Azubis mit E-Autos und Gleitzeit So kreativ kämpfen Städte gegen die Schrumpfung

Niedersächsisches Idyll: In kaum einem anderen Landkreis leben pro Quadratkilometer weniger Menschen als in Lüchow-Dannenberg. Quelle: imago images

Um dem Fachkräftemangel etwas entgegenzusetzen, braucht es mehr Menschen. Doch wer sichert den Wohlstand, wenn eine Region schrumpft? In den besonders betroffenen Regionen Trier und Lüchow-Dannenberg reagieren Politik und Wirtschaft innovativ.

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Jessica Zacharias ähnelt mit ihrer Biografie vielen der gut 48.000 Einwohner im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Nach der Schulzeit zog Zacharias weg aus der Region, die zu den am dünnsten besiedelten Landkreisen der Republik zählt. Raus aus dem Dorf, rein in die Großstadt. Erst nach Hamburg, dann nach Hannover. Inzwischen aber ist sie zurück in Lüchow-Dannenberg. Zurück in der Region mit ihren 27 Gemeinden, in denen auf einem Quadratkilometer gerade mal 39 Menschen leben. Bundesweit liegt dieser Wert bei 232 Menschen.

Zacharias leitet seit Anfang Oktober die Geschäftsstelle der Wirtschaftsförderung in der Region, soll die Wirtschaftskraft stärken, Firmen in den Landkreis holen, Einwohner zu Gründern machen. Und Menschen, die es wie sie in die Stadt zieht, eines Tages zurück in den Kreis bringen. Wann immer sie dieser Tage mit den zumeist familiengeführten Unternehmen der Region spreche, sei der Fachkräftemangel eines der Top-Themen, so Zacharias. „Die Firmen brauchen hier Unterstützung, möchten von dem Wissen anderer Unternehmen profitieren“, sagt sie.

Neuen Studien zufolge dürften die Unternehmen dabei in Zukunft noch viel mehr Unterstützung benötigen als ohnehin schon. In einer Modellrechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) schrumpft kein anderer Landkreis bis 2030 so stark wie Lüchow-Dannenberg. „Der Wanderungsverlust beläuft sich bei den 20- bis 64-Jährigen im Jahr 2030 hier auf rund sieben Prozent“, so die Erkenntnis der Forscher um Wido Geis-Thöne, beim IW verantwortlich für Familienpolitik. Die Forscher beziehen sich auf die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, verändert sich ihre Anzahl besonders stark, dürfte das zu Verwerfungen auf dem regionalen Arbeitsmarkt führen. Auch in vielen ostdeutschen Landkreisen auf dem Land geht die Bevölkerung besonders stark zurück. Mit Leipzig (plus 26 Prozent) und Potsdam (plus 23,5) liegen allerdings auch die größten Wanderungsprofiteure im Osten der Republik (siehe Karte).



Die Modellrechnung ist ein Vorbote dafür, was in Lüchow-Dannenberg und anderswo drohen könnte: Firmen finden immer weniger Beschäftigte, wenn sich in den nächsten Jahren die Arbeiter aus den geburtenstarken Jahrgängen der Sechziger zur Ruhe setzen, und könnten abwandern. Noch können sich Politik und Wirtschaft vor Ort gegen diese Entwicklung stemmen. „Die Regionen müssen für junge Menschen ein Umfeld schaffen, in das diese gerne zurückkehren“, sagt Geis-Thöne. Um Menschen in die Region zu locken, lassen sich die Entscheider vor Ort einiges einfallen, werden erfinderisch.

So leitet Sigrun Kreuser in Lüchow-Dannenberg eine eigene Beratungsagentur des Kreises, gefördert mit EU-Mitteln. Kreuser kümmert sich um Stadtflüchtige, um Menschen, die wieder oder erstmalig ins Wendland ziehen und auf der Suche nach Informationen sind: Wo können sie wohnen, wo gibt es Bauland, in welche Schule gehen die Kinder, welchem Sportverein treten sie bei? Und vor allem: Bei welchen Unternehmen können sie arbeiten? Die Beratung steht mit Firmen und Fachkräften gleichermaßen in Kontakt, vermittelt Personal an die Arbeitgeber, die sich auf der Webseite der Agentur präsentieren. Kreuser arbeitet für diese Beratungsleistung eng mit Wirtschaftsförderin Zacharias und den Firmen vor Ort zusammen, zog vor 16 Jahren selbst aus der Millionenstadt Köln aufs Land.

