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Auszubildende „Viele Jugendliche müssen erst einmal Disziplin lernen“

Firmen suchen händeringend nach Nachwuchskräften und die Konjunktur brummt, doch gute Azubis sind knapp. Quelle: dpa

Betriebe werben mit Geschenken um Azubis, die Bundeswehr senkt die Ansprüche. Das machen sie aus Verzweiflung, erklärt der Arbeitspsychologe Michael Kastner. Denn guter Nachwuchs ist rar. Schuld sind auch die Eltern.

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Seit 2010 gibt es nach Angaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung mehr Ausbildungsplätze als Bewerber. Die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge sinkt von Jahr zu Jahr. Woran liegt das?
Die Anzahl an Optionen ist zu groß. 19.000 Studiengänge gibt es in Deutschland. Das ist total verrückt. Durch einen Wertewandel ist es in unserer Gesellschaft höher angesehen, einen dieser Studiengänge zu wählen, als einen Ausbildungsberuf. Niemand möchte ein Mensch zweiter Klasse sein.

Was sind Entscheidungskriterien bei der Berufswahl?
Die Menschen wählen ihren Beruf selten nach ihren Fähigkeiten, sondern eher nach dem, was sie nicht können. Ein Beispiel: Jemand ist nicht gut in Mathe und wird deshalb kein Ingenieur. Die Folge: Alle, die sich nichts Spezielles zutrauen, studieren BWL. Das scheint der bequemste Weg zu sein, der auch noch gesellschaftlich akzeptiert ist.

Warum hat die Ausbildung so ein schlechtes Image?
Eltern wollen, dass ihre Kinder es einmal besser haben als sie selbst. Sie verlangen von ihren Kindern, Abitur zu machen und zu studieren.

Ist die Erziehung also schuld daran, dass es vielen schwer fällt, sich für einen Beruf zu entscheiden?
Zum Teil. Wer verwöhnt wird, muss sich um wenige Dinge selbst kümmern. Die Jugendlichen sind heutzutage schlichtweg zu bequem, um sich über Berufe zu informieren. Und völlig unabhängig davon, ob sie einen Job gut machen könnten, zählt letzten Endes das Ansehen der Tätigkeit und das Geld.

Warum brechen von denen, die trotzdem eine Ausbildung machen, so viele ab?
Der Anspruch der Eltern, dass ihre Kinder es besser haben sollen, führt oft dazu, dass sie ihre Kinder zu sehr verwöhnen. Immer das neueste Smartphone zu haben wird zur Selbstverständlichkeit, viele Stunden vor der Konsole gehören zum Alltag. Da fallen Disziplin, Durchhaltevermögen und Fleiß hinten runter. Diese Dinge sind aber notwendig, um in einer sich immer schneller wandelnden Arbeitswelt bestehen zu können.

Müssen Lehrer anstelle der Eltern die Kinder erziehen?
Sie müssen, damit in den Schulen kein totales Chaos herrscht. Auf der anderen Seite stehen aber die Eltern, die sofort Alarm machen, wenn ein Lehrer ihr Kind mal böse ansieht. Da ist es nicht leicht, die Qualität der Schulausbildung hoch zu halten und den Kindern wirklich faire Noten zu geben. Die Folge ist, dass immer mehr Jugendliche Abitur machen, obwohl das nicht ihre Fähigkeiten spiegelt.

Sollten Lehrer wieder strenger benoten?

Wer Abitur hat, hat aber doch so viele Möglichkeiten.
Dann kommen aber Leute an die Hochschulen, die für ein Studium einfach nicht geeignet sind. Sie verschwenden Lebenszeit und fühlen sich dann wie Verlierer, weil sie plötzlich ihrem anerzogenen Bild von Erfolg nicht gerecht werden können.

Sollten Lehrer also wieder strenger benoten?
Unbedingt. Die jungen Leute sollten nicht überall verwöhnt werden. Die Schule muss Grenzen aufzeigen und zeigen, dass es ohne Disziplin und Fleiß keinen Erfolg gibt.

Wie sollen Ausbilder agieren, um verwöhnte Jugendliche in der Realität der Arbeitswelt nicht zu verschrecken?
Ausbilder sollten ihre Azubis ermutigen und motivieren. Gleichzeitig müssen sie aber auch in Sachen Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Disziplin Erziehungsarbeit nachholen. Oft fällt es Azubis schwer, sich dafür zu öffnen. Ihr Anspruchsdenken steht ihnen im Weg.

Welche Ansprüche haben Auszubildende?
Die Liste ist lang: Erfolg, Geld, sich nicht dreckig machen müssen, keine Überstunden machen, bloß nicht am Wochenende arbeiten. Wer zum Prinzen erzogen wurde, will auch in der Ausbildung wie einer behandelt werden. Sie müssen verstehen, dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind. Man muss erst einmal etwas lernen, um Erfolg zu haben.

Viele Ausbildungsbetriebe werben beispielsweise damit, dass sie dem Azubi ein Auto leasen oder mit sonstigen Geschenken. Das klingt nicht nach „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“.
Das machen sie aus Verzweiflung. Gute Auszubildende sind knapp. Mit Geschenken bedienen sie das Anspruchsdenken der Jugendlichen. Sogar die Bundeswehr senkt die Ansprüche. Auszubildende müssen im Training kürzere Strecken laufen. Aber was sollen sie machen? Sie sind ja auf den Nachwuchs angewiesen.

Könnte eine Wehrpflicht dafür sorgen, dass weniger junge Menschen die Ausbildung oder das Studium abbrechen?
In meiner Jugend war es selbstverständlich, dass man zur Bundeswehr ging oder zum Zivildienst, also zwei Jahre für die Gesellschaft opferte. Ich halte viel davon. Das erzieht einen ja auch dazu, pünktlich aufzustehen und zuverlässig zu arbeiten. Eigenschaften, die für beruflichen Erfolg zwingend erforderlich sind.

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