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Backen statt Karaokeabend Die Gewinner von virtuellen Weihnachtsfeiern

Quelle: Dan Berlin

Für Veranstalter von Weihnachtsfeiern ist die Saison vor allem eines: trist. Manche richten den geselligen Glühweihumtrunk für Firmen nun im virtuellen Raum aus. Doch was für die einen ein Nullgeschäft ist, lässt bei anderen die Kasse klingeln.

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Als Dan Berlin vor über 15 Jahren seinen Job in der IT-Branche schmiss, um Zauberer zu werden, wusste er, dass er sich auf ein hartes Geschäft einlässt. Ein umso härteres in Zeiten der Coronapandemie, in der nun so gut wie alles stillsteht. Doch Berlin ist erfinderisch: Mit digitalen Weihnachtsshows zaubert er sich durch die Krise. Vor Anfragen kann er sich kaum retten. Und schon jetzt sagt er mit einem breiten Grinsen im Gesicht: „Dieser Dezember wird mein bester Monat überhaupt.“

Für die wenigsten Veranstalter läuft das Weihnachtsgeschäft so gut wie für Berlin. Für die meisten Gastronomen, Caterer und Eventplaner dürfte die diesjährige Weihnachtszeit vielmehr unter dem Motto „Oh du traurige“ stehen. Und doch gibt es sie, die Gewinner der Corona-Adventszeit, die ihre Geschäftsmodelle blitzschnell digitalisiert haben und Firmen ein Rund-um-sorglos-Paket für die virtuelle Weihnachtsfeier anbieten. Da werden Pakete mit vorgekochten Drei-Gänge-Menüs verschickt, Lebkuchenhaus-Baukästen mit Glühwein oder allerlei alkoholische Getränke für Wein-, Whiskey- oder Gin-Tastings zu Hause.

Quelle: Femtasy

Zusammensein mit Abstand

Irgendwie trist, könnte man meinen, wenn man bedenkt, dass bei vielen schon so gut wie der ganze Arbeitsalltag aus viereckigen Gesichtern auf dem Bildschirm für die unterschiedlichsten Meetings besteht. Und doch ist eine virtuelle Weihnachtsfeier besser als keine Weihnachtsfeier, sagt Arbeits- und Gesundheitspsychologin Amelie Wiedemann. „Das Jahr hat uns alle gefordert und der informelle Austausch beim geselligen Zusammensein ist gut und wichtig für die Psyche.“ 

Das scheint zu fruchten: Die Firma BakeNights etwa, die Backworkshops anbietet, hat coronabedingt komplett auf digital umgestellt und damit ihren Umsatz in diesem Jahr verdoppelt. Und auch andere Anbieter, die ihre Feiern nun Corona-konform rein digital anbieten, profitieren von der großen Nachfrage fürs weihnachtliche Zusammensein mit Abstand. Denn die Pandemie hat die Weihnachtszeit ordentlich durcheinandergebracht, die einzige Möglichkeit für Unternehmen, ihren Mitarbeitern doch noch ein gemeinsames Fest zu bieten, liegen nun einmal im digitalen Raum.

Gemeinsames Backen vor dem Rechner

Die Unternehmensberaterin Helena Dethlefs hat im Frühjahr schon an Weihnachten gedacht. „Im ersten Lockdown haben vielerorts Teamspirit und Motivation etwas gelitten“, sagt sie. Dagegen wollte sie etwas unternehmen und organisierte virtuelle Cupcake-Backkurse, Yoga-Sessions und Grillkurse. Aus der Idee heraus ist ihr Start-up „Virtual Teamevents“ entstanden, bei dem Firmen nun auch ihre Weihnachtsfeier reservieren können. Ob Start-up oder Großkonzern, bei ihr buchen sie alle. Für Weihnachten seien sie schon jetzt so gut wie ausgebucht, demnächst verkaufen sie dann schon Jahresauftaktevents für die Zeit nach Weihnachten.

Quelle: Virtual Teamevents

Über alle Branchen und Unternehmensgrößen am beliebtesten ist die Lebkuchenhaus- und Glühweinnacht. Dethlefs arbeitet dabei mit kleinen Manufakturen zusammen, die die Backkurse und Getränke-Verkostungen mit den Unternehmen durchführen und bietet somit auch ihnen einen Weg aus der Krise. Bei den virtuellen Weihnachtsfeiern bekommt jeder Mitarbeiter vorab ein Paket mit Lebkuchenbauteilen, Gin oder Glühwein nach Hause geschickt und ist damit für den Abend ausgestattet. Ein wichtiger Aspekt, findet auch Arbeitspsychologin Wiedemann: „Die Beschäftigten erleben es als Wertschätzung ihres Arbeitgebers, wenn sie das Equipment für die Weihnachtsfeier als Präsent nach Hause geschickt bekommen.“

Dethlefs selbst ist eigentlich prachtvolle Weihnachtsfeiern gewohnt. Wo sie arbeitete, wurde das Fest im Dezember immer groß aufgezogen, ihre Kollegen und sie gingen nie vor drei oder vier Uhr nach Hause, oft seien sie zu später Stunde noch auf andere Partys weitergezogen. 


