WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Arbeitszeitstudie Wer in Deutschland am meisten Überstunden macht

Vor allem gut verdienende Führungskräfte leisten viele Überstunden. Die Mehrarbeit ist meist im guten Gehalt bereits eingepreist. Quelle: imago images

Eine Umfrage zeigt, dass Deutschlands Arbeitnehmer schon Zeiten mit mehr Überstunden erlebt haben. Trotzdem sammelt sich innerhalb eines Berufslebens Mehrarbeit von mindestens einem Jahr an – und das häufig unbezahlt.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Frauen und Männer in Deutschland häufen im Laufe ihres Arbeitslebens Tausende von Überstunden an: Fachkräfte etwas mehr als ein Jahr an Arbeit, Führungskräfte sogar eineinhalb Jahre. In Zahlen ausgedrückt: Fachkräfte leisten im Durchschnitt bis zu ihrem 65. Lebensjahr 9655 Überstunden an, Führungskräfte 15.390.

Das klingt nach enorm viel Lebenszeit und der verpasste rechnerische Gegenwert von so vielen Stunden unbezahlter Arbeit dürfte manchem Tränen in die Augen treiben. Denn mehr als die Hälfte derer, die Überstunden schieben, bekommen nicht einmal einen Ausgleich dafür.

Aber der Reihe nach. Im „Arbeitszeitmonitor 2019“ haben Vergütungsanalysten des Hamburger Unternehmens Compensation Partner aus über 215.000 Angaben von Beschäftigten in Deutschland die Anzahl der geleisteten Überstunden von Fach- und Führungskräften ausgewertet. So beeindruckend die Zahl der Gesamt-Lebensüberstunden wirkt, so erfreulich ist ein anderer Befund: In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Überstunden kontinuierlich gesunken. 2009 waren es durchschnittlich noch 6,5 Stunden in der Woche, heute sind es drei. Das wird mit der guten Konjunktur heute und der Krisenphase vor zehn Jahren plausibel erklärt.

Frauen machen dabei durchschnittlich 2,2 Überstunden pro Woche und Männer 3,7. Bei diesen Durchschnittswerten ist allerdings zu beachten: Rund 46 Prozent der Beschäftigten machen gar keine Überstunden, 54 Prozent machen sie – und bleiben damit jeweils mehr als zwei oder drei Stunden pro Woche länger am Arbeitsplatz.

Unterschiede ergeben sich auch aus den Positionen. Jede zweite Fachkraft leistet Arbeit über die vertragliche Stundenzahl hinaus, im Durchschnitt 2,7 Stunden pro Woche. Unter Führungskräften scheint es dagegen unüblich zu sein, keine Überstunden zu machen – 83 Prozent bleiben länger im Büro und häufen dabei durchschnittlich 7,8 Stunden pro Woche an. Die Geschlechterunterschiede nähern sich im Falle von Führungskräften an: Frauen bleiben im Schnitt 6,8 Stunden länger, Männer 7,9 Stunden.

Unter jenen, die generell Überstunden machen, erhält mehr als die Hälfte keinen Ausgleich. Das betrifft 59 Prozent der Frauen und 54 Prozent der Männer.

Überstunden von Fach- und Führungskräften

Alle

Überstunden insgesamt (Durchschnitt pro Woche)

3,03

Machen Überstunden

46%

Machen keine Überstunden

54%

Fachkräfte

Überstunden insgesamt (Durchschnitt pro Woche)

2,7

Machen Überstunden

51%

Machen keine Überstunden

49%

Führungskräfte

Überstunden insgesamt (Durchschnitt pro Woche)

7,8

Machen Überstunden

83%

Machen keine Überstunden

17%

Wer mehr arbeitet, tut dies im Regelfall in Form von moderaten ein bis fünf zusätzlichen Wochenstunden (35 Prozent aller Arbeitnehmer). 13 Prozent sitzen tatsächlich sechs bis zehn Extrastunden ab. Bei wenigen beläuft sich das Zusatzpensum auf elf bis 15 Stunden (drei Prozent) oder sogar 16 bis 20 Stunden (zwei Prozent). In letzterem Fall wären dies vier bis fünf Stunden pro Tag! Einige wenige Extreme arbeiten mehr als 20 bis mehr als 30 Stunden pro Woche mehr – ihr Anteil liegt jedoch im Promillebereich.

Wie viele Überstunden jemand leistet, hängt nicht nur vom Geschlecht und von der Position, sondern auch vom Alter ab. Junge Arbeitnehmer unter 30 sind mit rund 2,5 Stunden pro Woche noch keine ausgeprägten Mehrarbeiter. In diesem jungen Alter haben auch nur sehr wenige bereits eine Führungsposition erreicht. Wenn doch, so arbeiten diese allerdings auch schon rund sieben Stunden pro Woche mehr als sie auf dem Papier müssten.

Zwischen 2,8 und drei Stunden legen Fachkräfte zwischen 30 Jahren und dem Renteneintrittsalter drauf – die Älteren bleiben sogar ein wenig länger. Woran das liegt, geht aus der Studie nicht hervor. Denkbar ist, dass Arbeitnehmer zwischen 30 und 50 Jahren häufiger wegen ihrer Kinder pünktlich Feierabend machen (müssen). Bei älteren Semestern fällt dies nach und nach weg, sie können sich bei der Arbeit mehr Zeit lassen. Denkbar ist auch, dass mit steigender Teilzeitquote auch eher Überstunden anfallen.

Unter den Führungskräften ist die Überstundenzahl durch die Altersgruppen hoch. Spitzenreiter sind die 50- bis 59-Jährigen mit rund 8,3 Stunden pro Woche. Die 40- bis 49-Jährigen und die jenseits der 60 liegen knapp dahinter mit rund 7,9 Mehrstunden.

Kumulierte Überstunden nach Alter
AlterGesammelte Überstunden
FachkräfteFührungskräfte
251920
3012261327
3523303354
4034725201
4546257158
5058129180
55703611.226
60830813.318
65965515.390

Ein Blick auf die überstundenträchtigsten Branchen zeigt, dass Unternehmensberater wohl am anfälligsten für Mehrarbeit sind. Sie leisten durchschnittlich mehr als fünf Stunden pro Woche extra, wobei nur 25 Prozent dafür einen Ausgleich zu erwarten haben. Allerdings verdienen sie in der Regel jedoch überdurchschnittlich. In Werbung und PR, die an sich den Ruf haben, dass hier niemand pünktlich Feierabend macht, fallen laut der Umfrage nur durchschnittlich 3,5 Überstunden pro Woche an – allerdings auch selten entsprechender Ausgleich.

Glücklich können sich Angestellte in der öffentlichen Verwaltung und Steuerberater schätzen – sie müssen am wenigsten Überstunden leisten (weniger als zwei pro Woche) und bekommen diese trotzdem häufiger vergütet (57 beziehungsweise 65 Prozent erhalten Ausgleich).

Wenig überraschend steigt die Zahl der Überstunden proportional zum Gehalt. Ab der 100.000-Euro-Jahresgehalt-Marke sind es im Schnitt rund sechs bis sieben Stunden pro Woche. In diesen Gehaltsklassen finden sich vermutlich bereits deutlich mehr Führungs- als Fachkräfte. Noch einmal nur auf die Führungskräfte geschaut, ist der Wert jedoch noch extremer: Wer mehr als 120.000 Euro im Jahr verdient, leistet im Schnitt mehr als zehn Überstunden pro Woche. Ab 80.000 Euro sind es bereits rund 7,5 Stunden.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%