der Deutschen arbeiten auch samstags, 38 Prozent an Sonn- und Feiertagen. So kommt rund die Hälfte der Vollzeitbeschäftigten auf mehr als 40 Arbeitsstunden pro Woche, rund ein Sechstel arbeitet sogar mehr als 48 Stunden. Und das ist nicht gesund: Seit Längerem weisen Wissenschaftler auf einen Zusammenhang zwischen langen Arbeitszeiten, psychischer Belastung und gesundheitlichen Beschwerden hin: Je mehr Wochenarbeitsstunden, desto anfälliger. Bei Menschen, die 48 Stunden und mehr pro Woche arbeiten, ist die Gefahr für physische und psychische Erkrankungen am höchsten. Quelle: Fotolia
Neben der Dauer spielt auch der Schichtplan eine Rolle für die Gesundheit der Angestellten: Studien zeigen, dass Arbeitszeitformen mit "atypischer" Lage - also Nacht- und Schichtarbeit - in Zusammenhang mit psychischer Belastung und gesundheitlichen Beeinträchtigungen stehen. Je länger jemand in Schicht- und Nachtarbeit tätig ist, desto eher können Störungen des vegetativen Nervensystems, Schlaf- und Leistungsstörungen, Magen- und Darmprobleme sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftreten. Quelle: Fotolia
Darüber hinaus haben lange Arbeitstage und Schichtdienste natürlich auch Einfluss auf das Privatleben: So geben 40 Prozent der Befragten an, arbeitsbedingt nur selten oder nie Rücksicht auf familiäre oder private Interessen nehmen können. Auch das ist auf Dauer nicht gesundheitsfördernd. Quelle: Fotolia

Dass für Schichtarbeiter das Risiko von psychischen Belastungen steige und erhöhte gesundheitliche Risiken bestehen, ist kaum zu bezweifeln. Durch die Arbeit während der Nacht kommt es zu einer "physiologischen Desynchronisation" der Körperfunktionen. "Der Mensch ist ein tagaktives Lebewesen, dessen Körperfunktionen am Tag auf Aktivität und in der Nacht auf Erholung eingestellt sind. Das Problem, dass sich demzufolge aus der Wechsel- bzw. Nachtschichtarbeit ergibt, ist dass der Beschäftigte im Schichtdienst entgegen dieser Steuerung nachts aktiv sein und tagsüber schlafen muss. Dieses Arbeiten entgegen der „Inneren“ Uhr stellt eine zusätzlich zur Arbeitstätigkeit bestehende Belastung dar, auf die mit zusätzlicher Anstrengung
reagiert werden muss", heißt es in einer Veröffentlichung der BAUA.

Für die Organisation von Schichtarbeit dort wo sie unvermeidbar ist, empfehlen Brenscheidt und Kollegen daher folgende Faustregeln.

- Die Anzahl der aufeinanderfolgenden Nachtschichten sollte möglichst gering sein, möglichst nicht mehr als drei.

- Nach einer Nachtschichtphase sollten möglichst mehr als 24 Stunden arbeitsfreie Zeit folgen.

- Geblockte Wochenendfreizeiten sind besser als einzelne freie Tage am Wochenende.

- Mehrbelastung sollte durch Freizeit ausgeglichen werden.

- Ungünstige Schichtfolgen sollten vermieden werden. Schichtpläne sollten vorwärts rotieren.

- Die Frühschicht sollte nicht zu früh beginnen.

- Die Massierung von Arbeitstagen oder Arbeitszeiten auf einen Tag sollte begrenzt werden.

- Die Schichtdauer sollte von der Arbeitsschwere abhängig sein.

- Bei ungleichen Schichtlängen sollte die Nachtschicht kürzer sein.

- Schichtpläne sollen vorhersehbar und überschaubar sein.

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