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Bei den Feiern, die sie jetzt organisiert, sehen sich Kollegen nur auf dem Bildschirm, sie trinken Glühwein, dekorieren ein Lebkuchenhaus. Es ist ein persönlicheres Weihnachtsfest als sonst, sagt Dethlefs, man sieht das zu Hause der Kollegen, deren Familien und deren Backkünste. Sie erzählt von einer Weihnachtsfeier von Kunden, bei der sie auch zugeschaltet war, bei der die Tochter einer Kollegin in der Küche tanzte und ein Huhn in die Kamera streckte: „Da kommt das Ei her!“

Ein positives Klima im Team sei wichtig, um eine Unternehmenskultur stabil zu halten, sagt Dethlefs. „Und Weihnachten ist ganz klassisch die Zeit, Danke zu sagen und das sollte auch in diesem Jahr nicht zu kurz kommen, vor allem weil es für uns alle schwer war.“ Das bestätigt auch Arbeitspsychologin Wiedemann: „Wenn man stolz auf das gemeinsam Erreichte zurückblickt, stärkt das den Teamzusammenhalt.“

Einblick in die Küche der Kollegen

Nina Meggle ist von virtuellen Weihnachtsfeiern durchweg begeistert. Seit kurzem arbeitet sie bei Femtasy, einem Unternehmen, das Erotikhörspiele für Frauen produziert und seine Weihnachtsfeier in diesem Jahr mit BakeNight abgehalten hat. Gemeinsam mit ihrem kleinen Team von knapp 30 Leuten buken sie auf ihrer digitalen Feier Baumkuchenspitzen. Den Laptop hatte sie wie die meisten ihrer Kollegen auf der Arbeitsplatte stehen, auf dem Screen sah sie sowohl ihre Mitarbeiter als auch die Bäckerin in zwei Einstellungen: Einmal ihr Gesicht und einmal eine Aufnahme von oben auf die Backfläche, damit auch jeder jeden Schritt des Backens genau verfolgen konnte. Ob solch eine virtuelle Feier nicht viel unpersönlicher als eine Weihnachtsfeier vor Ort ist? Meggle verneint das. „Für mich war das genau umgekehrt: Ich fand es total spannend, den Einblick in die Küchen meiner Kollegen zu bekommen, das war als würde man mit nach Hause genommen werden“, erzählt sie am Telefon. Da seien Hunde in der Küche herum gesprungen, teilweise seien die Partner mit dabei gewesen, eine Praktikantin hatte sogar ihre Mutter mit im Bild. „Das war vom Gefühl her was ganz anderes als ein Arbeitsmeeting.“

Trotzdem ist eine virtuelle Weihnachtsfeier ein Fest auf Distanz: Alles läuft über Videochattools wie Zoom oder Teams, den Glühwein trinken die Mitarbeiter nur vor der Kamera zusammen, alle an verschiedenen Orten. Damit die Mitarbeiter trotzdem motiviert bei der Sache sind und nicht der Zoom-Müdigkeit verfallen, empfiehlt Arbeitspsychologin Wiedemann vor allem eins: Interaktion. „Unternehmen sollten ihre Mitarbeiter aktiv einbinden, je früher desto besser.“

Quelle: Dan Berlin

Das macht auch Dan Berlin mit seinen Zaubershows. In seiner Wohnung in einer kleinen Stadt in Nordrhein-Westfalen hat er dafür sein Wohnzimmer zu einer Zauberbühne umgestaltet, vor seinem Schreibtisch und Computer mit Webcam befinden sich alte braune Reisekoffer mit dem Zubehör für seine Tricks. Die Kamera kann Berlin gut nutzen, er zeigt visuelle Illusionen mit alltäglichen Objekten, druckt bares Geld aus seinem Smartphone und zaubert Feuer aus seinem Geldbeutel. Für ihn sorgt die Pandemie für volle Taschen, Unternehmen buchen fleißig bei ihm, auch für das neue Jahr plant er bereits Veranstaltungen. Was Zaubershows zu Weihnachten so beliebt macht? „Die Leute rätseln und staunen gerne und auch per Videokonferenz wird jeder mit einbezogen.“

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