Arbeitszufriedenheit Beruf als Berufung

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Stimme des Körpers

Harmonische Leidenschaft ist die gesunde Form von Passion. Zwanghafte Leidenschaft hingegen führt nicht selten zum Burnout.

Im Jahr 2005 hielt der Apple-Gründer Steve Jobs eine Rede vor Absolventen der Universität Stanford. Darin empfahl er: Ihr müsst die eine Sache finden, die ihr liebt. Der simple Ratschlag klingt ein bisschen nach Kalenderweisheit. Aber er gilt für jeden – egal, ob für den Arbeiter am Fließband, den Abteilungsleiter im Büro oder den Vorstandsvorsitzenden in der Führungsetage.

Philosophen setzen sich mit Leidenschaft schon lange auseinander. Für den deutschen Denker Friedrich Nietzsche waren sie die „Wildwasser der Seele“, sein französischer Kollege Jean-Jacques Rousseau nannte sie „die Stimmen des Körpers“. Doch fernab von dieser Interpretation spielt Hingabe auch im Beruf eine Rolle: „Ohne Leidenschaft gibt es keine Genialität“, wusste der deutsche Historiker Theodor Mommsen. Und der libanesisch-amerikanische Philosoph Khalil Gibran sagte einst: „Derjenige, der mit Tinte schreibt, ist nicht zu vergleichen mit demjenigen, der mit Herzblut schreibt.“

Diese Denker haben vorweggenommen, was zuletzt immer häufiger Psychologen bestätigen konnten: Hingabe ist essenziell für Glück, Zufriedenheit und Erfolg. Egal, was Sie machen – entscheidend ist, dass Ihre Tätigkeit ein Teil Ihrer Identität wird.

Leidenschaft oder Passion

Pionier der Passionswissenschaften ist der Kanadier Robert Vallerand von der Universität von Québec in Montréal. Ihm zufolge gibt es zwei Leidenschaften: harmonische und zwanghafte. Der entscheidende Unterschied: Harmonisch leidenschaftliche Menschen können vereinfacht gesagt noch selbst entscheiden, ob sie der Tätigkeit wirklich nachgehen wollen oder wann Zeit für eine Pause gekommen ist. Zwanghaft Leidenschaftliche hingegen haben diese Wahl nicht mehr – sie haben bereits eine echte Obsession entwickelt.

Die harmonische ist die gesunde Form der Passion, zwanghafte kann krank machen und führt nicht selten zum Burn-out.

Vallerand hat sich in den vergangenen Jahren in Dutzenden von Studien mit der Entstehung von Leidenschaft beschäftigt – vor allem bei Sportlern, Künstlern und Wissenschaftlern. Egal, wen Vallerand fragte, ob professionelle Musiker, Radfahrer, Balletttänzer oder Basketballer: Die besonders erfolgreichen waren besonders leidenschaftlich. Und diese Studien sind auch auf den Büroalltag übertragbar.

Geld, Karriere, Berufung

Psychologen teilen die arbeitende Bevölkerung in drei Gruppen ein: Die erste sieht in ihrer Tätigkeit hauptsächlich einen Job. Solche Menschen gehen morgens zum Dienst, weil sie wissen, dass sie dadurch die finanziellen Möglichkeiten haben, ihre Miete zu zahlen, Kleidung zu kaufen oder in Urlaub zu fahren.

Die zweite Gruppe strebt vor allem nach einer steilen Karriere – vor allem deshalb, weil sie dadurch Einfluss gewinnt und ihr Selbstwertgefühl steigern will. Für beide Gruppen gilt: Arbeit ist nur Mittel zum Zweck, entweder um den Kühlschrank zu füllen oder sich selbst besser zu fühlen.

Um das deutlich zu sagen: Es ist völlig in Ordnung, einer dieser beiden Gruppen anzugehören. Was nicht in Ordnung ist: dann ständig zu lamentieren, dass einem die Arbeit keinen Spaß macht.

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