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Ausnahmesituation für Selbstständige „Gerade in Krisenzeiten lohnt es sich, Ratschläge zu teilen“

In diesen Zeiten sind Selbstständige mehr denn je auf sich allein gestellt - so wie diese Frau, die in einem leeren Restaurant in Kalifornien an ihrem Rechner arbeitet. Quelle: REUTERS

Der aktuelle Ausnahmezustand trifft Selbstständige besonders hart. Thomas Maas, Chef der Projektbörse Freelancermap, erläutert, was Freiberufler, denen nun die Aufträge wegbrachen, tun sollten – und warum sie am Ende doch noch von der Krise profitieren könnten.

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Thomas Maas baute einst als Freelancer Webseiten für Firmen. 2011 stieg er bei Freelancermap ein. Heute führt er das Unternehmen, das 2005 als digitaler Marktplatz für Experten und Auftragsprojekte gegründet wurde. Aktuell sind über 150.000 Freiberufler auf der Plattform registriert. 

Herr Maas, auf der Plattform freelancermap haben sich mehr als 150.000 Freiberufler registriert. 500 von ihnen haben Ihnen in einer Umfrage anvertraut, wie sie die Corona-Krise spüren. Was beschäftigt die Selbstständigen im Moment?
Die Antworten sind eindeutig: Für fast drei Viertel der freien Expertinnen und Experten bedeutet die Corona-Krise Einbußen in ihrem Geschäft. 58 Prozent sehen sich sogar in ihrer Existenz bedroht. Außerdem beobachten wir, dass Unternehmen weniger neue Projekte anbieten und sich laufende Projekte oft verzögern. Zunächst erst einmal für vier bis sechs Wochen, danach wird die Lage neu evaluiert. Viele Aufträge wurden aber tatsächlich auch schon abgesagt. Davon waren rund 62 Prozent der von uns befragten Selbstständigen betroffen.

Gerade jetzt müssten die Freiberufler mit digitalen Knowhow doch besonders attraktive Fachkräfte für Unternehmen sein. Schließlich kennen sie sich mit den Fragen aus, vor denen viele Firmen nun stehen: Wie klappt virtuelle Teamarbeit? Und welche Infrastruktur braucht es dafür?
Das stimmt so nur zum Teil. Obwohl viele Unternehmen den Freelancern stark entgegenkommen, indem sie ihnen Homeoffice oder Remote-Work ermöglichen, ist das nicht bei allen Aufgaben möglich. Möchte eine Firma zum Beispiel ihre PCs neu aufsetzen oder Hardware austauschen lassen, dann geht das nur, wenn ein Experte vor Ort ist. Schwer haben es derzeit also alle Selbstständigen, die zwangsläufig ins Unternehmen kommen müssen, um ihrer Tätigkeit nachzugehen. Aufträge dieser Art werden oft erst gar nicht mehr ausgeschrieben, weil es für viele Betriebe derzeit schon allein aus gesundheitlicher Perspektive zu riskant ist, sich einen Freelancer ins Haus zu holen.

Wer selbstständig ist, versteht es zumeist auch in schlechten Zeiten einen kühlen Kopf zu bewahren. Blicken die Freiberufler auch in der jetzigen Krise optimistisch in die Zukunft?
Wir beobachten den öffentlichen Austausch zwischen Freelancern intensiv und gerade teilen sie sich in zwei Lager. Die einen sagen „jetzt erst recht“ und sind guter Dinge. Die anderen sehen eher besorgt in die Zukunft. Unserer Umfrage zufolge rechnet etwa die Hälfte der Selbstständigen damit, dass das Gröbste in ungefähr vier Monaten ausgestanden sein wird. Wirklich wissen kann das aber niemand. Außerdem würden mehr als die Hälfte der Befragten im Moment finanzielle Hilfe in Anspruch nehmen wollen.