Flucht vor dem Brexit

„Wir stellen aktuell fest, dass auch junge Menschen aus Digitalfirmen in den Landkreis ziehen. Sie können ohne Probleme im Homeoffice arbeiten und Stadt gegen Land tauschen“, sagt Kreuser. Und ihre Arbeit zeigt auch über Staatsgrenzen hinaus Wirkung: Zwar richte sich das Angebot unter anderem an Zuzügler, die schon von der Region gehört haben, und an Rückkehrer, die etwa zur Familiengründung nach den ersten Jahren im Beruf zurück nach Lüchow-Dannenberg kommen. So wie es auch die IW-Forscher empfehlen. „Tatsächlich haben sich schon Menschen bei uns gemeldet, die aufgrund des Brexits aus Großbritannien weggezogen sind“, sagt Kreuser. Wirtschaftsförderin Zacharias hat mittlerweile auch eine kaum beachtete Klientel im Blick, die dem Fachkräftemangel etwas entgegensetzen könnte. „Viele Menschen kommen mit 60 oder 65 Jahren in den Landkreis, wollen ihren Lebensabend auf dem Land verbringen“, sagt sie. Es würden sich „neue Möglichkeiten und Perspektiven“ bieten, „Menschen mit langjähriger Berufserfahrung und dem Wunsch auch im Rentendasein noch beruflich tätig zu sein“ zu motivieren und mit ihnen die Unternehmenslandschaft der Region zu stärken.

Fast 500 Kilometer von Lüchow entfernt kämpfen Politik und Wirtschaft in Trier mit ähnlichen Problemen. Auch hier könnte die Erwerbsbevölkerung bis 2030 überdurchschnittlich stark schrumpfen, zeigen die Zahlen des IW. Um 6,8 Prozent bis 2030. Eine große Rolle spielt beim Fachkräftemangel die Nähe zu Luxemburg, hier lockt das blendende Gehalt in Großbanken und Beratungshäusern die Absolventen der örtlichen Universität und der Hochschule ins Großherzogtum.

In der Stadt selbst prägen Gastronomie und Hotellerie die Wirtschaft, bekannte Unternehmen sitzen außerhalb. Trier liegt im Tal, Industriegebiete am Rand des Stadtgebiets auszuweiten, ist kaum möglich. Der Maschinenbauer Grohmann etwa, der 2017 von Tesla übernommen wurde, sitzt 50 Kilometer von Trier entfernt.

Die Unternehmen in der Stadt werden hier besonders kreativ, um die jungen Menschen langfristig zu binden: Das Nells Park Hotel im Norden Triers gilt etwa als einer der besten Ausbildungsbetriebe der Region. Jedes Jahr helfen die Azubis bei der Weinlese. Der Betrieb kürt sogar regelmäßig den besten Auszubildenden eines Quartals. Wer das schafft, darf die nächsten drei Monate in einem elektrischen BMW i3 durch die Region fahren, dem „Azubi Car“.

In Lüchow bedienen sich die Firmen anderer Lockmittel: Im Landkreis steht seit Anfang der 1960er-Jahre ein Werk des schwedischen Industriekonzerns SKF, der hier direkt an den Schulen Auszubildende rekrutiert. Die Auszubildenden lernen in einem modernen Lernzentrums etwas über Technologien der Industrie 4.0, erhalten „Extraleistungen wie Fahrtgelt oder Arbeitskleidung“, sagt Arne Kallfass, Personalleiter vor Ort. „Schon Auszubildende können bei uns in Gleitzeitmodellen arbeiten und haben so eine hohe Alltagsflexibilität“, sagt Kallfass.

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Continental fertig in einem Werk in Dannenberg Antriebsriemen und Kunststoffbauteile. Zwar findet der Dax-Konzern hier in der Region noch viele Mitarbeiter für die Produktion, so das Unternehmen auf Anfrage. Im vergangenen Jahr konnte Continental 70 neue Mitarbeiter am Standort einstellen, bezeichnet das als „einzigartig im Vergleich zu anderen Standorten in Deutschland“. Allerdings: Die Suche nach Talenten und Fachkräften, nach Ingenieuren und Wirtschaftswissenschaftlern ist deutlich schwieriger, das Recruiting für befristete Stellen sei „sehr herausfordernd“ und schon die Suche nach Auszubildenden gestalte sich „sehr zäh“.

Sigrun Kreuser kennt den Grund: „Die Anzahl der Schüler nimmt hier in der Region ab. Die Unternehmen müssen heute um die jungen Fachkräfte buhlen und dabei ganz anders und kreativ um die Berufseinsteiger werben – das war vor einigen Jahren noch umgekehrt“, sagt Kreuser. Eine Reihe Mittelständler bildet das wirtschaftliche Fundament der Region: Der Saftproduzent Voelkel etwa. Oder die Firma Steinicke, die luftgetrocknetes Gemüse vertreibt. Allerdings zerren die weltbekannten Unternehmen außerhalb des Landkreises an den jungen Talenten der Region: „Wir beobachten, dass viele junge Menschen nach der Erstausbildung in einem unserer Betriebe in andere Städte ziehen, da sie sich oftmals beruflich weiterentwickeln wollen“, sagt Wirtschaftsförderin Zacharias. Viele Unternehmen sind im produzierenden Gewerbe tätig, nach der Ausbildung vor Ort lockt im Süden mit Volkswagen einer der bekanntesten Arbeitgeber des Landes: Nur 70 Kilometer liegen zwischen den Wolfburger VW-Werken und dem ländliches Idyll Lüchow-Dannenbergs.

Mehr zum Thema: Firmen leiden heute mehr denn je unter Fachkräftemangel. Zumindest behaupten das ihre Verbände. Neue Zahlen zeigen, welche Berufe tatsächlich mit einem Engpass kämpfen – und wo es in Wirklichkeit kaum Jobchancen gibt.

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