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Beamtenbund-Chef Silberbach „Beamte schieben Hunderttausende von Überstunden vor sich her“

Ulrich Silberbach, Bundesvorsitzender dbb beamtenbund und tarifunion. Foto: Marco Urban Quelle: PR

Die deutsche Verwaltung leidet unter Personalmangel. Im Interview erklärt Beamtenbund-Chef Ulrich Silberbach, wie die Unterversorgung Bürgern wie Wirtschaft schadet und was geschehen muss.

WirtschaftsWoche: Herr Silberbach, dem deutschen Staat fehlen nach Berechnungen Ihrer Organisation mehr als 200.000 Beschäftigte, Beamte wie Arbeitnehmer. Woran liegt das?
Herr Ulrich Silberbach: Im öffentlichen Dienst wurde über Jahrzehnte Personalabbau mit dem Rasenmäher betrieben. Gleichzeitig hat man das zu bewältigende Auftragsvolumen permanent erhöht, anstatt mit Hilfe einer gesunden Aufgabenkritik Bürokratieabbau zu praktizieren. Wenn man dann auch noch die demografische Entwicklung vollkommen aus den Augen verliert, kracht es halt irgendwann im Gebälk. Dieses Krachen ist nun deutlich vernehmbar, und alle politisch Verantwortlichen gucken betroffen und sagen „Och, das ist ja blöd jetzt“.

Wie macht sich dieses Krachen im Gebälk, wie Sie es nennen, konkret bemerkbar?
In den kommenden 20 Jahren geht jeder zweite Beschäftigte in den Ruhestand, das ist die Generation der Babyboomer. Wegen der rigiden Personalsparpolitik wurden aber über eine Dekade lang kaum noch neue Kräfte eingestellt und ausgebildet, das heißt, auf diese Babyboomer folgen jetzt erstmal weder Menschen noch Know-how.

Und wo bleibt der Nachwuchs in den Behörden?
Aktuell haben wir bei Bund, Ländern und Kommunen rund 198.000 Auszubildende und Anwärter. Das reicht vorne und hinten nicht, um das strukturelle Personaldefizit zu kompensieren. Diese jungen Menschen sind weder fertig mit ihrer Ausbildung noch können viele von ihnen sicher sein, dass Vater Staat sie überhaupt dauerhaft in ein Arbeitsverhältnis übernimmt – denn leider hält nämlich der öffentliche Dienst auch noch den Negativ-Rekord in Sachen Befristungen: Die Quote liegt je nach Rechenart bei mindestens 40 Prozent und trifft vor allem junge Beschäftigte nach Abschluss ihrer Ausbildung.

Was macht diese Personalnot mit den Leuten die im öffentlichen Dienst tätig sind?
Der Druck ist enorm. Die Kolleginnen und Kollegen aus allen Bereichen schieben Hunderttausende von Überstunden vor sich her. Auch die Zahl der Erkrankungen steigt. Die meisten Beschäftigten im öffentlichen Dienst sind trotz aller Widrigkeiten engagiert, sie brennen für den Dienst, den sie für die Allgemeinheit leisten. Aber viele von ihnen gehen dabei zunehmend über ihre Leistungsgrenze hinaus, betreiben Raubbau an ihrer Substanz. Das kann und darf nicht so weitergehen, der Staat hat seinen Beschäftigten gegenüber eine Fürsorgepflicht.

In der jüngeren Vergangenheit kam es immer wieder zu Behördenversagen, sei es beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge oder in der Berliner Stadtverwaltung. Liegt auch das an der Überlastung der Mitarbeiter?
Die Folgen eines öffentlichen Dienstes, der auf der Felge fährt, können Sie tagtäglich besichtigen: Tausende fehlende Kita-Plätze, mitunter monatelange Wartezeiten bei Behördenangelegenheiten, Pflegenotstand und Lehrermangel, marodeste Infrastrukturen, weil es im technischen Dienst an Ingenieuren und Architekten fehlt, äußerst schleppende Digitalisierung von Verwaltungsleistungen. Darunter leiden die Bürgerinnen und Bürger ebenso wie die Wirtschaft, die einen funktionierenden, leistungsfähigen und zeitgemäß technisierten öffentlichen Dienst als wesentlichen Standortfaktor braucht.

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