Für Solos-Selbstständige, Kleingewerbe und Miniunternehmen plant die Bundesregierung einen Fonds von bis zu 50 Milliarden Euro. Welche Wege gibt es abseits finanzieller Hilfen, um sich als Freiberufler aus der Corona-Krise zu retten?
Wir raten allen Freelancern, trotz der Ungewissheit Ruhe zu bewahren und den Unternehmen weiterhin Verfügbarkeit zu signalisieren. Wer kann, sollte digitale Lösungen anbieten. Das gilt nicht nur für unsere IT-Spezialisten, sondern beispielsweise auch für Fitnesstrainer oder Nachhilfelehrer, die ihre Kurse vorübergehend genauso gut online oder via Livestream abhalten können. Außerdem lässt sich die frei gewordene Zeit gut dazu nutzen, um sein Selbstmarketing voranzutreiben, indem man zum Beispiel seine Website überarbeitet oder Social-Media-Kanäle aktualisiert. Weiterbildungen sind eine andere, tolle Möglichkeit, seine Karriere in den kommenden Wochen trotz der schwachen Auftragslage voranzutreiben. Die Selbstständigen müssen jetzt aktiv werden, um nach der Krise besser aufgestellt zu sein. Wichtig ist auch: Alle Freelancer sitzen momentan im gleichen Boot. Wir raten daher dazu, sich digital zu vernetzen. Gerade in Krisenzeiten lohnt es sich, einmal mehr Ratschläge zu teilen und Erfahrungen auszutauschen. Das macht Mut.

Gibt es denn auch Freelancer auf ihrer Plattform, die von der Corona-Epidemie profitieren?
Es werden zwar allgemein gerade weniger Aufträge vergeben, in vereinzelten Bereichen gibt es seit dem Ausbruch der Epidemie aber tatsächlich einen erhöhten Bedarf an Fachleuten. Das betrifft zum Beispiel Projekte rund um die IT-Sicherheit. Schließlich müssen Unternehmen, auch wenn der Großteil ihrer Belegschaft von zu Hause arbeitet, gegen Hacker gewappnet sein. Viele Betriebe stehen hier aktuell vor einer großen Herausforderung, da ihre Daten meist nur im Firmennetzwerk gut verschlüsselt sind. VPN-Zugänge, über die man von zu Hause aus auf die Unternehmensserver zugreifen kann, sind oftmals leichte Einfallstore für Cyber-Attacken. Auch die Nachfrage nach Software-Entwicklern ist gerade hoch. Sie werden vor allem gebraucht, um Home-Office-Plätze einzurichten. Allgemein bemerken wir, dass Freelancer, die remote arbeiten, für Projekte bevorzugt werden. Daher kann ich es nur noch einmal sagen: Wer kann, sollte digitale Lösungen anbieten.

Das klingt, als ob die Corona-Krise die Arbeitsweise der meisten in Deutschland grundlegend verändern könnte.
Prognosen anzustellen, ist sehr schwierig, denn eine Lage wie diese gab es noch nie zuvor. Aber vielen Unternehmen wird im Moment klar, wie wichtig es ist, nicht nur für ihre Kunden, sondern auch für ihre Angestellten digitale Lösungen anzubieten. Home-Office und Remote Work zeigen den Betrieben gerade neue Wege auf. Somit könnte die Corona-Krise ein wichtiger Schritt Richtung New Work werden. Freelancer können also damit rechnen, dass mehr Projekte in Zukunft auf Remote-Basis bearbeitet werden können.

Könnten Freelancer also vielleicht sogar gestärkt aus der Corona-Krise hervorgehen?
Das Coronavirus hat ein Umdenken bei den Betrieben angestoßen, davon profitieren Freelancer langfristig doppelt: einmal, indem ihre eigene Arbeit im Projekt digitaler und flexibler wird; andererseits, weil sie selbst maßgeblich die Digitalisierung in den Unternehmen mit umsetzen werden.  Ist die Pandemie weitgehend ausgestanden, kann in der zweiten Jahreshälfte außerdem ein Auftragsboom für Freelancer folgen, den sie auf jeden Fall für sich nutzen können.

Mehr zum Thema: Kleinstunternehmen und Solo-Selbstständige trifft die Coronakrise besonders hart. Wie Betroffene jetzt ihre Geschäftsmodelle anpassen, woher sie Geld bekommen und welche Rolle ein gutes Verhältnis zu den Kunden spielt.

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